Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 13 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 Goetheerlebnis immer neue Formen annimmt, unsere Seelen mit immer neuem Inhalt füllt, so ist für Goethe das Bibelerlebnis eine Stimme, die in der Melodie seines Lebens bald lauter, bald leiser tönt, bald als führende Stimme erklingt, bald den Orgelpunkt bildet, über den die anderen Stimmen in vollen Akkorden rauschen. Wie fast alles, was für die Formung von Goethes Leben und geistiger Existenz seine Wurzeln in der Kindheit hatte, so in ganz besonderem Maße seine Vertrautheit mit der Bibel. Sicherlich ist die Bibel das Buch seines Elternhauses gewesen und ganz besonders seine Mutter „lebte und webte in alttestamentlicher Frömmigkeit“. Noch am Ende seines Lebens (1824) schreibt der greise Dichter an Zelter von seiner Mutter: „die in alttestamentlicher Gottesfurcht ein tüchtiges Leben voll Zuversicht auf den unwandelbaren Gott zubrachte“. Ihre Briefe sind reich an Zitaten und Anspielungen aus der Bibel, und was, wie wir vorhin gesehen haben, Goethe selbst als frommes Orakelspiel trieb, das muß eine liebe Gepflogenheit seiner Mutter gewesen sein, die, zum Beispiel bei der schweren Krankheit Goethes im Jahre 1768 die Bibel aufschlug und sich durch den Spruch getröstet fand: „Man wird wiederum Weinberge pflanzen in den Bergen Samariae; pflanzen wird man und dazu pfeifen.“ So ward die Bibel das Hausbuch, das Lese- und Unterrichtsbuch, aus dem der Knabe Anregung und Belehrung schöpfte, von dessem Stoffe die Exerzizienhefte des Acht- und Zehnjährigen voll sind, das aber auch seine Religiosität formte, wie er selbst bekennt: „Auf gut alttestamentliche Weise ward der Unterricht erteilt.“ Diese Neigung zur Bibel und allem, was damit zusammenhängt, geht soweit, daß der Knabe hebräisch lernt. Der Vater, der die Bildung seiner Kinder zu fördern nicht müde ward, hat dem Zwölf jährigen für das Studium der hebräischen Sprache den Rektor Albrecht genommen (wie er auch das Judendeutsch bei einem jüdischen Konvertiten namens Ghristamicus gelernt hat). Die Schilderung dieses Unterrichts in „Dichtung und Wahrheit“ dürfte allgemein bekannt sein. Mögen die Erfolge, die er erzielte, auch nicht gar zu groß gewesen sein, bezeichnend sind diese Studien eben doch für die lebhafte Anteilnahme an der Bibel, deren Gestalten bald die beginnende Produktivität des Knaben angeregt haben. Als Zehnjähriger hat er schon „Die Geschichte Josephs“ geschrieben, dessen buntes Schicksal ihn gefangen nimmt und dem gleichwohl auch er sich zu Großem berufen fühlt. Mit 13 oder 14 Jahren hat er Sein erstes größeres Werk, ein episches Gedicht in Alexandrinen „Joseph“ geschaffen; in einem vor wenigen Jahren aufgefundenen Werke will man dieses Jugendopus Goethes wieder entdeckt haben. Es könnte neben anderen auch noch sein Jugenddrama „Belsazar“ erwähnt werden. Er hat fast alle diese Jugendwerke vernichtet, und es mag genügen, zu sehen, wie sehr er in diesen Jugendjahren sich von der Buntheit des Stoffes, der naiven Natürlichkeit der Darstellung und dem religiösen Gehalt der biblischen Erzählung beeinflussen ließ. Nach der Leipziger Universitätszeit, während der die Beschäftigung mit der Bibel in den Hintergrund trat, hat in ihm erst die darauffolgende Erkrankung und die sich anschließende Neigung zu pietistischer Frömmigkeit sein Interesse für die Bibel neu geweckt, jetzt in ganz besonderem Maße für das „Hohe Lied“, das bei den Herrenhutern in ähnlicher Weise wie von den Rabbinern in mystisch übertragener Weise aufgefaßt ward. Er hat später, von seinem dichterischen Gehalt ergriffen, eine Übersetzung dieses so kleinen aber wichtigen biblischen Buches geschaffen; es ist allerdings eine noch offene Streitfrage, ob er diese Überestzung aus dem Original oder einer anderen Übersetzung angefertigt hat. Und nun kommt er 1770 unter einem glücklichen Stern nach Straßburg. Alle Quellen, die dunkel und geheimnisvoll in diesem begnadeten Menschen rauschten, brechen hier auf. Alle schöpferischen Kräfte drängten an die Oberfläche. Es ist gar nicht zu sagen, was die wenigen Monate der Straßburger Zeit, in der Menschen und Natur ihm anders entgegenzutreten scheinen, für sein Leben bedeuten. Die Bekanntschaft mit Herder bildet den entscheidenden Wendepunkt, und wir können sie vielleicht im Drama seines Lebens das erregende Moment nennen. Wie Herder ihm den Weg zum bewußten Künstlertum gewiesen, hat er ihm auch seine Stellung zur Bibel und insbesondere zum Alten Testament festgelegt. Kaum einer war dazu so geeignet wie gerade Herder, dessen tiefes Verständnis für die hebräische Poesie unter den Denkmälern der Weltliteratur bekannt genug sein dürfte. Herder, der „mit den Skalden ein Skalde und mit den Hebräern ein Hebräer sein konnte“ (Scherer), hat ihm die Bibel, für die der Knabe und Jüngling bis dahin religiöses und stoffliches Interesse besessen hatte, als Kunstwerk und geschichtliche Erscheinung sehen und kennen gelehrt. Herder war von der Vorsehung die große Aufgabe zugedacht, dem werdenden Genius die Binde von den Augen zu nehmen, ihm die Zunge zu lösen und ihn zum Bewußtsein seines Gehaltes kommen zu lassen. Und so tritt gerade jetzt immer reiner und deutlicher ans Tageslicht, was auf dem Grund seiner Existenz lag: die, wie Gundolf es so schön formuliert hat, die Urerlebnisse, die aus dem Inneren des Menschen selbst stammen, zu denen die Bildungserlebnisse sich gesellen, die von außen zu uns kommen. Sind Goethes Urerlebnisse (nach Gundolf) das Dichterische, das Titanische, das Religiöse, das Erotische, so finden wir sie alle in der Straßburger Zeit mächtig werden und zum mindesten, das Dichterische, das Religiöse und das Titanische haben durch Herders Einfluß ihre Läuterung erfahren. Im Urerlebnis sicher geworden, gewinnen auch die Bildungserlebnisse eine neue tiefere Bedeutung. So nun zeigt Herder ihm die Bibel, jetzt lernt er sie neu kennen,