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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-07-01 · 13 (1.7.1932) · p. Seite 196

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
13 (1.7.1932)
Date
1932-07-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 kenntnis, wenn am Anfang dieser Szene die drei Erzengel den herrlichen Psalm der Schöpfung singen, der zu den wunderbarsten Erzeugnissen der goethischen Muse gehört und der doch nicht hätte gedichtet sein können, ohne daß Goethe zu tiefst in Geist und Form der biblischen Poesie eingedrungen wäre. Die Sonne tönt nach alter Weise In Brudersphären Wettgesang Und Ihre vorgeschriebene Reise Vollendet sie mit Donnergang. Und ist nicht auch der Schluß dieser Verse: Da flammt ein blitzendes Verheeren Dem Pfade vor des Donnerschlags Doch Deine Boten, Herr, verehren Das sanfte Wandeln deines Tags. Ist das nicht eine Reminiszenz an die Theophanie des Propheten Elias, dem sich Gott nicht im Sturm und Blitz, sondern im sanften Säuseln kund gab. Eine Erkenntnis, die uns schließlich auch in den zweiten Teil des Faust führt, in dem ja auch sonst eine große Zahl von Anklängen an die Bibel enthalten ist: Hier sehen wir den Menschen in seiner Arbeit, die ihn darüber hinwegtröstet, daß er, mit dem Streben nach Unendlichkeit beginnend in Entsagung endigen muß. Alles Drängen und Ringen mündet in die ewige Ruhe Gottes, vor dem „Alles Vergängliche nur ein Gleichnis“ ist. Noch an einer anderen Stelle, wo es vielleicht weniger vermutet wird, sehen wir eine Auswirkung biblischer Gedanken in Goethes Schaffen: In der „Iphigenie“. Man irrt, wenn man meint, „Iphigenie“ sei ein Drama im Sinne der Antike. Antik ist nur der Stoff und ist bis zu einem gewissen Grade die Form. Sein Inhalt aber ist im Gegenteil die Überwindung der Antike, des Aberglaubens vom Schicksalsfluch, unter denen die Menschen zu schmachten vermeinen. Der alte Titanenstolz regt hier noch einmal seine Flügel, um durch die Idee der Menschlichkeit zu Boden gezogen zu werden. Er singt seinen eigenen Grabgesang, in dem einzig schönen Parzenlied, mit dem sich Goethe von allem befreit, was heidnisch und abergläubisch sich dem neuen Gedanken entgegenstellt. Der alte Fluch, unter dem das Tantaridengeschlecht seufzt, wird aufgehoben, nicht durch Opfer und Kult, sondern durch das, was gerade nach biblischer Auffassung die Sünde hinwegfegt, durch Läuterung und Entsühnung. „Alle menschlichen Gebrechen Sühnet reine Menschlichkeit.“ Gläubigkeit und Wahrhaftigkeit, der Glaube an den Sieg des Guten über das Böse, der Glaube an das Gute im Menschen, der mit der Kraft des reinen Willens sich vom Fluche befreien und Erlösung erringen kann, ohne daß Mythen und Wunder aufgeboten werden müssen. An dem Iphigeniedrama wird so recht sichtbar, wie die antike Welt, scheinbar übergossen von der Heiterkeit eines ewig blauen Himmels, in Wahrheit die Welt einer unauflöslichen Schwermut ist, während die Bibel äußerlich streng und herb, in sich die ruhige Sicherheit trägt, die die wahre Heiterkeit der Seele gewährleistet. Konnte Gundolf, dessen tiefes Goethebuch zum Zoll des Dankes, wenigstens einmal genannt sein möge, die Iphigenie das „Evangelium der deutschen Humanität“ nennen, so dürfen wir doch sagen, daß es die Humanität ist, die ihre wertvollsten Gedanken in der Bibel gefunden oder zum mindesten wiedergefunden hat. Oder ist es ein Zufall, daß ein ganz entscheidendes Wort des Pylades: .Die Götter rächen Der Väter Missetat nicht an dem Sohn Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg. Daß diese Worte eine beinahe wörtliche Reminiszenz an eine besonders wichtige Stelle der Bibel (Ezechiel 18) darstellen: „Ein Sohn soll die Schuld des Vaters nicht mittragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes. Nein, dem Gerechten soll der Lohn für seine Gerechtigkeit zuteil werden, wie dem Gottlosen die Strafe für seine Gottlosigkeit“ und ebensowenig zufällig ist, daß Iphigenie hofft: „Mit reiner Hand und reinem Herzen Die schwerbefleckte Wohnung zu entsühnen“ wobei wir an Psalm 24 denken müssen: „Wer wird auf den Berg des Herrn steigen? Wer unschuldiger Hand und reinen Herzens ist.“ Diese Worte wiederholt Iphigenie noch einmal: Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand Hinübergehen und unser Haus entsühnen. Man müßte die geistige Geschichte des 18. Jahrhunderts schreiben, um über solche Einzelstellen, solche Anlehnungen hinweg den Zusammenhang der Humanitätsgedanken mit der Gedankenwelt der Bibel aufzuzeigen. Sicher aber ist, daß Goethe sich dessen bewußt war, in diesen Gedanken biblisches Gut wiederzufinden, wie er es auch von einer anderen Stelle der Bibel, dem Buche Jona, bezeugt, von dem er sagt: „Ich glaube, daß im Buche Jona der Zweck war zu zeigen, daß sich Gottes Fürsorge auch auf die Heiden erstrecke.“ Es hieße das ganze Goethesche Schaffen durchgehen, um festzustellen, in wieviel Werken biblische Reminiszenzen, sei es in der Sprache, sei es im Stoff, wiederkehren. Wie vertraut das Alte Testament ihm war, ergibt sich vielleicht aus nichts deutlicher als daraus, daß er es unglaublich häufig zitiert, mit seinen Bildern lebt; und dies nicht etwa in der gehobenen Sprache der Poesie, in der man vielleicht derartige Bilder und Anschauungen, wie die aus der Antike, nur als poetisches Requisit betrachten könnte, sondern in der Unabsichtlichkeit und Unmittelbarkeit seiner Briefe. Zwei Beispiele aus recht verschiedenen Zeiten mögen dartun wie er seinen Briefstil mit Anspielungen auf die Bibel bereichert.

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