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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-15 · 16 (15.8.1932) · p. Seite 242

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
16 (15.8.1932)
Date
1932-08-15
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 242 bayerische Israelitische Gemeindezeituilg machen muß. Freilich bleibt auch in diesem Kapitel manches unverständlich. So besteht, selbst (wie hier ja notwendig) unter Vorgabe Ihrer sonderbaren deutschen Orientierung, doch gar keine Rechtfertigung für die Beschränkung einer solchen theologischen Diskussion auf deutsche oder zufällig mehr oder weniger schlecht ins Deutsche übersetzte Schriften, umsomehr als das angebliche Primat der deutschen Juden auf diesem Gebiet großenteils nur in ihrer eigenen Einbildung bestand. So sind denn bei Ihnen Dinge völlig ausgefallen, die zu einer Darstellung solcher Art nicht nur (und sogar zentral) gehörten, sondern auch gerade für eine Diskussion dieser Probleme sich als besonders fruchtbar erweisen. Das unbegreifliche Exempel davon ist Ihre Unbekanntschaft mit Benamozeghs „Dio“, dem noch im Scheitern ergreifenden Versuch, eine Theologie des Judentums ohne Verleugnung der vollen Totalität seiner Wirklichkeit zu schaffen. Aber auch noch viele andere italienische, französische und engliehe Literatur — von Ihrer Haltung der hebräischen gegenüber wage ich gar nicht erst zü reden -— gehörte hierher. Unverständlich ist mir auch Ihr, gerade in der von Ihnen intendierten Perspektive vollends nicht zu rechtfertigendes Schweigen über die fundamentale positive und negative Rolle der kabbalistischen Theologie, die für die Geschichte des sogenannten jüdischen „Daseinsverständnisses“ eine unendlich viel größere Bedeutung gehabt hat als die von Ihnen in bester Aufklärungstradition ausschließlich herangezogene „philosophische“, in Wirklichkeit apologetische (d. h. aber unechte) Überheferungsreihe. Es scheint, daß Sie auf diesem Gebiet ein unschuldiges Opfer (keineswegs das erste) eben jener Vorurteile des Liberalismus geworden sind, die Sie sonst abzulegen für erforderlich halten. Die wahre Geschichte der jüdischen Theologie einschließlich ihrer von Apologetik nicht verfälschten Gebiete sieht sehr viel anders aus als man nach Ihrer Skizze vermuten muß. Viel stärker als Sie es taten, wäre diese rein apologetische Funktion der rationalen Theologie des jüdischen Mittelalters zu betonen. Es ist noch sehr zu erwägen, ob das der Apologetik so völlig abgewandte, ja sich für deren Interessen sogar als sehr störend und widerhaarig erweisende Denken der Kabbalisten nicht einen weitaus essentielleren Gehalt umschließt als eine apologetisch so hochbedeutende, essentiell aber so zweifelhafte Leistung wie das auch von Ihnen sehr zu Unrecht in den Vordergrund gestellte Buch Ikkarim des Josef Albo. Und mehr noch: die Kodifikation gewisser „Dogmen“, die mehr als einmal nichts sind als Verdrehungen wesentlicher Sachverhalte ad maiorem gloriam der jüdischchristlichen Polemik, hat wie so vielen jüdischen Theologen auch Ihnen eine Erbmasse von Vorurteilen geliefert, deren Fragwürdigkeit ich schon seit Jahren nach Kräften zu statuieren suche. Dazu gehört, um ein hervorragendes Beispiel zu nennen, die von Ihnen mit so starkem Pathos zum Zentralpunkt erhobene Lehre von der „Schöpfung aus dem Nichts“. Wenn eine Idee wie die der Schöpfung „aus dem Nichts“ in ihrem Gehalt zwei so grundverschiedenen Typen religiösen Denkens, wie es Maimonides und die Kabbala darstellen, in gleicher Weise problematisch geworden ist, nur unter oft phantastischen Verrenkungen akzeptiert und nur durch eine sogar bei einem Intellektualisten wie Maimonides haarscharf an mystische Theologumena grenzende Interpretation wenigstens in der Formel aufrechterhalten werden konnte, so sollte man nur mit Vorsicht von ihrem Fundamentalcharakter reden. Denn was jenes Nichts nun eigentlich „sei“ oder wenn man will „nichtsei“ — eine Bestimmung an Gott (also ein „Nichts Gottes“) oder nicht, diese entscheidende Frage, die die Zweideutigkeit der Formel sofort enthüllt, kann erst und allein auch eine Entscheidung darüber herbeiführen, ob dieses Prinzip in der Tat die von ihm behauptete Fundamentalbedeutung für das spezifisch religiöse Anliegen des Menschen hat. Denn daß der Mensch sich als Kreatur weiß, dieses in der Tat zentrale religiöse Anliegen besagt noch gar nichts darüber, in welchem Sinn und ob überhaupt er sich als Kreatur aus einem „Nichts“ wüßte, von dem in der Bibel nirgends etwas steht. Und mehr als ein jüdischer Denker hat es entweder direkt ausgesprochen oder doch klar intendiert, daß diese gerühmte Glaubenswahrheit ein religiös indifferenter Satz sei. Kurz und gut, ich will sagen, daß Sie noch wesentliche Korrekturen an Ihrem historischen Bild werden anbringen müssen, wenn Sie von der Idyllik der jüdischen Apologetik wirklich freikommen wollen. So sehr ich in der hohen Schätzung Steinheims Ihnen zustimme, kann ich doch — ein überzeugter Zweifler an der Dignität Graetz‘scher geschweige Dubnow‘scher Geschichtsbetrachtung — nicht umhin, das von Ihnen nachdrücklich abgelehnte Urteil Graetz‘ über Creizenach und andere nur zu bekräftigen. Und hier scheint in der Tat, daß wir an einem entscheidenden Punkt gänzlich uneinig sind. Ihre Tendenz auf eine Aktualisierung des theologischen Gehalts des Judentums scheint nämlich auch Sie, wie schon den Liberalismus zu einer Verwandlung des Judentums in Theologie zu verführen, und so sehr ich die erstere erstrebe, so sehr lehne ich die letztere (oder deren Äquivalente) ab. Solcher Verführung entspricht nicht nur Ihre Orientierung an Karl Barth und dessen bedenklicher Terminologie, sondern auch zweifellos eben als der Revers solcher Orientierung Ihre ausdrückliche Ablehnung der Tradition als der wesentlichen Kategorie religiöser Lebenshaltung im Judentum — eine Ablehnung, die auf einen Sprung ins Nirgendwo, biblische Theologie bei Ihnen genannt, hinausläuft. Dem gesellt sich dann als plötzlich in einem wahrhaft erstaunlichen Exkurs zur Neutralisierung jüdischen Geschichtsbewußtseins bestimmter, sich freilich in dessen Eskamotierung ins „Sakrale“ erschöpfender deus ex machina Ihr „historisches“ Bekenntnis zum Deutschtum, ein Bekenntnis, das nicht nur in einer jüdisch-theologischen Schrift doppelt befremdet, sondern auch in seiner mehr als fragwürdigen begrifflichen Verankerung in ganz anders liegenden theologischen Distinktionen einen leicht blasphemischen Anhauch hat. Sie, der mit Recht den Zionisten den Mißbrauch messianischer Kategorien für politische Aktionen ankreidet (worin um ehrlich zu sein,

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