Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 14 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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214 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Selbstbildnis der Veredelung unseres Lebens an seinem Teil mitzuarbeiten. Gewiß, er hat einer ganzen Zeit die malerische Form gegeben, ist — wie der preußische Ministerpräsident ihm zu seinem 80. Geburtstage sagen konnte — „zum Symbol für den Sieg des Zeitgeistes über eine in Politik und Kunst überlebte, dem äußeren Prunk zugetane Welt geworden“. — Ob er aber selbst glaubt, sein Ziel erreicht zu haben, das ist nicht anzunehmen. Er sieht mit Schmerz den durch Krieg und Not erfolgten Rückschlag unseres Kulturniveaus. Er mag in diesen Tagen an jene Worte denken, die er als Fünfundsiebzigjähriger genau vor zehn Jahren bei der Eröffnung der Akademie-Ausstellung gesprochen, da er für das Recht der jungen Generation, einer jeden jungen Generation eintrat, die Neues und Eigenes zu sagen hat, da er die Aufgabe der Akademie scharf umriß, Vermittlerin von entscheidendem Einfluß zu sein zwischen Künstlerschaft und Regierung: „Denn mehr als je bedürfen wir in der augenblicklichen schwierigen Lage der Einigkeit“ Das gilt in noch höherem Maßte auch für heute. Und was er, der Meister, von sich selbst am Schlüsse jener Rede sagt, mag er sich auch heute wiederholen: „Viel zu alt, um selbst das Ziel noch zu erreichen, sehe ich nur von ferne das gelobte Land. Das „voluisse“ muß mir genügen!“ Es klingt das wie Dantes berühmtes Wort am Schluß seiner Divina commedia: Kein Künstler hat je sein letztes Ziel erreicht. Aber dennoch, das Wollen, das Streben hört bei Liebermann mit dieser tiefen Erkenntnis nicht auf, und der Meister, der kurz vor seinem 85. Geburtstag erklären kann: „Ich habe die Kunst, alt zu sein, noch nicht gelernt“, darf sich selber glücklich preisen. Die vier hier wiedergegebenen Bilder sind dem Werke von Arthur Galliner,. Max Liebermann, Der Künstler und der Führer (Verlag J. Kauffmann, Frankfurt a. M.) entnommen. Aus der Gemeinde München Heinrich Schalit’s Hymnus „In Ewigkeit“ für 5stimmigen gemischten Chor, Sologeige, Geigenchor, Orgel und Harfe im „Bayerischen Rundfunk“ Am 25. Juni brachten die bayerischen Sender Schalit’s Hymnus „In Ewigkeit“ und man freute sich, diesem hier und auswärts schon so erfolgreich aufgeführten Werk wieder einmal zu begegnen. Wie man weiß, pflegt Heinrich Schabt seit Jahren mit besonderer Liebe das Gebiet der „Musica sacra“; die Seelenlieder, die „Hymnischen Gesänge“, der Hymnus „In Ewigkeit“, religiöse Chöre sowie liturgische Werke, deren Verwendung im Gottesdienst der Musikfreund übrigens lebhaft begrüßen würde, bezeichnen den schmalen, vom Tageserfolg abseits gelegenen Weg, den er geht: Die freiwillige Beschränkung auf das Gebiet religiöser Musik ist ihm aber keineswegs zur Fessel, sondern vielmehr zum Anlaß eines von größter Verinnerlichung und Gefühlsintensität erfüllten Schaffens geworden. Dem Hymnus „In Ewigkeit“ liegt ein ergreifendes Gedicht Jehuda Halevi’s (in der Verdeutschung Franz Rosenzweigs) zugrunde, welches das gläubige Vertrauen auf Israels ewigen Bestand zum Gegenstand hat. Die aus jahrtausendalten Quellen jjespeiste Glaubensinbrunst, die dem Dichter die ekstatischen Worte eingab: „Nein, fest vertraun sie, daß nie ihr Ende kommt, eh enden Tag und Nacht“, durchglüht auch Schalit’s Vertonung. Dabei erzielt der Komponist tiefste Wirkung mit denkbar einfachen Mitteln: ein kleiner instrumentaler Apparat dient als Grundlage für den machtvoll sich entfaltenden Chorsatz. Eine monumentale Homophonie herrscht vor; das Pathos des auf- und absteigenden thematischen Oktavengangs wird dadurch noch eindringlicher gestaltet; ungemein fesselnd und apart die Harmonik. Alles in allem ein prachtvolles Werk, das weiteste Verbreitung verdient und das besonders von jüdischen Vereinen immer wieder aufgeführt werden sollte! Leider war die Aufführung im Rundfunk unter Professor Zengerle ungenügend und entsprach keineswegs dem Wert des Werkes. Rhythmische Schwankungen zeigten, daß nicht ausreichend probiert worden war. Zudem ist der Rundfunkchor für dieses Werk zu schwach. Man möchte wünschen, es wieder einmal von einer Vereinigung von den Qualitäten des hiesigen Domchores zu hören, der es seinerzeit in München so meisterlich urauf geführt hat. Konzert des verstärkten Jüdischen Kammerorchesters München am 27. Juni im Museumssaal Das Ziel, das sich das jüdische Kammerorchester diesmal gesteckt hatte, war kein geringes: drei große und schwere Werke unserer Klasiker an einem Abend! Es sei gleich vorweggenommen: Wie die Aufgabe vom Orchester und seinem Dirigenten gelöst wurde, verdient alle Achtung. Vor allem zeigte sich dabei, daß das Orchester in Erich E r c k den richtigen Mann besitzt; Erck ist nicht nur ein vorzüglicher Musiker und Dirigent, sondern auch ein zielbewußter und energischer Orchestererzieher; er mag manche schwere Probe hinter sich gebracht haben, bevor er diese Leistung des Orchesters, das seinem Führer übrigens mit Hingabe folgte, erzielen konnte. Daß, vor allem in dynamischer Beziehung, nicht alles restlos glückte, kann nicht verwundern; das soll nicht als Tadel hier ausgesprochen sein, sondern als Ansporn zu unermüdlicher Weiterarbeit. Zuerst hörte man Haydns D-Dur-Symphonie Nr. 101 in einer frischen, zügigen Wiedergabe; hier waren die Stärkegrade meist fein schattiert, die Tempi gut getroffen und durchgeführt; einzig der 3. Satz (Menuett!) war zu schnell geraten (wie dann später in der Beethoven-Symphonie das Scherzo eine Idee zu langsam). Mozarts Klavierkonzert in e-moll war vom Orchester aus die unausgeglichenste Leistung; die Anforderungen, die hier an die konzertant geführten Holzbläser gestellt werden, sprengen vielfach die dem Können des Einzelnen gezogenen Grenzen. Dagegen bot hier Ilse Hesse-Wallach, die den Solopart grundmusikalisch und technisch-hervorragend meisterte, eine reife und kultivierte Leistung, der hohe Anerkennung gezollt werden muß! Den Schluß bildete Beethovens 2. Symphonie, deren Wiedergabe durch das Orchester am besten geraten war; hier steigerte der Dirigent durch seine befeuernde Leitung das Orchester zu einer Höhe des Könnens, die zeigte, welch große Fortschritte seit dem ersten Konzertabend im vergangenen Herbst gemacht worden waren. Anhaltender, herzlicher Beifall der zahlreich erschienenen Zuhörer dankte dem Dirigenten, dem Orchester und der Solistin für die erfreulichen Eindrücke des Abends. Hier sei auch der vorzüglichen Orchesterverstärkungen mit hohem Lob gedacht; zur Rechtfertigung der Bezeichnung ..Jüdisches Kammerorchester“ möchte man allerdings wünschen, auf zukünftigen Programmen wenigstens ein oder zwei Stücke angesetzt zu sehen, die lediglich von den jüdischen Mitgliedern der Vereinigung bewältigt werden können.