Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 14 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Iberische Israelitische Gemeindezeiturig Nr. 14 Grabowsky sieht als den nächsten weltpolitischen Konflikt einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England auf der einen, der Sowjetunion auf der anderen Seite, d. h. in Grabowskys Terminologie die Auseinandersetzung zwischen Kommerzimperialismus und Sozialimperialismus. Nach Grabowskys Darstellung führt die geschichtliche Entwicklung zum Überliandnehmen des Sozialimperialismus. Entgegen seiner Vorliebe für nationale Autarkie in der Wirtschaft erkennt Grabowsky, daß „die Notwendigkeit einer großgestalteten Raumwirtschaft für unsere Epoche allgemein begriffen“ wird. Wir fürchten, daß sie eben noch nicht allgemein begriffen wird. Aber wirtschaftliche Notwendigkeit und der Selbsterhaltungstrieb des Menschen und der menschlichen Gesellschaft, ungeachtet aller nationalen Grenzen, wird diese Erkenntnis immer allgemeiner für unsere Epoche machen und darüber hinaus für die nächste Epoche, zu der die jetzige Weltwirtschaftskrise die Einleitung bildet, die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer noch größeren Raumwirtschaft, nämlich der Erdwirtschaft. Das ist eine Fortführung der nur im Buch selbst angelegten Erkenntnisse. Nicht alle Fortspinnung der Gedanken Grabowskys mag in seinem Sinne erfolgen, aber der Leser, gerade auch der aufmerksame und kritische Leser, wird Grabowsky herzlich dankbar sein für all die Anregungen; zum Fortdenken, die er aus seinem reichen Buche "schöpfen wird. HansKohn. Max Liebermann Zu seinem 85. Geburtstag am 20. Juli 1932 Von Dr. Arthur G a 11 i n e r Verfolgen wir Liebermanns Künstlerlaufbahn und Lebensweg von Berlin über Weimar, Paris, Holland und zurück nach Berlin, so dürfen wir auch in München Halt machen. Auch München „Ein besseres Bild ist seit 50 Jahren nicht in München gemalt worden.“ Heinrich v. Zügel war eine Station auf diesem Wege, fast könnte man sagen, eine Leidensstation. Der Münchener Aufenthalt liegt zwischen Paris und Holland. Liebermann hatte Ende der siebziger Jahre auf einer Erholungsfahrt in Venedig einige Münchener Maler kennengelernt — auch Lehbach gehörte zu ihnen — 'die ihm rieten, nach München überzusiedeln. Er folgte diesem Rate wohl auch, weil er hoffte, in Leibis Nähe zu kommen, der ihm schon damals — wie übrigens noch heute — höchstes malerisches Können verkörperte. Aber Leibi war nicht mehr in München; er aber entschloß sich, in der Isarstadt zu bleiben und schuf in; wenigen Monaten sein Bild „Christus im Tempel“, ein Bild, das bei der Ausstellung einen Sturm der Entrüstung entfesselte, gehässige Kritik in der Presse und flammende Prötestreden im bayerischen Landtag hervorief. Man sah in dem zwölfjährigen Jesusknaben „den häßlichen, naseweisen Judenjungen“, in den Rabbinern „die schmierigsten Schacherjuden“. — Liebermarin verstand es nicht, konnte es nicht verstehen, daß sein Bild das religiöse Gefühl irgendwie hätte beleidigen können. Seine Modelle waren Christen, der Christusknabe ein Italienerbub, jede Tendenz lag ihm fern, einzig das Malerische, Reinkünstlerische einer solchen Szene in einem solchen Raum hat er gestalten wollen. Das aber zu sehen, zu fühlen, die Größe der künstlerischen Leistung zu ermessen, die auch das Menschliche dieses Geschehens überstrahlt, verklärt, das war der Masse der Menschen offenbardamals versagt. Die Künstlerschaft dagegen war begeistert. „Ein besseres Bild ist seit fünfzig Jahren nicht in München gemalt worden“, sagte damals Heinrich Zügel, und kein geringerer als Fritz von Uhde, der echte Religiosität' künstlerisch gestaltete, hat das Bild erworben urid besessen bis zu seinem Tode. Und Liebermann hatte die Genugtuung, daß spä-- ter eines seiner schönsten Bilder, „Die Frau mit den Ziegen“, in die Pinakothek kam, ja man erzählt, daß ihm sop-ar eine Professur an der Münchener Akademie angeboten wurde,: wenn er — sich taufen lassen würde. „Nein“, so soll er damals gesagt haben, „wegen einer Professur an der Münchener Akademie lasse ich mich nicht taufen! Wenn man mir aber garantiert, daß ich dadurch besser malen werde, dann will ich mir die Sache überlegen!“ Man verstehe recht die Ironie und den tiefen Ernst dieser Worte. Eine Treulosigkeit gegen sein Judentum ist ihm ebenso undenkbar wie ein Verrat an seinem Deutschtum. Als man dem jungen Menschen nach seinen ersten Erfolgen in Paris nahe-