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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-01 · 15 (1.8.1932) · p. Seite 230

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
15 (1.8.1932)
Date
1932-08-01
Page
Seite 230 (sequence 6)
Language
German
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230 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 15 Familie und Fürsorge II. Internationale Ivonfere n zfiir soziale Arbeit in Frankfurt a. M. In diesen Tagen fand in Frankfurt a. M. die II. internationale Konferenz für soziale Arbeit statt, die sich das Thema „Familie und Fürsorge“ gestellt hat. Etwa 1200 Teilnehmer aus 31 Ländern aller Kontinente waren anwesend, auch Persönlichkeiten aus der jüdischen Wohlfahrtspflege, besonders aus Amerika und Holland, hatten sich in großer Zahl eingefunden. In der Reihe der Hauptreferate von Rev. Pringle (London), Abbe Viollet (Paris), Mrs. Glenn (New York) und Gertrud Räumer (Berlin) hatten die Ausführungen der letzteren überragende Bedeutung. Während Rev. Pringle die Ausdehnung der Wohlfahrtspflege und der Sozialversicherung, Abbe Viollet den moralischen Verfall zum großen Teil für die Erschütterung der Familie verantwortlich machte, zeigte Gertrud Räumer mit eindringlichem Ernst, unter dem Beifall der Versammlung, daß „die Familie, die wichtigste Wachstumszelle aller gesellschaftlichen Kultur, im heutigen Wirtschaftssystem, wie in keinem anderen bisher bedroht ist, bedroht in einer Weise, der mit Mitteln der Sozialpolitik und Fürsorge nicht mehr zu begegnen ist. Welches auch unsere politischen Ansichten sein mögen, wir müssen zu Verkündern der Notwendigkeit werden, dieses System zu revidieren, damit wieder der Mensch, sein seelisches Leben und seine sittlich produktiven Gemeinschaftsformen in den Mittelpunkt aller Bemühungen der Völker gerückt werden“. Alle Forderungen der Konferenz sind schließlich in dieser Erkenntnis gemündet, und sie war sich auch einig darin, daß nur internationale Lösungen hier erfolgreich sein können. Auch darin bestand im wesentlichen Übereinstimmung, daß glücklicherweise die Familie in ihrem Kern unerschüttert ist. Freilich ist die Konferenz nicht dazu gelangt, Kriterien und Maßstäbe hierfür aufzustellen. Für die jüdische Wohlfahrtspflege besonders interessant war das Thema „Die unvollständige und die zerrüttete Familie als soziologisches, pädagogisches und fürsorgerisches Problem.“ Das Kind aus unvollständiger Familie muß vor Mißachtung bewahrt bleiben, die Verantwortlichkeit für Sozialwaisen muß in das gesellschaftliche Bewußtsein aufgenommen werden. Es wurde angeregt, in dem geplanten internationalen Familienprogramm Vereinbarungen zwischen den Ländern über gegenseitige Hilfe beim Vorgehen Segen solche Väter vorzusehen, die sich während ihres Aufenthaltes im Ausland der Unterhaltspflicht gegenüber ihren Kindern entziehen. Weiterhin wurde gefordert, daß für die besondere Regierungskommission des Völkerbundes Material aus den einzelnen Ländern über die Sonderstellung des Ausländers in Gesetzen und Verträgen, über die Aussichten für zweiseitige, mehrseitige, regionale oder internationale Regierungsverträge betreffend die Unterstützung der jeweiligen Staatsangehörigen gesammelt werden. Die Konferenzteilnehmer sollen in ihrer Heimat dafür wirken, daß die Methode internationaler Verträge zur Besserung der sozialen Lage des Ausländers Anwendung finden. Wie bei allen derartigen groß angelegten Tagungen liegt die Bedeutung dieser Konferenz weniger in ihren positiven Ergebnissen, als in der Fülle von Anregungen, die sie ihren Teilnehmern mit auf den Weg gab. Auch die jüdischen Besucher der Tagung haben sich mehrmals zur Aussprache und zu geselligem Beisammensein vereinigt. Dr. Henny Stahl, Würzburg Die russische Gottlosenbewegung gegen die jüdische Religion Von Dr. AdolfZiegler Im Münchener Verlag Kösel & Pustet erscheint soeben eine sehr stoffreiche Darstellung der russischen Gottlosenbewegung mit vielen, bei uns noch nicht veröffentlichten Bildern (Die russische Gottlosenbewegung. Eine authentische Darstellung mit reichem, in Deutschland erstmals veröffentlichten Bildermaterial, von Dr. Adolf Ziegler; 248 Seiten, geb. RM. 4.50; München, Kösel & Pustet, 1932). Mit Erlaubnis des Verlages geben wir hier das Kapitel „Die Juden“ wieder, dazu das Bild aus der Zeitschrift „Besboshnik u stanka“ (Der Gottlose an der Werkbank). Die deutschen Juden stehen dieser russischen Bewegung nicht gleichgültig gegenüber. Die vom Vorstand der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft (Frankfurt a. M., Hanauer Landstraße 15) erscheinende Monatsschrift „Nach’lath Z’wie“ enthält in ihrem Juni/Juli-Heft einen längeren Aufsatz aus der Feder von Dr. Karl Kindermann, dem jüdischen Studienrat in Rothenfels, der durch den Kindormaiin-Prozeß bekannt geworden ist, über den „Kampf gegen die jüdische Religion in Sowjetrußland“, der nach einer eingehenden Darstellung der Methoden des antireligiösen Kampfes in der Sowjet-Union zu der Schlußfolgerung kommt: „Die schwersten Leiden stehen u. a. der jüdischen Religion und ihren Bekennern in Sowjetrußland noch bevor! Aber sollen wir deutschen Juden wirklich untätig Zusehen, wie dort drüben im Osten die religiöse Vernichtung durchgeführt wird? Sind wir es nicht unserem religiösen Glauben und unserem Gewissen schuldig, uns der großen Protestbewegung anzuschließen, welche jetzt wie eine Welle durch Europa zieht! Die ersten Versuche einer Annäherung an evangelische und katholische Kreise und die Bemühungen um gemeinsame Abwehrmaßnahmen sind bereits eingeleitet worden. Noch fehlt aber viel, bis wir von einer systematischen Arbeit gegen die Feinde der Religion sprechen können. Ohne Zweifel werden die kommenden Monate im Abwehrkampf gegen die immer mehr auf Deutschland übergreifende antireligiöse Propaganda viel Neues bringen. Inzwischen sei einmal hier der Gedanke der Errichtung einer jüdischen Stelle betont, welche ausschließlich die jüdischen Leiden und den antireligiösen Feldzug gegen das Judentum in Rußland verfolgt und von Zeit zu Zeit Berichte herausgibt, die aufklärend wirken. In jeder deutschen Stadt, wo sich eine größere jüdische Gemeinde befindet, sollte mindestens ein Vortrag im Jahre 1932 gehalten werden, der den Ernst der Gefahr verdeutlicht, welcher wir entgegengehen. Denn dieser schonungslose Kampf gegen die Religion ist nur ein Mit-

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