Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 15 (1.8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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226 Bayerische israelitische Gemeindezeiturig Nr. 15 die im früheren Verlauf des Krieges größere Teilerfolge gebracht hatten, gingen nicht in Erfüllung, seit Titus volle vier Legionen gegen die Stadt geführt hatte, eine für die Belagerung einer Stadt ungewöhnliche Militärmacht. Seihst für die Eroberung ganz Armeniens waren nur drei Legionen bewilligt worden. Generalstabschef dieser Heeresmacht war der Judenstämmling Tiberius Julius Alexander, der sich dem Judentum entfremdet und eine Stellung in der römischen Verwaltung gewonnen hatte, ein „Täufling“ aus heidnischen Zeiten. Als Berater stand auch der jüdische Priester Josephus, der spätere berühmte Historiker Flavius Josephus, den Belagerern zur Seite. Zwei Jahre zuvor war er von der Jerusalemer aufständischen Regierung zur Organisation des Widerstands nach Galiläa gesandt worden und hatte dort den Anschluß an den siegreichen Vespasian, dem er die Kaiserkrone prophezeit haben soll, gefunden. Die Klugheit war auf Seiten des Überläufers, die Tapferkeit auf Seiten der Belagerten. Wir wüßten fast nichts über den ganzen Krieg, wenn dieser Josephus nicht später als römischer Schriftsteller ausführlich darüber berichtet hätte. Eine Schrift von Tacitus und eine weitere des Antonius Julianus, der gleichfalls im Heere weilte, sind verloren. Neue Hoffnung der Belagerten! Nach der Einnahme der zweiten Mauer ging in dem,,stein“reichen, aber holzarmen Land den Römern das Material für die weiteren Bauten zur Belagerung aus. Erst nach zwei Monaten gelang es einigen Waghalsigen, im letzten Viertel der Nacht in die Burg „Antonia“, die dem Tempel gegenüberlag, und gegen deren römische Besatzung sich der Aufstand entzündet hatte, einzudringen. Das war eine gefährliche Nachbarschaft für den unmittelbar anschließend gelegenen Tempelberg. Aber der Tempel war wiederum von starken Mauern umschlossen. Der schließliehe Erfolg der Römer soll allein dem Zufall des Feuers zu verdanken sein, das das große Bronzetor zum Schmelzen brachte und den ganzen Bau ergriff. Titus soll sich der Zerstörung des Tempels entschieden widersetzt haben. Das ist wohl möglich, obwohl jener Antonius Julianus das Gegenteil berichtete. Denn das hätte alter römischer Tradition entsprochen. Noch Augustus hatte täglich im Judentempel opfern lassen, bis es ein fanatischer Hohepriester verboten hatte. Titus, der der jüdischen Tradition als der „Böse“ (Roscho) gilt, wird von der höfischen römischen Geschichtsschreibung als die „Liebe und das Entzücken des Menschengeschlechts“ bezeichnet. Seine Liebe zu einer jüdischen Prinzessin aus dem hasmonaeisch-herodianischen Geschlecht kann dabei nicht mitgesprochen haben. Auch deren Bruder, der letzte jüdische König Agrippa II., damals längst mit einer nordsyrischen Herrschaft abgefunden, war in vermittelnder Rolle am Kriege beteiligt. Der Tempel selbst hatte seit Jahrhunderten in allen jüdischen Kämpfen die entscheidende Rolle gespielt. An seiner „Entweihung“ hatten sich die syrischen Kämpfe und der Aufstieg der Makkabäer entzündet. Priestertum und Tempelkult wurden, seit die Makkabäerherrschaft sich unter Hyrkanos in eine halbe Fremdherrschaft verwandelt hatte, auch das beherrschende Problem der inneren Politik. Schließlich war der Tempel das Wahrzeichen des Zusammenhangs mit der jüdischen Diaspora — die Dessau die „Auslandsjuden“ nennt -—. Diese sandten reiche Spenden und Steuern, welche nach der Tempelzerstörung zugunsten des kapitolinischen Jupiter als „fiscus Judaicus“ von den Römern eingezogen wurden. Noch das deutsche Mittelalter leitete das Judenschutzgeld aus dieser Quelle her. Aber zur Zeit jenes „jüdischen Krieges“, wie er seit Josephus genannt wird, war der Tempel ein jüdisches Heerlager. Dort lagerte, bevor die Fortschritte der Belagerung zur Einigkeit zwangen, die Parteiführer einander gegenüber, und nie hat ein äußerer Feind innerhalb des Tempels mehr gewütet, als damals die jüdischen Banden gegen die inneren Feinde oder die als politisch unzuverlässig erachteten. Diese Bandenmitglieder nannten sich „sicarii“, d. li. Dolchmänner; andere nannten sie „Zeloten“, d. h. Eiferer. Maßvoller, aber deutlich genug, spricht ein ähnlicher Eifer aus der noch erhaltenen Tafel, die in lateinischer und griechischer Sprache vor dem inneren Tempelhof aufgestellt war, des Inhaltes, daß derjenige Römer oder Hellene, der weiter vordringe, die etwaige Einbuße seines Lebens selbst verschulde. Daß der aus dem Neuen Testament bekannte Landpfleger Pontius Pilatus zum Zweck des Baus einer Wasserleitung den» Tempelschatz angreifen ließ, erregte eine leidenschaftliche Bewegung unter den Juden. Als dann nach der Tempelzerstörung ein Teil des Schatzes als Soldatenbeute nach Syrien gelangte, soll dort der Goldpreis um die Hälfte gesunken sein.. Von der Herrlichkeit dieses Tempels klingt in den jüdischen Gebeten noch heute vieles durch. Noch immer sind die Tage seiner Zerstörung, der 9. und 10. Ab, eine Zeit religiöser tiefster Trauer. Diese tiefe und unverwüstliche Verwurzelung im Gemütsleben muß man bedenken, wenn man die Untaten der Sicarier und die groteske Widersinnigkeit jenes jüdischen Krieges mit seinen abstoßend fanatischen Zwischenspielen betrachtet. Es war der Kampf um ein Idol, wie unsere Zeit es kaum mehr kennt, wie es allerdings auch der römischen und hellenischen Mitwelt in damaliger Zeit unbegreiflich war, ein 2 zu fürchterlicher Wucht angehäufte religiöse und nationale Leidenschaft, verstärkt durch die von außen erfahrene Mißachtung und die böse Ungerechtigkeit der römischen Verwaltung. An diesem Eifer entzündete sich die Kampfeslust der römischen Legionäre. Grausam sind die Schilderungen der auf die Tempelzerstörung folgenden Ereignisse. Die diensttuenden Priester waren eine Tempelwand hinaufgeklommen, und hielten sich fünf Tage, bis der Hunger sie heruntertrieb. Sie baten vergeblich um Gnade. Ebenso ein Knabe, der von mitleidigen Soldaten einen Trunk Wasser erbettelte und sich damit gegen die Abrede zu den Seinigen davonmachte. Aber auch nach diesen Kämpfen um den Tempel mußten die römischen Truppen erst Schritt für Schritt die Stadt selbst erobern. Die Angst der Juden weiterzuleben war größer als die Angst vor dem Tode, sagt Tacitus. Den jüdischen Leidenschaften war mit alledem noch kein tötlicher Schlag beigebracht worden. Noch zweimal flammte der Aufstand nach weiteren fünfzig Jahren wieder auf, ebenso großartig und ebenso widersinnig.