Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (15.6.1932)
- Date
- 1932-06-15
- Page
- Seite 181 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 181 auch verwandte zum jüdischen Kulturkreis gehörige Literatur, wie die sephardischen Kabbala, die Responsa der Geonim, die Werke mittelalterlicher und arabischer Philosophen. Der weitere Ausbau dieser Bibliothek dürfte sie zu einem Weltzentrum für jüdischarabische Studien machen. Eine dritte wichtige Funktion erfüllt die Universität durch ihr arabisches Institut, das dem Studium arabischer Literatur und Kultur gewidmet sein soll. Mangel an Verständnis für arabische Geschichte und Psychologie hat viel dazu beigetragen, die Kluft zwischen den beiden Brudervölkern zu erweitern. So kann die Universität zum Werkzeug für die Annäherung und Versöhnung der beiden verwandten Raffen werden. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß die Universität eine ausgesprochen unpolitische, neutrale Atmosphäre um sich hat. Arabische Gelehrte arbeiten in der großen Bibliothek friedlich neben jüdischen Studenten, die sich in die Geheimnisse der arabischen Koranliteratur vertiefen. Während die 117 Kindergärten und 9? Elementarschulen unter systematischer zionistischer Kontrolle zu Zuchtstätten politisch-nationaler Gefühle geworden sind und für den dauernden Frieden des Landes wohl nicht den wohltätigen Einfluß ausüben, den sie ausüben könnten und sollten, stellt die Universität bemerkenswerter Weise eine Insel des Friedens im brandenden Meere der nationalen Strömungen Palästinas dar. Überzeugt von der Wichtigkeit der Erziehung, der Großmacht im Leben eines Volkes, läßt sich die zionistische Organisation schon etwas kosten, das Erziehungssyftem zu fördern. In einem der letzten Jahre belief sich der Aufwand für Erziehungswesen auf insgesamt 2 312 100 Mark (darunter 380 660 Mark Regierungsbeifteuer). Im ganzen besuchten etwa 27 000 jüdische Kinder die Schulen, wovon weitaus die Mehrzahl (19 419) in die von der politischen Zionistenorganisation kontrollierten Schulen gingen. Daß eine solche „Großmacht" im Dienst politischer Ziele gefährlich werden kann, liegt auf der Hand. Überall finden sich verheißungsvolle Ansätze einer neu aufblühenden hebräischen Kultur und Literatur. Und doch schwebt ein düsterer Schatten über dieser aufgehenden jungen Saat. Die enge Verknüpfung der Erneuerung hebräischen Geisteslebens mit dem politisch-nationalen Zionismus kann der ganzen Bewegung zu einer verhängnisvollen Schicksalsgemeinschaft werden. Gegenwärtig wird es nur wenig Propheten geben, die dem nationalen Zionismus Aufstieg und große Triumphe weissagen würden. Nachbemerkung der S ch r i f t l e i t u n g : Pater Kraus läßt dieser Schilderung der kulturellen Entwicklung des Landes eingehende politische Ausführungen über das Ideal des unabhängigen jüdischen Staates, über den Zionismus als praktische Politik und über die arabischjüdische Frage folgen. Die Beurteilung, die sich überall frei von Vorurteilen oder Sentiments hält, ist eine düstere und negative. Ihr Kern ist in den folgenden Sätzen enthalten: „Selbst wenn es gelänge, durch äußere Druckmittel und Maßnahmen den jüdischen Nationalstaat unter den Auspizien einer Großmacht zu errichten und als Staat ,von Großbritanniens Gnaderst lebensfähig zu erhalten, die hebräische Nation würde nur einen Bruchteil, und zwar den bestgehaßten, der Gesamtbevölkerung bilden, umringt, wie weiland ihre Vorväter, von feindseligen Nachbarn, die stets bereit wären, über sie herzufallen. Würde jene Großmacht ihre Hand aus irgendeinem Grunde zurückziehen, so würde Palästina als großes Massenghetto die alten Ghettos kleineren Stils nur ablösen, bzw. neu aufleben lassen." Das palästinische Spätjudentum als Hintergrund des Urchristentums Einführung zu einem neuen Standardwerk der neutestament lichen Wissenschaft Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. In Verbindung mit 33 Mitarbeitern, herausgegeben von Gerhard Kittel. Verlag v. W. Kohlhammer, Stuttgart I 9 3 2. Das Werk erscheint in etwa 30 Lieferungen von je 4 Bogen (im ganzen gegen 2220 Seiten) in Quart- Format. Das Riesenwerk von Strack-Billerbeck „Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch", das in fünf starken Bänden von 1922 — 1928 mit über 4000 meist in Petitsatz gedruckten Seiten in München bei Beck erschienen ist, zeigt das rabbinische Judentum als die große geistige Macht, die die Welt des Neuen Testaments entscheidend beherrscht. Im Anschluß an den stückweise vorangeftellten Luther-Text des Neuen Testaments wird darin die überwältigende Fülle der rabbinischen Parallel-Texte vorgeführt. Das werdende Christentum gehört zwei Kulturkreisen an: dem palästinischen und dem hellenistischen. Die iranische Religion war das verbindende Glied, das vom prophetischen Judentum zum Spätjudentum zur Zeit von Jesus führte. Strack-Billerbeck bietet die jüdische Komponente. Gerhard Kittel hat in einem berühmten Buch mit dem Titel: „D ie Probleme des palästinischen Spätjudentums und das Urchristentum" (1926) eindringlich und unbefangen die große wissenschaftliche Aufgabe geschildert, die es noch durch eine methodische Erforschung des rabbinischen Judentums für ein richtiges Verständnis des Neuen Testaments zu erfüllen gibt. So dankenswert und imponierend die Leistung des Kommentars von Strack- Billerbeck ist, er ist eine Materialsammlung, die theologische oder gar begriffsgeschichtliche Verarbeitung des Stoffes gehört nicht zu seiner Aufgabe. Was dagegen, nach dem Plan des neuen großen Werkes und den Proben der ersten beiden Lieferungen, das Kittelsche „Theologische Wörterbuch" bringt, sind erschöpfende kritische Monographien der neuteftamentlichen Begriffe auf philologisch-historischer Grundlage. Eine Reihe von Spezialwissenschaften reichen sich dabei die Hand; auf welche Art, darüber mag der nachfolgende Auszug aus dem Vorwort eine erste Orientierung geben: „Eine Eigenart unseres Wörterbuches liegt in der Vielheit der Mitarbeiter. Daß die Art des einzelnen in jedem der Artikel zur Geltung kommt, versteht sich von selbst, um so mehr, je ernsthafter die Artikel in der soeben beschriebenen Weise von dem Eigentlichen des neuteftamentlichen Wortes zu reden suchen. Trotzdem haben wir die Zuversicht, daß es möglich ist, ein in sich geschlossenes und bei aller Mannigfaltigkeit einheitliches Werk zu schaffen, nicht nur in einer gewissen Übereinstimmung der