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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-01 · 15 (1.8.1932) · p. Seite 231

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
15 (1.8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 231 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 231 tel und ein Weg der großen kulturbolschewistischen Front, welche den Glauben der europäischen Völker bedroht. Darum muß die Parole der nächsten Zukunft lauten: „Aufklärung und Abwehr!“ Das zaristische Regime war nicht judenfreundlich eingestellt. Den Juden war auch die Volksstimmung nicht günstig. Die russischen Judenpogrome reden davon eine deutliche Sprache. Es ging das Sprichwort um: „Du bist arm, weil die Juden dir alles genommen haben.“ Auch eine religiöse Seite hatte der Antisemitismus: „Die Juden haben Christus gekreuzigt, schlagt die Juden!“ Der Druck auf die Juden wurde immer stärker, je mehr die Revolutionsgefahr näherrückte. Die Oktoberrevolution hat den Juden Freiheit und Gleichberechtigung gebracht. An hervorragende Stellen der neuen Regierung kamen Juden, ich nenne nur die Namen Trotzki, Joffe, Sinowjew, Kamenew, Radek. Die Sowjetmachthaber stellten sich günstig gegen die Juden, im Volke blieb aber, wenn auch etwas abgemildert, die antisemitische Stimmung. Sie bekam bei den Anhängern der alten Ordnung sogar neue Nahrung angesichts der Tatsache, daß die Juden hervorragende Sowjetämter innehatten. Im Bürgerkrieg gaben die Weißen die Losung aus: Für die Verteidigung der Christen! Den Juden schob man die Schuld an allen Hinrichtungen und Grausamkeiten der Bürgerkriege und besonders der Tscheka zu. Der Jude ist an allem schuld, so hieß es. Trotz des offiziellen Widerstandes bekam der Antisemitismus selbst in weiten Kommunistenkreisen die Oberhand, so daß 1924 die Juden aus führenden Sowjetämtern ausgemerzt wurden. Trotzki wird verbannt. 1928/29 spielen sich in Rußland schlimmste Judenpogromme ab. Wieder ertönt der Ruf: Die Juden sind schuld an unserem Zusammenbruch. Die Anklagen gegen die Juden sind folgende: 1. Sie drücken sich von der physischen Arbeit und treiben lieber Handel. 2. In den Arbeitsnachweisen sieht man keine Juden. 3. Der aufreizende Luxus der jüdischen Nepleute. 4. Das Überwiegen der Juden in höheren Schulen. 5. Sie drücken sich vom Militärdienst. 6. Der starke Zuzug von Juden nach Moskau. Die offizielle Sowjetinterpretation des Antisemitismus ist folgende: „Der Panslawismus der Mohammedaner, der Zionismus der Juden, der Antisemitismus der Orthodoxen führt trotz des Unterschiedes nach außen und in Worten zur Entzündung nationaler Feindschaften, des Chauvinismus, und wirkt zersetzend auf die revolutionäre Bewegung.“ Dem Zionismus steht die Sowjetregierung feindlich gegenüber, weil sie ihn für eine bürgerlich-politische Bewegung mit religiösem Untergrund ansieht, die sich nicht zum Klassenkampf bekennt. Die jüdischen Arbeiter, welche nach Palästina über siedeln wollen, sucht die Regierung zurückzuhalten und abzuschrecken mit Schilderung der palästinensischen Verhältnisse, wo der englische Imperialismus und jüdische Fanatismus sowie das mittelalterliche Regime der Rabbiner den jüdischen Arbeiter unterdrücken wollen. Die Sowjetmacht will die Arbeiter, die in Südrußland und Ukraine beträchtliche Teile der Belegschaften ausmachen, nicht mit einem Schlage verlieren. Die Gottlosen haben nach zeitweiser Zurückhaltung, die wohl in der Zusammensetzung der Vorstandschaft des „Verbands der Gottlosen“ ihren Grund hatte, den Kampf gegen das mosaische Religionsbekenntnis mit aller Schärfe aufgenommen. Die Moskauer Zeitschrift „Besboshnik u stanka“ (Der Gottlose an der Werkbank) tat sich hier besonders hervor. Unter der Rubrik: „Wie Jehova arbeitet“ sind Jehova, die jüdischen hl. Schriften, die Rabbiner und die Juden in einer Weise geschildert worden, die dem schlimmsten antisemitischen Hetzblatt in keiner Weise nachsteht. Die Rabbiner beuten das Volk aus und verdummen es genau so wie die anderen Religionsdiener, sie halten es mit den Reichen und bedrücken die Armen. Als Beispiel hierzu dient der in^ der genannten Zeitschrift beschriebene Brauch: Am Samstag geht der Synagogen Vorsteher vor der Toralesung auf den Ambon (Kanzel) und ruft aus: 1 Rubel 1. Kapitel! 1.20 ruft ein anderer, 1.30 bietet der dritte, 1.50, 2, 3 Rubel steigern die anderen bis der Meistbietende das Kapitel zum Vorlesen erhält. So werden 8 Kapitel der Tora versteigert. Das Vorlesen ist eine große Ehre, darum der eigenartige Brauch. In der Tora ist auch das Fluchkapitel Toicheche, das wegen der darin enthaltenen Flüche auf alle Gesetzesübertreter keiner übernehmen will. Darum bemüht sich der Synagogenvorsteher, es dem Ärmsten zu übertragen. — Also, folgert der Gottlose aus seinem für uns unkontrollierbaren Bericht: Für die Reichen Segen, für die Armen Fluch! J e h o v a ist immer als einäugiger Mann mit Hakennase und listigem, verschlagenem Gesichtsausdruck abgebildet. Es ergreift den Leser Ekel, wenn er den widerlichen Spott der Gottlosenpresse gegen die alttestament- . liehen Personen und Ereignisse lesen muß. Die anti jüdische Zeitschrift ist „Der Apikoir es“ („Der Ungläubige“), die mit jüdischen Lettern, aber in dem jüdisch-deutschen Mischdialekt der Ostjuden, dem Jiddisch, abgefaßt ist. In der Zeit der Bedrückung haben sich die russischen Juden eine Reihe von Hilfswerken und Unterstützungskassen auf Gegenseitigkeit, die Gmilis chesid, geschaffen. Kassen für Krankheit, für Arzt und Arzneimittel, für Brautausstattung, für Altersversorgung und Begräbnis. Diese Einrichtungen, die gerade den Armen und Mittellosen zugutekommen, sind wie alle Wohltätigkeitsorganisationen der Religionsgemeingemeinschaften den Gottlosen ein Dorn im Auge. „Sie sind bloß ein Mittel in der Hand der Rabbiner und Reichen, den Gegensatz zwischen arm und reich zu verschleiern.“ Denn es ist nach der Lehre der Gottlosen eine Sünde, dem Notleidenden zu helfen. Man darf ihm nichts geben, sondern man muß ihn aufhetzen, wie Lenin sagte, davon wird er dann satt. Die Gottlosenarbeit hat unter den Juden Erfolge zu verzeichnen.

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