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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-07-01 · 13 (1.7.1932) · p. Seite 195

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
13 (1.7.1932)
Date
1932-07-01
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 195 nicht nur als theologisches Zeugnis, sondern als Denkmal der Sprache, als geschichtliche Erscheinung, als dichterisches Kunstwerk, das sich ebenbürtig neben Homer und Shakespeare stellen kann. In solcher Betrachtung verbinden sich seine Urerlebnisse, zum mindesten das Religiöse und Dichterische, mit diesem durch Herder neu erschlossenen Bildungserlebnis. Vor allem wird der titanische Trieb in ihm wach und sucht nach Stoffen, die ihm gemäß sind. Neben anderen titanischen Gestalten, die seine Produktionslust reizen, Prometheus, dem Urbild des titanischen Menschen, neben Jesus und Mohamed, Sokrates und Cäsar, bewegen ihn der Ewige Jude und einige Gestalten der Bibel, in denen er titanische Züge erblickt: Simson, der leidenschaftliche Held, Dalila, das riesenhafte Weib, vor allem Moses, in dem er in dieser Zeit seines Schaffens den ungestümen Tatenmenschen sah, während er in späteren Jahren in ihm mehr den Weisen, den Mann der Sittlichkeit, den Führer des Volkes verehrte. Wenn er jetzt den Plan einer Dramatisierung der Mosesgestalt fallen ließ, so sind später einige Züge in das Bild des reifen und des alternden Faust übergegangen. Aber es hätte vielleicht nicht weit gefehlt und das große Drama seines Lebens wäre nicht der Faust, sondern ein Mosesdrama geworden. Auch die anderen genannten Stoffe sind teils nicht über Pläne und Entwürfe hinausgekommen, teils im Fragmentarischen stecken geblieben. Suchen wir nach Zeugnissen, wo sein durch Herder neugewordenes Verständnis für die Bibel einen Niederschlag gefunden hat, so sind zunächst diese Fragmente zu nennen; dazu etwa das „Jahrmarktsfest in Plundersweilern“, in dem er das Buch Esther für ein scherzhaftes Spiel benützt hat. Voll sind eine größere Anzahl von Werken von Anklängen an die Bibel, so der „Götz“ und „Hermann und Dorothea“, in denen Personen und Situationen biblische Züge und Motive enthalten. Henkel konnte einen ganzen Katalog von Bibelstellen herausgeben, an die sich in seinen Werken Anklänge finden. Nach der Übersetzung des Hohen Liedes hat er eine „Kantate zum Reformationsjübiläum“ (1817) lediglich aus biblischen Motiven entworfen, und man braucht sich nur einmal die Notizen zum „west-östlichen Divan“ anzusehen, um zu erkennen, mit welcher Genauigkeit der Dichter einzelne Partien der Bibel bearbeitet hat, wie etwa in dem Aufsatz „Die Kinder Israel in der Wüste“ (1797). Kehren wir zurück zu den großen Entwürfen seiner Sturm- und Drangperiode, deren Kennzeichen, wie gesagt, das Titanische ist. Der titanische Mensch ist gewiß nicht der biblische Mensch, denn titanisch ist die Auflehnung des Menschen gegen Gott, also etwas heidnisches, aber doch grenzt, so dürfen wir wohl sagen, das Titanische an das Biblische an, wenn es sich um das Ringen der Menschenseele handelt, um ihr Erfülltsein von großem Inhalt und ihr Aufbäumen im Kampfe zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Augenblick und Ewigkeit,, um das ewige Thema Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust, Die eine hält in derber Sinneslust Sich an die Welt mit klammernden Organen, Die andere hebt gewaltig sich vom Dust Zu den Gefilden frommer Ahnen. Und so kommt es gerade aus dem titanischen Gefühl zu dem großen Konflikt, dem inneren Zwiespalt des Menschen, der in den Himmel greift und der durch Leid und Schuld an diese Erde gebannt ist. Man sieht, wie hier das Thema sich entwickelt, das Goethe Zeit seines Lebens nicht verlassen hat, das in seiner Sturm¬ und Drangperiode über die Reife der Mannesjahre ihn bis ins Greisenalter hinein begleitet hat, das Faustthema. Was aber gehört zum Faustthema? Einmal ein Erkenntnisstreben, das sich seiner Grenzen bewußt ist: „Und seh, daß wir nichts wissen können, Das will mir schier das Herz verbrennen.“ Das aber hängt aufs innigste zusammen mit Kohelet, für den alles, also auch die Erkenntnis eitel ist, von der er spricht, „Wo viel Erkenntnis, ist viel Schmerz“. Dazu kommt Schuld und Leid. Erst das Schuldgefühl, für Goethe Wirklichkeit geworden, durch das Sesenheimer Erlebnis, macht Faust zu einer Tragödie. Es wäre keine Tragödie, wäre die Schuld keine echte, selbst erworben wäre das Leiden nur da in dem faustischen Streben, die menschliche Grenze zu überwinden, in dem Widerspruch zwischen dem Ich und dem All, zwischen Menschlichem und Göttlichem. So aber bindet Goethe Schuld und Leid zusammen, und zwar im biblischen, durchaus nicht im heidnischen Sinne. Hier steht nicht die Schuld, die wie ein unentrinnbarer Fluch auf dem Menschen lastet, sondern die Schuld, die Faust als freier Mensch begangen hat, die er hätte unterlassen können, die Schuld Fäusts an Gretchen, in der er seine Schuld an Friedericke sich von der Seele schreibt. Auch das Leiden ist kein Leiden in antiker Auffassung, das keinen Sinn und Zweck hat, sondern ein Leiden im biblischen Sinn. Der biblische Mensch leidet nach Gottes Ratschluß, den er zwar nicht versteht, der aber als Gottes Ratschluß besteht und einen tiefen Sinn hat, und so ist es denn weder ein Zufall noch ein Spiel mit einem poetischen Motiv oder eine äußere Analogie, wenn Faust mit der dem Buche Hiob nachgedichteten Szene eröffnet wird. Die klassische Gestalt des biblischen Dulders gibt der Faustgestalt erst das Relief, daß sie in der richtigen Ebene erscheint, wenn auch, wie gesagt worden ist, Hiob auf die Leidensprobe, Faust auf die Lustprobe gestellt wird. Beiden wird diese Probe von einer, die Welt bewußt lenkenden Macht auferlegt. Das ist der Sinn des Vorspiels im Himmel, mit seiner so weit getriebenen Anlehnung an das Buch Hiob: Auf den Menschen und sein armseliges Treiben schaut eine göttliche Macht herab. Gott leitet und gestaltet des Menschen Leben, auch wenn dieser es nicht weiß. Eine höhere Einsicht ist es, die uns durch Irrtum und Schuld zum Besten lenkt, der auch ein Satan Mephisto als Werkzeug dient. Es ist wiederum nicht nur ein poetischer Auftakt von einzigartiger Schönheit, sondern ein Be-

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