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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-07-15 · 14 (15.7.1932) · p. Seite 210

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
14 (15.7.1932)
Date
1932-07-15
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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210 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 wie er noch den Deutschen vor hundert Jahren geläufig war, wie ihn Iacob Burckhardt und Wilhelm von Humboldt noch verstanden haben, aufhebt. In der ästhetischen Grundhaltung identifiziert sich Grabowsky mit dem „jungen“ Deutschland. Der Dichter, der in Grabowsky wie in allen großen Geschichtschreibern lebt, kommt dabei voll zur Geltung. Seine Darstellung hat etwas Packendes und Hinreißendes, es ist nicht das trockene Buch eines „Wissenschaftlers“, es ist zugleich, wenn auch vielleicht nicht wie Grabowsky möchte, ein Aufruf zur Tat, so doch, was uns wichtiger dünkt, ein Aufruf zum Denken, zum Durchdenken. Denn, was unserer Meinung nach heute nottut, ist nicht die rauschartige Steigerung des Lebensgefühls, sondern das harte objektive Denken, das von den Tatsachen ausgeht und sie in Kenntnis der in ihnen waltenden Dämonien zu ordnen und zu bewältigen sucht. Aber das tut auch, ungeachtet der Grundmelodie seines Buches, Grabowsky, dessen selten heller und klarer Verstand immer wieder das dunkle Chaos der Lebenstriebe und kämpfenden Gewalten durchdringt und sich über sie erhebt. Gerade darum ist dieses Buch für die politische Erziehung der Deutschen so grundlegend wichtig, weil es bei aller „deutschen“ Grundhaltung oder was man heute dafür hält, so weitläufig, so offenäugig, so hellhörig für fremde Art, für Tendenzen der Entwicklung, für die Spannungen der verschiedenen Kraftfelder ist. Man kann von der Grundhaltung des dionysischen Nietzsche und des dunklen Heraklit in diesem Buche abstrahieren und wird dann Grabowsky nicht nur in den meisten seiner Einzelurteile und seiner Darstellungen durchaus zustimmen können, sondern man wird auch aus dem Buche eine ganze Fülle neuer Erkenntnisse und überraschender Erhellungen sonst wenig beachteter und nicht genügend bekannter Zusammenhänge schöpfen. Grabowsky hat sehr viel von Marx gelernt, er ist in seiner Betrachtung Realist, er beleuchtet das Wesen des Imperialismus auf wenigen Seiten mit schlaglichtartiger Schärfe und führt eine neue, wie mir scheint, sehr glückliche Terminologie ein. Er bejaht entschieden das Primat der Außenpolitik des Staates vor der Innenpolitik, da in der Innenpolitik mehr das Geistige und schon gebändigte Wesen des Staates, in der Außenpolitik das mehr Naturhafte, Dämonischere zutage tritt, ohne daß er außer an wenigen Stellen zu der Schlußfolgerung käme, daß man auch die Außenpolitik des Staates der Disziplinierung durch den Geist unterwerfen müsse, was ja auch für die Innenpolitik nur in jahrzehntelangem zähen Ringen gelungen ist. Und daß dieses zähe Ringen mehr Zucht, Energie und Heroismus erfordert als das vitale Ausleben der volkhaften Mächtigkeiten. Aus der Fülle des Buches seien hier bloß drei Gedankengänge hervorgehoben. In Anlehnung an Marx, aber in noch schärferer und modernerer Fassung leitet Grabowsky das Wesen des Imperialismus aus dem des Kapitalismus ab, der durch gesteigerte Produktion zur Erweiterung des Marktes, also zur Expansion getrieben wird, so sehr, daß er schließlich in unserer Zeit das erderfüllende weltpolitische Gestaltungsprinzip geworden ist. Die Auffindung neuer Märkte wurde immer die Rettung, die Flucht aus der Krise, in die der Kapitalismus durch Überproduktion geriet, der erweiterte jmd unübersehbare Markt wurde dann wieder Verführer zu immer gesteigerter Produktion und damit Anlaß zur neuen Erweiterung des Marktes. „In diesem Sinne sind die großen Reichsbauten mit ihrem Streben nach unaufhörlicher Vergrößerung und zugleich intensivster Ausschöpfung des inneren Marktes nichts anderes als grandioseste Flucht vor der Krise.“ Würde nicht dieser Tendenz der Verflechtung der ganzen Erde zu einer Wirtschaftseinheit die verhängnisvolle Isolierungstendenz nationaler Autarkie gegenüberstehen, so wäre denkbar, daß der Weltfreihandel tatsächlich ein Ende der kapitalistischen Krise bedeuten könnte, aber die Verflechtung von Kapitalismus und Nationalismus bedeutet den Tod des ersteren. So entsteht, wie Grabowsky richtig sieht, durch die Autarkiebestrebungen der fehlerhafte Zirkel der heutigen Wirtschaft. Grabowsky unterscheidet drei Stadien des Imperialismus, den Feudalimperialismus, den Kommerzimperialismus und den Sozialimperialismus, die die Tendenz haben, ineinander überzugehen und einander abzulösen. Grabowsky sieht im Weltkrieg den Übergang vom Feudalzum Kommerzimperialismus, in der heutigen Weltkrise den vom Kommerzzum Sozialimperialismus, worin die breite Masse des Volkes eine Wirtschaft organisiert, in der, wie Marx richtig gesehen hat, der Staat allmählich abstirbt. Diese mit dem Leninismus übereinstimmende Schilderung des Ausklangs der Entwicklung von Kapitalismus und Imperialismus stellt zwar Grabowsky dar, er verfolgt aber diesen Gedanken nicht weiter. Daher kommt er auch zu einer Überbetonung der doch nur rein äußerlichen Verwandtschaft von Fascismus und Kommunismus. Er hebt nicht genügend hervor, daß der Fascismus seinen Mythos (genau so wie der neue deutsche Nationalismus) im romantischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts und dem biologistischen Lebensüberschwang der Jahre um 1910, also in der Vergangenheit verwurzelt findet und eine Wiederauferstehung des Feudalismus und seines heroischen Ideals ist, der Kommunismus dagegen seinen Mythos aus der Zukunft, aus einer internationalen Zeit rational geordneter Wirtschaft vorweg nimmt, Sozialimperialismus ist. In Grabowskys Darstellung der deutschen Politik ist vor allem die Schilderung der Bismarckischen und der Wilhelminischen Periode ausgezeichnet. Was Grabowsky über die soziale Struktur der Nachkriegszeit sagt, sollte in alle fremden Sprachen übersetzt werden. Es gäbe dem Ausland ein treffenderes Bild der wirkenden deutschen Kräfte als es gewöhnlich hat. Grabowsky stellt Deutschland eine Alternativprognose: „in einer starken Vergeistigung das Heil zu suchen, in einer systematischen Fortführung unserer geistigen Werte“ oder „die nationale Durchblutung, die sichtbar wird in mächtiger außenpolitischer Erschütterung“. Grabowsky entscheidet sich ohne weiteres für die zweite Alternative, die erste, die uns auch für die Menschheit so viel bedeutungsvoller erscheint, wird zwar erkannt, aber nicht

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