Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 14 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 211 Walther Rathenau Zu unserem Aufsatz in der vorletzten Nummer vom 15. Juni anläßlich seines 10. Todestages Rathenaus Name bedeutete etwas für unseren Kredit in der Welt. Sein eigentlicher Kampf und seine Arbeit war auf eine geistige und moralische Wiedergeburt des deutschen Volkes gerichtet. Er kämpfte gegen die Immoralisten und Gewaltpathetiker, gegen skrupellose Konspiratoren und aller soziologischen Gesetze unkundige Umstürzler und Klassen-Egoisten. Ernst Troeltsch, 19 22 Leben und Werk Rathenaus ist durch Wirkung und Beispiel wichtig für die Nation. Der sittliche Ernst, der patriotische Eifer, der Mut, die Opferwilligkeit, das waren Eigenschaften, die ihm das ehrenvolle Gedenken des ganzen deutschen Volkes für eine spätere Zukunft sichern. Rudolf Oldeny 1932 weiter verfolgt, ebenso wie Hans Zehrer im Aprilheft 1932 der „Tat“ (Eugen Diederichs-Verlag, Jena), mit tziner ähnlichen Alternative schließt: „das hündische Reich Mitteleuropas, in dem die deutsche Jugend zur Politik erwacht, oder ein politisch bedeutungsloser Bund des Volkes der Dichter und Denker, in dem vielleicht ein neuer Goethe denken und wirken wird.“ Es gibt zu denken, daß beide Schriftsteller, die zu den weitaus klügsten politischen Denkern Deutschlands gehören, sich so leicht für die Idee des hündischen Reiches Mitteleuropas entscheiden, das auch Grabowsky als Ziel vorschlägt: Führung der deutschen Politik durch hündische, heroische Jugend, die dem „Mythos der deutschen Nation“ genügte, und Beherrschung des mittel- und osteuropäischen Raumes. Außerordentlich vernünftig und beherzigenswert sind die Ausführungen Grabowsky über die Rapallolinie und über die deutschitalienische Freundschaft. Sie zeugen wie die meisten Ausführungen des Buches davon, welch klaren und von theoretischen Grundtendenzen unbeeinflußten Blick Grabowsky für alle konkreten politischen Situationen und Möglichkeiten besitzt. Grabowsky hat seinem Kapitel über Weltpolitik ein eigenes Motto vorangesetzt, worin es heißt: „Ewig ist nur der Kampf Bluthafter gegen Blutlose. Die Weltgeschichte ist das Gericht über Blut und Feuer.“ Daß sie auch etwas anderes ist, daß in Wahrheit ganz andere Faktoren die Welt- und Völkergeschichte bestimmen, sieht man aus Grabowskys eigener Darstellung. Er hat dem Buche einen leider nur kurzen Abschnitt „Spezielle Weltpolitik“ hinzugefügt, in dem er uns zwei Analysen des englischen und des amerikanischen Wesens gibt, die ich nicht anstehe für Meisterstücke moderner politischer Darstellung, ja vielleicht für die besten Charakteristiken der anglosächsischen Völker zu halten. Dieser Abschnitt trägt auch ein anderes Motto, das Ranke entnommen ist und worin darauf hingewiesen wird, daß es geistige Kräfte und moralische Energien sind, nicht aber ein zufälliges Durcheinanderstürmen, die die Weltgeschichte hervorbringen und bestimmen. Sie lassen sich nicht definieren und bestimmen. Sie lassen sich nicht definieren, aber anschauen und wahrnehmen. Und bei aller Betonung des Blutes hat Grabowsky einen außerordentlich feinen Sinn für die geistigen Kräfte und für die moralischen Energien, die in Wahrheit die bewegenden Kräfte des menschlichen Lebens sind. Und er vermag sie anzuschauen und wahrzunehmen wie wenige andere.