Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- Seite 241 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Israelitische Gemeinüezeitung Kachrichtenblatt üer IsraeMschen Kultuügemeinöen in München/ Augsburgt Hamberg und des Verbundes Ha^erischer Israelitischer Gemeinden Erscheint am l.u. 15. jeden Monats. — Verlag: B.Heller, München, Plinganserstr.64, Tel.73664 u. 73665, Postscheck München 3987, Schriftleitung: Dr. L. Feuchtwanger, München, Grillparzerstr. 38 Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Die 4gespaltene Millimeter-Zeile 40 Rpf. Familienanzeigen, Stellengesuche u. ähnliche Angebote 15 Rpf. VIII. Jahrgang München, 15. August 1932 Nummer 16 Inhalt: Offener Brief an den Verfasser der Schrift „Jüdischer Glaube in dieser Zeit“ — Altersaufbau und Bevölkerungsgliederung der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg — Geldmacht und Kulturleistung. — Über Luxus und schlichte Lebensführung — Ist die semitische Herkunft des Alphabets und unseres Schriftsystems widerlegt? — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Bücherschau — Personalia. Oiisnsr Brief an den Verfasser der Schrift „Jüdischer Olaube in dieser Zeit" Von Dr. GerhardScholem, Universität Jerusalem Vorbemerkung der Schriftleitung: Gleich nach Erscheinen des Buches von Schoeps, Jüdischer Glaube in dieser Zeit (Berlin,- Philo-Verlag 1932), wurde in diesen Blättern (Nr. 11 v. 1. Juni 1932) unter ausführlicher Begründung festgestellt, daß der hier unternommene Versuch einer Neubegründung der jüdischen Glaubenslehre mißlungen sei. Eine Reihe von Zuschriften der besten Sachkenner hat dieses Urteil bestätigt. Es läge an und für sich kein Grund vor, daß Schoeps hier noch einmal behandelt wird. Außerdem wäre auch die besondere Schwierigkeit des Themas, das nur ein fachwissenschaftlich Geschulter kontrollieren kann, ein Grund mehr, die Kontroverse über den wesentlichen Gedankengehalt des Judentums der wissenschaftlichen Fachzeitschrift zu überantworten. Dem vorliegenden „Offenen Brief“ gegenüber, den der vorübergehend in München auf einer Studienreise weilende Verfasser dem Herausgeber der Gem.-Ztg. übergab, mußten solche Bedenken zurücktreten. In konzentriertester Form tritt hier ein in und außerhalb Deutschlands anerkannter Sachkenner des jüdischen Gedankengutes jenseits der üblichen jüdischen Weltanschauungsgruppen und vollends getrennt von den jüdischen Parteiungen politischer oder religiöser Art, an die Frage der arteigenen geistigen Ordnung des Judentums heran. „Schoeps“ ist nur der an sich höchst gleichgültige Anlaß. Die Kompromißlosigkeit und Unerschrockenheit von Scholem muß auch demjenigen die höchste Achtung abnötigen, der vieles anders sieht — milder und im westeuropäischen zerfließenden Licht eines unentrinnbaren Halbjudentums selbst bei denen, die besten Willens und Könnens sind. Wir hielten uns nicht für berechtigt, diesen bedeutenden offenen Brief, der an Neuem und Wichtigem das kritisierte Buch von Schoeps weit hinter sich läßt, zu glätten und ihm seine Stacheln zu nehmen. Es versteht sich von selbst, daß eine jüdische Gelehrtenpersönlichkeit vom Range Scholems ungekürzt und unzensiert in ihrer Ganzheit gehört werden muß. Bemerkt sei nur noch, daß dieser Brief ohne jede Kenntnis der hier am 1. Juni veröffentlichten scharfen Kritik des Buches von Schoeps geschrieben ist. Sehr geehrter Herr Schoeps, Ich habe Ihre Schrift „Jüdischer Glaube in dieser Zeit“ während der letzten Wochen aufmerksam gelesen. Es ist sehr verdienstvoll, daß auch Sie einen so nachdrücklichen Widerspruch gegen die von der jüdisch-liberalen Theologie des 19. Jahrhunderts (und ja nur allzuoft auch von der „orthodoxen“) beliebte Verfälschung der geistigen Ordnungen des Judentums erhoben haben, und man darf annehmen, daß mindestens für Deutschland dieser Widerspruch auf eine sehr sichtbare und vielleicht (sehr vielleicht) sogar wirksame Weise placiert und formuliert ist. Ich kann Ihren Ausführungen, soweit sie sich auf dieser Linie bewegen, im Grundsätzlichen umsomehr zustimmen, als ich ja diese Linie seit vielen Jahren in meinen Arbeiten und Vorlesungen selber verfolge. (Diese Einschränkung des „soweit“ besagt vor allem: Ohne die von Ihnen gewählte, mir aufs Äußerste widerstrebende protestantische Terminologie). Die Perversion der Begriffe von Offenbarung und Erlösung unter der Herrschaft eines der Illusion der Autonomie verfallenen Denkens ist in der Tat ja der Punkt, von dem aus die Krise des jüdischen religiösen Lebens theologisch zu deduzieren ist. Das Sündenregister des Liberalismus haben Sie in diesen Punkten auf eine wie mir scheint nicht unwirksame Weise dargelegt. So ist das dritte Kapitel der Schrift nicht nur das substanziellste, sondern auch das anziehendste für den, der hinter viele Ihrer sonstigen Ausführungen ein großes Fragezeichen