Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 13 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- Seite 193 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kachrichtenblatt öer Israelitischen KultuSgemeinüen in München^ Augsburg/ Hamberg unü öeS tHeebanöes Bayerischer Israelitischer Gemünöen Da^ensche Israelitische Gemeinüezeltung Ersekeint am l.u. 15. jeden Monats.—Verlag: B.Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Plinganserstr.64, Tel.73664 u. 73665, Postscheck München 3987, Jahr. Anzeigenpreis: Die 4gespaltene Millimeter-Zeile 40 Rpf. Schriftleitung: Dr. L. Feuchtwanger, München, Grillparzerstr. 38 Familienanzeigen, Stellengesuche u. ähnliche Angebote 15 Rpf. VIII. Jahrgang München, 1. Juli 1932 Nummer 13 Inhalt: Goethe und das Alte Testament — Die Tagebücher Ludwig Bambergers — David Simonsen — Die Ausgrabungen von Sodom und Gomorra — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israel. Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über die Einzahlung der Mieten für Betstühle in der Hauptsynagoge für das Mietjahr 1932/33 — Bekanntmachung über Verteilung von Aussteuer- bzw. Mitgiftbeihilfen aus der Josef Kronheimer’schen Ausstattungsstiftung — Personalia Goethe und das alte Testament Von Rabbiner Dr. Leo B a e r w a 1 d Als Goethe im April 1770 nach Straßburg kam und damit in die bedeutungsvollen Monate eintrat, in denen dep dichterische Genius seine Hüllen sprengen sollte, hat er am ersten Tage seines dortigen Aufenthaltes, einer frommen Gewohnheit der Mutter folgend, aufs geratewohl die Bibel aufgeschlagen und die verheißungsvollen Worte des Propheten Jesaia gefunden: „Mache den Raum deiner Hütte weit und breite die Teppiche in Deiner Wohnung aus, dehne Deine Seile lange und stecke die Nägel fest, denn Du wirst Dich ausbreiten zur Rechten und zur Linken.“ Wie hochfliegend auch die Gedanken des jungen Menschen gewesen sein mögen, er konnte nicht ahnen, in welchem Maße sich dieses Orakel erfüllen sollte, daß die Vorsehung ihn dazu bestimmt hatte, die stärkste Verwirklichung des dichterischen Genius im deutschen Volke zu werden, ein Leben zu führen, das in seiner Fülle und Tiefe seinesgleichen sucht. „Du wirst Dich ausbreiten zur Rechten und zur Linken,“ das hat sich buchstäblich an ihm erfüllt. . Ein Jahrhundert hat sich vollendet, seit die strahlenden Augen sich geschlossen, die mehr als irgendein sterbliches Auge von dem „Überfluß der Welt getrunken haben, was die Wimper halten konnte“. Wenn in diesen Tagen Deutschland, ja die ganze Welt, so weit in ihr das Herz der Kultur schlägt, sich zu Goethe bekennt, so ist es die Einsicht, daß unser Löben nur gesteigert werden kann, wenn wir seinen Geist beschwören, denn wie einer seiner Biographen, R. M. Meyer, sagt: „Was heißt leben, wenn nicht Goethe lebte.“ Der deutsche Volksgeist, der seinen Mund zu seinem Sprachrohr gebildet, jeder einzelne von uns, der Deutsch seine Muttersprache nennen darf, wir alle wären unsagbar ärmer ohne ihn und seine Geschöpfe, ohne Faust und Iphigenie, seine Gedichte und seine Prosa, seine Briefe und seine Gespräche. Aber über das einzelne hinweg ist es die Umfassendheit seines Wesens und Wirkens, die uns so mächtig ergreift — ergreift, aber auch verzagt macht, denn wenn anders Liebe und Bewunderung den teuren Gegenstand nicht nur von ferne anbeten, sondern ihn sich zu eigen machen und besitzen will, so muß uns schwindeln vor der Fülle, die sich uns bietet. Und darum kann, wo immer auch in diesen Tagen Goethes huldigend gedacht wird, der Blick nur auf einen Teil dieser Fülle gelenkt werden; und das Höchste, was wir dabei erreichen und zeigen können, ist, an solcher Einzelheit eine Ahnung von der Totalität dieses Daseins zu vermitteln. Jeder Redner mag sein Thema für besonders wichtig nehmen; aber wir glauben nicht zu irren, wenn wir in Goethes Leben und in seinem Werk der Bibel und besonders den Büchern des Alten Testamentes einen besonderen Platz einräumen, nicht nur wegen der Größe der Bibel und wegen der Größe Goethes, sondern weil die Größe der Bibel und die Größe Goethes in einem unverkennbaren Zusammenhang stehen. Es mag Goethe mit der Bibel ähnlich gegangen sein, wie — wenn der Vergleich erlaubt ist — uns mit Goethe. Wie für uns Goethe ein Erlebnis ist, das wir aus unserem Dasein nicht wegzudenken vermögen, wie dieses