Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 15 (1.8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 15 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 229 Preisaufgabe der Münchner Universität über die aramäische Sprache Die 1. Sektion der Philosophischen Fakultät der Universität München stellt soeben für das Studienjahr 1932/33 folgende Preisaufgabe: „Der neuaramäische Dialekt von Malula ist an Hand des veröffentlichten Sprachmaterials grammatisch zu untersuchen; darzustellen ist in erster Linie Wort- und Formenbildung, darüber hinaus nach Möglichkeit Syntax und Lautgeschichte.“ Seit vielen Jahrzehnten ist die Preisaufgabe der Münchener Philosophischen Fakultät I dieses Jahr zum ersten Mal wieder aus dem reichen Gebiet der semitischen Philologie gewählt, die an der Münchener Universität von Professor Gotthelf Bergsträßer vertreten ist. In seiner bekannten „Einführung in die semitischen Sprachen“ (München, Max Hueber, 1928) ist dem aramäischen Sprachgut ein besonders instruktives Kapitel gewidmet, dessen Grundlinien jede künftige Darstellung der Wort- und Formenbildung, der Syntax und Lautgeschichte dieses semtischen, dem Hebräischen verwandten Dialekts zu folgen hat. Während an der indogermanischen Sprachwissenschaft in ihren verschiedenen Zweigen viele Hunderte von Forschern mitarbeiten, können die ernsthaften „Semitisten“ der Welt an den Fingern auf gezählt werden. Auch unter den Juden gibt es mehr namhafte Vertreter etwa der germanischen und romanischen Sprachwissenschaft als wirkliche Kenner der semitischen Philologie; Dilettanten führen hier — ohne Widerspruch der an sprachwissenschaftlichen Problemen uninteressierten Orientalisten — ungestraft das große Wort. Auf dem schwierigen Gebiet der aramäischen Sprache führt nur eine absolut sichere Forschungsmethode, wie sie von hervorragenden Vertretern der semitischen Philologie an unseren deutschen Universitäten gelehrt wird, zum Ziel eines einwandfreien Verständnisses. Aus den aramäischen Abschnitten des Alten Testaments ist die westliche Gestalt der Sprache erkennbar, welche bei den vorchristlichen palästinensischen Juden in Gebrauch war. Auf die seit Langem als falsch erkannte Annahme, daß die Juden Palästinas ihren aramäischen Dialekt aus Babylon bezogen hatten, ist die frühere auch bei den Juden übliche Benennung „chaldäisch“ zurückzuführen. Zum Westaramäisch gehört auch die Sprache des Targum, eine Übersetzung des Bibelhebräischen für das Volk, die dem regelmäßigen Bibelvortrag von Vers zu Vers zu folgen hatte. Die offiziell rezipierte Gestalt des Targum zu den fünf Büchern Moses (sog. Onkelos) und zu den Propheten (sog. Targum Jonathan) erhielt erst im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Babylonien ihre abschließende Redaktion. In Bergsträßers eben erwähnter „Einleitung“ sind drei altaramäische Dialekte durch Darstellung der wesentlichen Wort- und Formenbildung und durch Sprachproben verdeutlicht: Das Biblisch-Aramäische, d. i. die Reichssprache der westlichen Hälfte des Achämenidenreiches, ferner das Syrische, d. i. die literarisch am reichsten entwickelte und sprachwissenschaftlich am meisten erforschte Sprache der syrischen Kirche, endlich das eine besonders eigenartige Sonderentwicklung darstellende Mandäische, die in Südbabylonien heimische Sprache der gnostischen Sekte der Mandäer. Syrisch und mandäisch gehören dem ostaramäischen Zweig an. Die überragende Bedeutung der aramäischen Sprache im jüdischen Schrifttum, besonders auch der späteren Zeit, ihre Verwendung bei den wichtigsten Gebeten, in der Liturgie und im Ritual (am populärsten das Kaddisch-Gebet und Teile der Pesach-Haggadah), vor allem aber die Rolle des Aramäischen im babylonischen Talmud, dem im jüdischen Gesamtdasein meist gelesenen großen Sammelwerk, könnten zu der Annahme führen, daß von jüdischer Seite dem Gefüge und der Sprachgestalt des Aramäischen, seinen grammatischen Regeln und seinen besonderen Unterscheidungsmerkmalen eine intensive Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre. In Wirklichkeit ist die sprachliche Form der talmudischen Schriften und sonstigen aramäischen Sprachdenkmäler in erstaunlicher Weise von den Juden bis zur neuesten Zeit aus den verschiedensten Gründen vernachlässigt worden. Man muß sich heute zum Studium dieser Sprache fast ausschließlich der Forschungen nichtjüdischer Gelehrter bedienen. Schon Nöldeke hat in seiner meisterhaften Skizze „Die semitischen Sprachen“ auf den noch heute gesprochenen aramäischen Dialekt, besonders in den nördlichen Gegenden Syriens hingewiesen. Bergsträßer hat dann später namentlich die Erforschung des neuaramäischen Dialekts von Malula im Antilibanos an Ort und Stelle auf genommen und ihr grundlegende sprachwissenschaftliche Studien gewidmet. Die diesjährige Preisaufgabe der Münchener philosophischen Fakultät hat den Dialekt von Malula zum Gegenstand. Bergsträßer hat uns gelehrt, daß dieser Zweig des Westaramäischen besonders geeignet zum Verständnis der semitischen Sprache, vor allem des Aramäischen ist; der Dialekt hat zwar zahlreiche Veränderungen, aber wenig Zusammenfall von Lauten erlitten und bewahrt die alte Flexion ohne Einbuße sowie den alten Satzbau ohne grundsätzlicher Wandel (Bergsträßer a. a. O. Seite 80); „so besitzt er trotz des fremdartigen Äußeren im Kern echt aramäisches Gepräge“. „Stärkste Einwirkungen des Arabischen haben den Wortschatz erheblich, die Formen und Laute in einzelnen Fällen verändert, den Gesamtcharakter aber nicht verwischt.“ — Man darf auf die aus dem Preisausschreiben hervorgehende Arbeit gespannt sein. F. Verwendet die lelegrsrnm-Erssh-ssormulsre des Wselitischen ffrsuen-Vereins München le.V. von j$30)