Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 13 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 19'.) anderen Augen an als es ein vulgärer optimistischer Liberalismus noch vor nicht zu langer Zeit tat. Der junge Bamberger, der begeisterte Revolutionär von 1848, feurig, tatendurstig, von Idealen erfüllt, von der Reaktion verfolgt, vom Schwurgericht in Zweibrücken sogar zum Tode verurteilt, ist sympathischer als der spätere Reichstagsabgeordnete, Wirtschaftssachverständige und verhinderte Hof mann der 99 Tage. Die alten Revolutionsgenossen legten es ihm nach seiner Rückkehr aus zwanzigjähriger Verbannung im Ausland, wo er zum gewiegten Währungs- und Handelspolitiker geworden war, als Verrat aus, daß er sich Bismarck näherte. Dieser zog ihn als Ratgeber in Geld- und Währungsfragen und später als Mittelsmann im Verkehr mit der Presse heran. Während des deutschfranzösischen Krieges war er in Bismarcks nächster Umgebung politisch und journalistisch vielseitig tätig. 1871 wurde er, nachdem er schon dem Zollparlament angehört hatte, in den Reichstag gewählt, ging 1880 bei der Spaltung der Nationalliberalen Partei zum Freisinn, bekämpfte immer schärfer werdend Bismarck und wurde der'geheime Ratgeber des kranken Kronprinzen, auf den — und dessen englische Frau — die Liberalen so große Hoffnungen setzten, während Bismarck sehr abfällig über ihn urteilte. Die „Tagebücher“ sind zeitgeschichtlich sehr fesselnd. Bismarck hatte bekanntlich — worüber jetzt Otto Westphals Buch „Feinde Bismarcks“ (München 1930) den besten Aufschluß gibt — die einseitige Bindung an den Nationalliberalismus, die ihm die Verhältnisse seit 1866 aufgedrängt hatten, in den Jahren 1878/80 aufgelöst. Die moderne antiliberale Auffassung, die tief in die Hintergründe zu sehen glaubt, stellt diese Vorgänge jetzt so dar (siehe Westphal a. a. 0., S. 152), sie in Wirklichkeit damit auf den Kopf stellend: Bamberger sei unter einem idealistischen Deckmantel der wahre Materialist gewesen, während Bismarcks großartige Politik darauf beruht habe, daß sie zwar materiell unterbaut und doch nicht zum Werkzeug bestimmter Wirtschaftsinteressen entstellt wurde. „Damals bildete Bismarck durch Einführung von Schutzzöllen eine Phalanx aus landwirtschaftlichen und großindustriellen Interessen, die es ihm gestattete, den oppositionellen freihändlerischen Flügel, auf dem vor allem das Bank- und Handelskapital und die freien Berufe standen, von der nationalliberalen Partei abzuspalten und dadurch im deutschen Gesamtliberalismus eine Krisis hervorzurufen, die ihn weiterer Zugeständnisse an die politischen Forderungen der Linken enthob. Bamberger blieb bis 1893 Reichstagsabgeordneter und geriet zu Bismarcks Politik in immer schärferen Gegensatz. In jüdischen Fragen kämpfte er gegen den Rasse-Antisemitismus Treitschkescher Art und betonte, daß sein Judentum seinem Deutschtum nicht im Wege stehe. Er blieb in seinem Denken und Fühlen noch ganz naiv wie das damalige freiheitliche Bürgertum, das in jener Zeit in der Majorität war und auf der Höhe seiner Erfolge stand. Die erwähnte geheime Ratgebertätigkeit Bambergers für das Kronprinzenpaar entfaltete sich besonders rege, als der vom Tod gezeichnete Kronprinz die Regierung antrat. Zwischen der Kaiserin Friedrich und Bamberger wurde ein heimlicher Briefwechsel geführt, den eine Vertraute der Kaiserin vermittelte. Von dem Inhalt geben die eben veröffentlichten Tagebücher Kenntnis. Die politische Verwirrung und die hohenzollerische Familientragödie jener Zeit sprechen daraus so eindrucksvoll, daß Leser von monarchistischer Gesinnung mit Skrupeln und Zweifeln erfüllt werden können. Über den Deutschen Reichstag schreibt Bamberger einmal: „D ieses Parlament ist zu spät auf die Welt gekommen, als der Parlamentarismus bereits niederging." Im Jahre 1884! Es war der Stimmungsausbruch eines Intellektuellen und gehört zusammen mit dem Stoßseufzer: „Es wird immer fühlbarer, wieviel man vom eigenen Selbst aufgeben muß, um in dem politischen Stall mitzuarbeite n.“ Als der Minister Delbrück ihm sagt, die Monarchen seien wirklich imstande, die Leute zu Republikanern zu machen, antwortet er: „Ihr Glück ist nur, daß die Republikaner die Leute wieder zu Monarchisten mache n.“ Zu Bambergers menschlicher Kennzeichnung dient ein Brief der Frau von Helmholtz, mit der er, wie mit ihrem berühmten Gatten, wie mit Theodor Mommsen und anderen Größen des Geistes, befreundet war: „Es gitt nicht zwei verschiedenere Menschen als ihn und mich .. Sein Radikalismus in Politik und Religion, in Beurteilung künstlerischer Interessen — nichts schadete der Freundschaft; er war so eminent geistvoll in Grazie und Feinheit der Herzensformen . .. ein Europäer und ein gütiger, großartiger Mensch, der alles Niedrige weit hinter sich ließ ... Jude war er nicht mehr, Christ war er nie geworden, alle Religion war ihm „Kirche“ und als solche nicht verständlich.“ Es ist kennzeichnend daß Bamberger, als ihm jemand von der christlichen Gesinnung Bismarcks sprach, dazu in seinem Tagebuch vermerkt: „Je n’en crois rien.“ Bismarcks Sturz hat er mit den Worten beurteilt: „Gewiß war es ein Glück, daß Bismarck entlassen wurde. Aber, daß es ein Glück war, das eben ist das Ungliic k.“ II. Es muß heute gesagt werden, daß wir zu der Gestalt Ludwig Bambergers nicht mehr so positiv-optimistisch — vordergründig — stehen wie selbst noch der Herausgeber der eben ans Licht gekommenen „Tagebücher“, Dr. Ernst Feder, das Porträt des jüdischen liberalen Politikers etwas unbekümmert zeichnet. Wir halten diese im Jahr 1931 geschriebene Portätskizze als gültige und tragende Geschichtsauffassung für überholt, jedoch als Dokument, also als Objekt historisch-politischer Deutung so charakterisch für einen eben ablaufenden Zeitgeist, daß die anmutige, dem Problem aus dem Weg gehende Zeichnung Ernst Feders aus dem Vorwort der „Tagebücher“ hier wiedergegeben werden soll: Ein seltsames Lebensschicksal war einem jungen