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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-07-01 · 13 (1.7.1932) · p. Seite 197

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
13 (1.7.1932)
Date
1932-07-01
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 197 Aus Straßburg, also in sehr früher Zeit, schreibt er an einen Freund: „Wer nicht wie Elieser mit völliger Resignation in Gottes Weisheit das Schicksal einer ganzen Welt dem Trinken der Kamele überlassen will, der ist übel daran.“ Und der Greis schreibt an den jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy, den er zärtlich geliebt und verwöhnt hat: „Du bist mein David. Sollte ich krank und traurig werden, so banne die bösen Träume durch Dein Spiel. Ich werde auch nie wie Saul den Speer nach Dir werfen.“ Das wird uns nicht wundernehmen, wenn wir immer wieder sehen, welch innige Beziehungen Goethe zur Bibel unterhalten hat. Dürfen wir doch sogar in seiner Lyrik, also da, wo er gewiß so ursprünglich ist wie sonst nirgends, manches mit der Bibel in Verbindung bringen: Die tiefe Inbrunst einer Gefühlslyrik wie der Psalter sie enthält, hat sicherlich ebenso sehr seinen lyrischen Stil beeinflußt, wie das große Pathos der prophetischen Dichter in verschiedenen Stellen seines Stiles deutlich wiederzufinden ist. Und wenn eines der neueren Goethebücher die Grundmotive der goetheschen Lyrik auf folgende drei Elemente zurückführt: Einheitserlebnis — Reinigungsbedürfnis — Aussöhnung mit den Widersprüchen des Daseins — so wird wohl auch ohne näheren Nachweis, der unschwer zu erbringen wäre, erkennbar sein, in welch naher Verwandtschaft zur Bibel diese Grundelemente seiner Lyrik stehen. Noch eine weitere Parallele ist zu erwähnen, die Goethes Schaffen mit dem Buch der Bücher aufweist: Einmal noch kehrt er in den Orient zurück, um „Patriarchenluft zu kosten“, in jener Sammlung des „Westöstlichen Divans“, die ein so seltsames Gemisch von der Lyrik des alternden und eine neue Jugend fühlenden Mannes mit einer aus dem Orient stammenden Lehrdichtung enthält. In den Vorarbeiten zum Divan hatte er sich wiederum mit dem Hebräischen beschäftigt, und in den Jahren 1812 und den folgenden versuchte er eine Rekonstruktion des Salomonischen Tempels und ähnliches. Im Divan war er über die Bibel hinausgegangen, in die Literatur des Islams und die arabische, türkische, persische, indische Welt eingedrungen. Nun trägt er die Weisheit einer langen Lebensführung in eine Lehrdichtung, wie er ja auch früher schon Lehr- und Spruchdichtung gepflegt hatte. Die Xenien, Sprüche in Prosa, Maximen und Reflexionen, sind die bekanntesten Zeugnisse dieser Schaffensart. Sie sind kaum denkbar ohne die didaktische Poesie der Bibel, an der die Erfahrungsweisheit ebenso vorgebildet ist wie die epigramatische Form, die Goethe so meisterhaft zu handhaben verstand, und in der er sich als Nachfolger der biblischen Weisheitsliteratur darstellt. „Die Weisheit des Menschen ist das Abbild göttlicher Weisheit.“ So spricht er in deutlicher Anlehnung an den biblischen Schöpfungsbericht im Divan aus: ..Was machst Du an der Welt. Sie ist schon gemacht. Der Herr der Schöpfung hat alles bedacht“ und wie das Gedicht „Talismann“ Wenn ich handle, wenn ich dichte Gibst Du meinem Weg die Richte, an Psalm 16 erinnert, so enthalten die Verse: Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben, Dringet in sich selbst gedrängt nach oben eine deutliche Anspielung an den Vers aus Köhelet: „Der Staub kehrt zur Erde zurück wie er gewesen, Der Geist aber geht zu Gott zurück, der ihn gegeben.“ Hier geht die Lebensweisheit über in religiöse Erkenntnis der Bibel, die, wir sahen es schon wiederholt in entscheidenden Punkten, einen Bestandteil seiner Weltanschauung ausmacht. Es wäre interessant und besonders für den Theologen reizvoll, die Theologie Goethes zu beleuchten, aber aus einer Reihe von Gründen hier nicht durchführbar. Nur eine Frage sei gestellt, in deren Beantwortung die Frucht der goetheschen Beschäftigung mit der Bibel zutage treten müßte: War Goethe fromm? Gewiß nicht im kirchlichen Sinne. Wenn wir aber einen weiteren Begriff der Frömmigkeit gelten lassen, dann werden wir sagen müssen: Er war fromm. Er war vor allem ein gläubiger Mensch, mag sein Gottesbegriff auch stark pantheistisch gefärbt gewesen sein. Aber oft hat seine Frömmigkeit doch auch deutliche Züge einer ganz persönlichen, einer biblischen Gottesgläubigkeit. Wer wie Goethe bei der Ankunft in Weimar, am Beginn eines neuen Lebensabschnittes ausruft, um seine innere Bewegung zu meistern: „Herr, was ist der Mensch, Daß Du sein gedenkst“ wer niederschreiben kann: „Gott im Himmel, man sagt von Dir, Du kehrest alles zum besten“ wer wie er an Frau von Stein schreibt (13. IX. 77): „Ich singe Psalmen dem Herrn, der mich aus Schmerz und Enge wieder in Größe und Herrlichkeit gebracht hat“ dem wird man eine tiefe Frömmigkeit des Herzens, die der biblischen Frömmigkeit durchaus nahesteht, nicht absprechen können. Und ein so gründlicher Kenner des Wesens der Frömmigkeit wie Heiler (Das Gebet, Seite 20), sagt auch mit Beziehung auf Goethe: „Gerade die großen Gedichte offenbaren eine ganz unmittelbare Herzensfrömmigkeit.“ Ihm war Gott ein lebendiger wirksamer Gott, eine unbez weif eibare Realität, ja mehr als das, ein Wesen, zu dem er ein tief inneres Verhältnis hatte. Nicht so sehr — und das unterscheidet seine Frömmigkeit etwas

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