Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 14 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- Seite 209 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kachrichtenblatt öer Israelüischen Kultusgemeinüen in München, Augsburg/Hamberg unö ües Verbanöes Hagerischer Israelitischer Gemeinöen IsraelAsche GemeLnöezeitung Erscheint am l.u. 15.jeden Monats. —Verlag: B.Heller, München, Plinganserstr.64, Tel. 73 6 64 u. 73665, Postscheck München 3987, Schriftleitung: Dr. L. Feuchtwanger, München, Griilparzerstr. 38 Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Die 4gespaltene Millimeter-Zeile 40 Rpf. Familienanzeigen, Steilengesuche u. ähnliche Angebote 15 Rpf. VIII. Jahrgang München, 15. Juli 1932 Nummer 14 Inhalt: Politik — Walther Rathenau — Max Liebermann — Aus der Gemeinde München — 15. Mitgliederversammlung des Verbandes der Israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz — Aus dem Reiche — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Jahresrechnung 1931 — Personalia Politik Der bekannte Herausgeber der Zeitschrift für Politik, Adolf Grabowsky, hat unter dem Titel „Politik“ vor wenigen Wochen ein Buch erscheinen lassen, das eine empfindliche Lücke in der deutschen politischen Lektüre auf die glücklichste Weise ausfüllt (Industrie- Verlag Spaeth u. Linde, Berlin und Wien, 1932, 342 S.) Grabowsky ist ein Mann von seltener Weltkenntnis und Welterfahrung, er hat die wichtigsten politischen Bezirke der Erde wiederholt bereist und verstanden, mit enzyklopädischen geschichtlichen Kenntnissen und in die Tiefe dringender Einfühlungsgabe ausgerüstet, den Volk- und Landschaftscharakter, das Kräftespiel und die Bestrebungen der Staaten darzustellen. So ist ein Buch von höchstem Reiz entstanden, lebendig und flüssig geschrieben, das den Leser unmittelbar und lebensvoll anspricht, ihm die Probleme erhellt und zum Denken anregt. Einen Reiz des Buches bildet auch, daß es in seiner Grundhaltung Widerspruch hervorruft. Es ist in seiner Grundhaltung typisch für die Geistesrichtung, die in der Gegenwart immer mehr vom deutschen Geistesleben Besitz zu ergreifen droht, die ihre erste Äußerung in den Verworrenheiten und in dem Gefühlsüberschwang der Jugendbewegung vor dem Weltkrieg gefunden hat und die Deutschland, statt es weltoffen zu halten, statt es zu einem wahren Volk der europäischen Mitte zu machen, immer mehr isoliert. Diese Geisteshaltung wurzelt in einem besonders gedeuteten Nietzsche, in Stefan Georges feierlicher Heroenverehrung, wobei freilich diesem „geheiligten Namen“ der Vorwurf gemacht wird, daß er zu sehr unter romanisch formgestaltenden Einflüssen zu wenig dem Dämonischen Raum gewährt hat, und in der vitalistischen Lebensphilosophie, in dem irrationalen Biologismus, wie er vor dem Weltkrieg durch Henri Bergson populär geworden ist. Diese Geisteshaltung ist dynamisch und energisch, aber ihrer Kraftanspannung fehlt jedes Ziel und so erschöpft sie sich in einem im letzten Sinne sinnlosen rauschartigen Kraftverbrauch. Das Leben mit seiner Dämonie, die lebensmäßigen stets im Kampfe miteinander liegenden Äußerungen der Machtgier und des Expansionsdranges der Staaten werden bejaht, der Staat als ein Lebewesen höchster Potenz zum wichtigsten Agens der Weltgeschichte erhoben. So ist das Leben beherrscht von einer Tragik, die „grauenhaft zugleich und herrlich ist“, das Wesentliche an der Geschichte besteht „in dem grandiosen Auf und Ab der Staaten und Völker, das Schwächere erliegt, das Stärkere kommt empor“. Die Geschichte löst sich auf in einen ästhetischen Rausch: „das Letzte in der Geschichte, das Letzte überhaupt der Menschheit ist die Bewährung von Stärke, Kraft und Blut, die Herausforderung aller dunklen Mächte auf die Gefahr hin, daß die gebändigten Gewalten ihre Rache nehmen. Vielleicht war der Aufschwung zu groß, vielleicht die Macht, die man treffen wollte, zu gewaltig, immer aber bleibt die Ehrfurcht vor der verströmten Energie. In Energien sich verschwenden, zugrunde gehen und wieder auferstehen, das heißt Weltgeschichte.“ So wird Geschichte zur Bewegung um der Bewegung willen, die Dämonen werden gerufen, aber sie werden nicht bewältigt, der Mensch, selig in der Raserei der Triebe seines Blutes, in einer göttlich-gottlosen Kraftmeierei, fragt nicht, wozu er seine Energie verströmt und so fehlt der Weltgeschichte jeder einheitliche Sinn, jeder Zusammenhang, dem menschlichen Tun jede rationale und ethische Kontrolle. Alles wird zu einem ewigen Kampf, zu einem Auf und Ab, das den Begriff der Weltgeschichte,