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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-01 · 15 (1.8.1932) · p. Seite 232

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
15 (1.8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 232 (sequence 8)
Language
German
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232 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 Ein besonders großer Erfolg war ihnen in der Stadt Kremtschug am Dnjepr (Ukraine) besoldenden; dort sind die Hälfte der Stadtbewohner Juden (40 000). Die Stadt hatte 37 Synnagogen. Der „Verband der kämpfenden Gottlosen“ besteht dort schon vier Jahre. Gegen ihn arbeiteten die Juden, indem sie erklärten, wer gegen die mosaische Religion ist, ist gegen die jüdische Nation. Ein Teil der jüdischen Fabrikarbeiter stimmte für Schließung der Haupt-Choralsynagoge. Gerade am Vorabend der jüdischen Ostern wird die Synagoge geschlossen, am Ostertag weht den Besuchern die rote Fahne entgegen. Dann ging es gegen die Mikwa, die jüdische Badestube mit besonderen Abteilungen für Frauen, die dort zur monatlichen Reinigung sich einfinden mußten. Die Gottlosen sagen: Weil in das Wasser Kranke und Gesunde steigen, darum: Gegen die Quelle der Ansteckung und des Profits! Auf den Protest der Synagogenverwaltung hin organisierten die Gottlosen eine Austrittskampagne aus der mosaischen Religionsgemeinschaft. 80 Prozent traten aus! Klubs und Zirkel werden gegründet, Gottlosenbrigaden, Kampagne gegen die Beschneidung, die Jungpioniere werden mobil gemacht, die geheimen jüdischen Schulen (Cheder) und die Kinder in denselben aufzuspüren und zu verraten. Prozesse sind die Folge. Es bleiben bloß mehr 7 Synagogen und 851 Gemeindemitglieder. Der Gottlosen-Verband zählt 7000 Juden als Mitglieder. — Wie ging es nun den Juden in der neuen Ära? Das hebräische Proletariat und ein Teil der Kleinhandwerker wurden in die hebräischen Kolchose auf der Krim, in der Ukraine und in Biro-Bidshan (Fernöstliches Land) umgesiedelt. Es steht aber nichts davon dabei, ob sie freiwillig die Heimat verlassen haben! Pacymn ropnmam. PaBBHH: Obhctb cep,aue TBoe. £ypW)A: 1tu6h Kor a OIHCTHTi K&pM&HH TBOE. Rabbiner: „Reinige dein Herz.“ Bourgeois: „Damit ich deine Taschen reinigen kann.“ Die Klagemauer Ein Bericht aus eigener Anschauung Frühjahr 1932 Von Dr. A.Percikowitsch (München) Jerusalem: Eine lange schmale gepflasterte Straße führt hinab vom Jaffa-Tor zur Klagemauer. Zu beiden Seiten erheben sich lange Reihen alter Mauern, aus welchen finstere Gewölbe hervorschauen. In diesen Gewölben werden allerlei Arten von Früchten, Orangen, Bananen, eingemachten Oliven, Feigen, Kuchen, Seifen, Knöpfen, Schnitzereien zum Andenken! an! Palästina, verrosteten Messerchen, Häringen, sauren Gurken, Fäden, Nadeln, bunten Bändern zum Verkaufe feilgeboten. Drinnen stehen die Verkäufer: Araber, Armenier, Russen, Türken, Juden aus Litauen, aus Polen, Galizien, Persien, Yemen, Kaukasus, Irak; mit und ohne Bart; in Mützen, Hüten, roten Fessen, Käppchen. Sie sprechen Jiddisch, Hebräisch, Arabisch, Persisch, Russisch, Türkisch, Targum-Sprache (aramäischer Dialekt). Diese Straße, die Hauptstraße der Altstadt Jerusalems, ist der Brennpunkt des Handels, Zentrum des Orients, des Verkehrs und bezaubernder, legendärer, bunter Bilder. Die ganze Woche, von morgens bis abends herrscht in dieser Straße, die ein gewaltiger Menschenstrom durchflutet, ununterbrochen stärkster Verkehr. Wiegenden Schrittes gehen städtische Araber im Fes und ländliche in Aba je, einem langen, bunten Rocke, und in Kefija, einem weißen Kopftuch, das durch einen schwarzen Strickreifen am Kopfe befestigt ist. Stolz und feierlich schreiten russische, griechische und bulgarische Priester in langen Kaftanen mit weiten Ärmeln und hohen schwarzen Hüten. Alte Chalukkajuden, mit langen Bärten und Schläfenlocken, auf dem Kopfe die breite Pelzmütze, „Streimel“ genannt, in schwarze Kaftane gehüllt schleppen sich über das heiße Pflaster. Araber sitzen in kleinen düsteren Kaffeehäusern und saugen an ihren Wasserpfeifen, halbversunken den Träumereien des ewigen Orients hingegeben. Amerikaner, phtographierende Touristen schlendern durch die Straßen. Russische Frauen in weißen und farbigen Kopftüchern, verschleierte Mohammedanerinnen mischen sich unter diesen Menschenstrom. Dazwischen drängen sich kleine Lasteselchen, beladen mit Mehl, Heringen, Kartoffeln, Orangen, Steinen. Über diesem alltäglichen Getriebe, diesem ewigen Hin und Her aber liegt der Abglanz heiligen Bebens. Heiliges und Unheiliges, Europa und Asien, Erhabenes und Niedriges, Freude und Wehmut mischen sich hier. In diesen Gassen herrscht ein unerhört bunter Bilderreichtum, den aufzunehmen die Sinne nicht reichen.

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