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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-01 · 15 (1.8.1932) · p. Seite 233

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
15 (1.8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 233 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 233 Halb trunken von der Farbfülle des Orients taumelt man durch dies unübersehbare Gewirr. Herr der Welt! Wie viele Generationen haben hier gelebt! Wie viele Kulturen sind hier gewachsen und wieder untergegangen! Wieviel Blut ist hier geflossen, wieviele Siege und Niederlagen gab es hier! Wieviele Legenden wurden hier gewebt! Rechts von dieser Hauptstraße zweigt ein schmales, krummes, gepflastertes Gäßchen ab. Die Sonne brennt zwischen kahlen, grabartigen Wänden. Schnorrer betteln in allen Sprachen, Jiddisch, Arabisch, Persisch,Türkisch. „Juden, seid barmherzig! Gebt Almosen, Gott wird's vergelten!“- Englische Polizisten sitzen auf eijier Bank, daneben ein Telephon; sie schauen teilnahmslos vor sich hin und tuen ihren Dienst. Zur Linken erhebt sich die „Kotei Hamaarawi“, die Klagemauer. Eine lange Mauer, biblische Steine die unterste Schicht, die Oberschicht eine späte Renovierung Moses Montefiores. Rechts eine neue Wand, der Stein desAnstosses für die Unruhen von 1929. Zwischen den großen Steinen klaffen Risse, darin Gras und Moos wächst — ein Gedenken an Vergangenes. In den unteren Spalten wächst kein Gras, dort liegen kleine Zettelchen. Darauf schreiben Juden ihre Anliegen, ihr Leid und ihre Sorgen. Das sind ihre Briefe zu Gott. In die unteren Spalten stecken Fromme ihre Köpfe und beten. Jeder hat seine eigene Spalte — sein Tor zum Himmel. , __ Das ist die Gegenwart des alten Jerusalem. Gegenüber der alten Mauer stehen sehnige Chaluzim mit zusammengebissenen Lippen und brennenden Augen. Sie kommen aus Ejn Charod, Beth Alfa, Daganja. Sie sehen auf die Klagemauer, auf das Tor zur Mosche, sie sehen — und schweigen. Sie sind die Zukunft des jüdischen Palästina. Aus der Oemeinde München Geheimrat Silbersch mi dt 70 Jahre Am 17. Juli konnte Geheimrat Professor Dr. Silberschmidt, seit Gründung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Präsident der Tagung des Verbandes, den 70. Geburtstag feiern. Seine Wirksamkeit als Bayerischer Richter, der 1919 an den höchsten Gerichtshof Bayerns berufen wurde und als einer der bedeutendsten deutschen Forscher der Rechtswissenschaft ist in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ von dem Vertreter der deutschen Rechtsgeschichte an der Münchener Universität, Prof. Beyerle, dem Nachfolger Amiras, ausführlich in diesen Tagen gewürdigt worden. Geh. Justizrat Dr. Wilhelm Silberschmidt, Oberstlandesgerichtsrat a. D., gehört der Münchener Universität als Honorarprofessor für deutsches bürgerliches Recht, Handelsrecht und deren Nebenfächer, insbesondere freiwillige Gerichtsbarkeit, Versicherungsrecht und Bergrecht, ferner für französisches und soziales Recht mit Lehrauftrag für Arbeitsrecht seit 1916 an. Er ist zugleich Mitglied der Staatsprüfungskommission für den höheren Justiz- und Verwaltungsdienst und war früher richterliches Mitglied des Landesversicherungsamtes. Wir schließen uns dem Glückwunsch von Professor Rayerle an, dessen Schlußworte lauten: „Möge uns sein reifes Urteil, sein mannhaftes Bekenntnis zu Recht und Gerechtigkeit allüberall, sein emsiges Mitschaffen auf dem Felde der Rechtswissenschaft, vor allem aber die Freundschaft seiner liebenswürdigen Persönlichkeit noch lange erhalten bleiben!“ Sitzung des Sozialen Ausschusses gemeinsam mit den gemeindlichen Kollegien am Mittwoch, den 15. Juni 1932 Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer teilt zu Beginn der Sitzung mit, daß beabsichtigt war, am heutigen Abend einen Überblick über die Arbeit der Wohlfahrtsvereine in München zu geben. Leider sei der Referent, Herr Rabbiner Dr. Baerwald, infolge eines Trauerfalles in seiner Familie am Erscheinen verhindert. Herr Dr. Baerwald habe ausdrücklich gebeten, daß der Soziale Ausschuß im Herbst nochmals zusammentrete, um den Bericht über die Vereine entgegenzunehmen. Es wird hierauf Herr Justizrat Dr. Straus das Wort erteilt. Herr Justizrat Dr. Straus gibt an Hand der vorliegenden Statistik einen Bericht über die Tätigkeit des Wohlfahrts- und Jugendamtes im vergangenen Jahre. Die Jahresabrechnung 1931 schließt mit einem Betrag von rund RM. 150 000.— ab. Den weitaus größten Teil, RM. 83 000.—, hat die Gemeinde aus Etatmitteln gegeben. Dazu kommen noch RM. 6360.— aus Stiftungsmitteln und RM. 6650.— aus der Wohtätigkeitskasse der Gemeinde. Bei den RM. 23 000.— „Zuwendungen der Stadt inklusive Nothilfeleistungen“ ist zu berücksichtigen, daß dem auf der Ausgabenseite ein recht beträchtlicher Posten „Ausgaben für allgemeine Nothilfe“ entgegengestellt werden muß. Die übrigen Posten: Regelmäßige Beiträge, Zuschuß des Gesamtausschusses der Ostjuden, Spenden, Erlös aus dem Verkauf von Wohlfahrtsbriefmarken, Rückzahlungen aus gewährten Unterstützungen und Darlehen machen den Betrag von RM. 30 990.— aus. Im Jahre 1932 muß die Arbeit des Wohlfahrtsamtes mit einem auf zwei Drittel des Vorjahres reduzierten Etat mit RM. 92 000.- geleistet werden. Die Gemeinde hat aus Etatmitteln nur den kleinen Betrag von RM. 3000.— bewilligen können. RM. 27 000.— fließen aus Stiftungsmitteln, RM. 5000.— aus der Wohltätigkeitskasse. Der Betrag von RM. 27 000.— stellt das Ergebnis einer Sammlung dar, die im Winter 1931/32 durchgeführt wurde. RM. 8000.— werden die Zuweisungen der Stadt ausmachen, RM. 7000.— die regelmäßigen Beiträge, Spenden und der Zuschuß des Gesamtausschusses der Ostjuden. Der Voranschlag weist noch ein Defizit von RM. 10 000.— auf, das man durch eine neue Sammlung im Winter 1932/33 zu decken hofft. Das Wohlfahrtsamt ist in steigendem Maße beansprucht worden. Die Zahl der behandelten Fälle ist von 503 im Jahre .1930 auf 639 im Jahre 1931 gestiegen. Nur durch mehrfache Kürzung der Unterstützungen war es möglich, mit den vorhandenen Mitteln auszukommen. Durchschnittlich sind monatlich 106 Familien regelmäßig mit insgesamt RM. 3081.— und 119 Familien unregelmäßig mit RM. 4682.— unterstützt worden. Die Sprechstundenbesuche haben im Monatsdurchschnitt 513 betragen, die Hausbesuche 86 und die Besuche durch die Gemeindeschwester 235. Den freiwilligen Hilfskräften, die die angestellten Kräfte bei Büro- und Fürsorgearbeit entlasten, wird herzlich gedankt. Neben Einzelpersonen wirken auch Organisationen bei der Arbeit des Wohlfahrtsamtes mit und ergänzen diese. Der Schwesternbund der München-Loge hat sich insbesondere große Verdienste um den Kinderhort, die Kinderspeisung und den Mädchenklub erworben. Die München-Loge hat durch eine Lebensmittelspende dem Wohlfahrtsamt eine wesentliche Hilfe geleistet. Das Wohlfahrtsamt hat neben den Unterstützungen Darlehen gewährt. Im Jahre 1931 sind 73 Darlehen im Gesamtbetrag von RM. 1600.—'ausgegeben worden. Die Iwria-Darlehenskasse, die

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