Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 13 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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198 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 von biblischer Frömmigkeit — das Verhältnis der Hingabe, als das der Ehrfurcht, jene suoeßsia, die nur eine Seite der biblischen Frömmigkeit darstellt, die in Gott nicht nur den Gegenstand der ehrfürchtigen Bewunderung und Anbetung, sondern auch der Hingabe und Liebe erblickt. Ihn hat das Suchen nach den ewigen Geheimnissen, das Fragen, das Streben nach Erkenntnis zu jener großen Ehrfurcht geführt, die er in „Wilhelm Meister“ fordert, jener vielfachen Ehrfurcht, nicht nur vor dem was über uns, sondern auch neben und unter uns ist. Denn die Ehrfurcht vor dem Erschaffenen ist zugleich eine Ehrfurcht vor dem Schöpfer. Diese Ehrfurcht hat er selbst auch vor der Bibel besessen und ausgesprochen: „Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht.“ (Maximen und Reflexionen.) „Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, solange die Welt steht, niemand auf treten und sägen wird, ich begreife es im Ganzen und verstehe es im Einzelnen. Wir aber sagen bescheiden, im Ganzen ist es ehrwürdig, im Einzelnen anwendbar“ (Sprüche in Prosa). „Ein großer Teil des Alten Testamentes ist mit erhöhter Gesinnung geschrieben, eine Lektüre, dem orientalischen Sonnenaufgang zu vergleichen.“ „Ich für meine Person halte sie lieb und wert, denn fast ihr allein war ich meine sittliche Bildung schuldig. Die Begebenheiten, die Lehren, die Symbole und Gleichnisse, alles hatte sich tief bei mir eingedrückt und ist auf die eine oder andere Weise bei mir wirksam gewesen“ (Wahrheit und Dichtung). Er spricht hier nur von seiner sittlichen Bildung. Wir aber dürfen vielleicht hinzufügen: Gerade die Ausgeglichenheit seines Lebens, das wunderbare Verhältnis zwischen Inhalt und Form, die harmonische Universalität, die Goethe zu einem so einzigartigen Menschen gemacht hat, rührt sie nicht daher, daß er sich nicht auf einen Bildungsfaktor beschränkt, sondern durch alles was er ergreifen kann, sein Leben bereichert? Durch die Antike neben dem Mittelalter, durch die Bibel neben den Erscheinungen seiner Zeit. Und so wenig wir eine Scheidung zwischen den künstlerischen und sittlichen Elementen seines Lebens vornehmen können, so wenig können wir eines der Elemente aus seiner Bildung und seinem Leben hinwegdenken. Die Bibel am allerwenigsten. Man könnte nur wünschen, daß jeder, der Goethe feiert, die Bibel so kenne und achte wie er; man kann nicht gleichzeitig Goethe verehren und die Bibel mißachten. Das biblische Ethos ist ein Teil seines Wesens, biblischer Stil, der Stil seines Lebens, auch soweit er nicht selbst ihn gebildet. Weder der schöne Jüngling noch der Olympier schließt sein Bild ab. Er ist nicht hinweggerufen worden wie Ganymed zu Zeus, sondern wie ein biblischer Patriarch, an dem sich das Bibelwort erfüllt hat, daß er: „Wie die Palme sprieße, wie die Zedern des Libanon grünen,“ und ebenso das andere Bibelwort, daß er: „In Frieden eingehe zu seinen Vätern, wie eine reife Frucht heimgefahren wird zur rechten Zeit.“ Goethes Leben ist ein volles, ein ausgelebtes Leben. Das letzte große Gespräch, das Goethe mit Eckermann geführt hat, am 11. März 1832, befaßt sich noch einmal mit Bibel und Religion, mit Christentum und den großen Geistern der Menschheit. Hier hat er nach Eckermann gesagt: „Gott hat sich nach den bekannten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus, jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich eine Pflanzenschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen.“ Dieses Vermächtnis reicht über hundert Jahre hinweg zu uns. „Gott in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen.“ Wir können kein schöneres und tieferes Wort finden, den Gehalt und die Forderung einer Goethefeier zu deuten. Es mahnt uns: Ehrfurcht vor einem Menschen der Ehrfurcht. Die Tagebücher Ludwig Bambergers Zu dem Thema „Juden I. Das Bild des jüdischen liberalen Politikers und volkswirtschaftlichen Schriftstellers Ludwig Bamberger ist durch eine ausgiebige, ziemlich bekannte Literatur, namentlich durch seine seit 1899, seinem Todesjahr, vorliegenden gesammelten Schriften, längst von allen in der deutschen Politik“ Seiten her belichtet. Trotzdem geben seine eben (unter dem Titel „Bismarcks großes Spiel“) erschienenen geheimen Tagebücher Anlaß, über diese Gestalt und den eigentümlichen Anteil jüdischer Persönlichkeiten an der deutschen Politik des 19. Jahrhunderts nachzudenken. Wir sehen heute doch diese Beteiligung mit