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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-15 · 12 (15.6.1932) · p. Seite 180

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
12 (15.6.1932)
Date
1932-06-15
Page
Seite 180 (sequence 4)
Language
German
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180 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 ein. Die jahrhundertlange Sehnsucht der Juden nach einem Kulturzentrum in Palästina schien endlich in Erfüllung zu gehen. Die hebräische Sprache ist nun eine der drei offiziellen Sprachen in Palästina. Überall stößt der Reisende auf dreisprachige Plakate und Inschriften (Englisch, Arabisch, Hebräisch). Hebräische Laute klingen in den Straßen und Läden, in den Büros und Kolonien an sein Ohr. Es ist zwar nicht das feierliche und ehrwürdige Hebräisch von Sasad und Hebron, sondern das moderne zionistische, ein künstlich geschaffenes Sprachgebilde, das neben dem verpönten Jiddisch als allgemeines Verständigungsmittel unter den Juden Palästinas dient. Die alte heilige Sprache der Patriarchen und Propheten lieferte nur die Bausteine für das neue zionistische Hebräisch, das von einem gelehrten Sprachen- Komitee, einer Art hebräischer Akademie, unter Mitwirkung sämtlicher wiffenschaftlicher und politischer zionistischer Körperschaften geschaffen wurde und dessen Wortschatz von Tag zu Tag durch neue Wortschöpfungen und Terminologien bereichert wird. Es ist eine Sprache im Werden, die aber bewußt und reflex den alten traditionellen Sprachschatz neu ausmünzt. Im Ansage stieß diese Bewegung, die auf die Zeit der ersten jüdischen Kolonisten in Palästina, der nicht politischen Khoveve-Zionisten oder „Liebhaber Zions", d. h. beinahe bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts, zurückreicht, auf scharfen Widerstand bei den orthodoxen Juden, die darin eine sakrilegische Profanierung der heiligen Sprache erblickten. Theater, Kinos, öffentliche Veranstaltungen, offizielle Dokumente, Gericht und Schule, alle Zweige des Lebens bedienen sich dieser Sprache, und kommt es auch häufig vor, daß im Theater und Kino und sonstwo Nachbarn einander die Geheimnisse der neuen Sprache in unverfälschtem Jiddisch klar zu machen suchen, so wächst doch eine Generation heran, der von der Schule her die „neue Zunge" geläufig ist; es besteht daher alle Aussicht, daß das moderne und westlichen Ideen und Bedürfnissen angepaßte Hebräisch sich zur Nationalsprache der neuen hebräischen Nation entwickelt. Der größte moderne hebräische Literat, Achad Ha'am, der Prophet der „Liebhaber Zions", hat sein Leben lang hebräisch geschrieben und gesprochen. Der große hebräische Lexikograph, Ben Pehuda, übernahm die schwierige Aufgabe, die Sprache zu modernisieren und ihr eine Standard-Form zu geben, und er hat sie auch einer Lösung nahegebracht. Das hauptsächlichste Instrument zur Popularisierung des neuen Idioms sind die Erziehungsanstalten. In 117 Kindergärten, 95 Volksschulen, 4 Mittelschulen, 4 technischen Instituten, 4 Lehrerseminaren, 3 Spezialschulen sowie an der Hebräischen Universität zu Jerusalem, den Rabbinerschulen und theologischen Instituten zu Hebron, Safad, Jerusalem und Tiberias ist das moderne Hebräisch in der melodischen vokalreichen Sephardim-AuSsprache Unterrichts- und Umgangssprache. Es war ein weiser Schritt der „Liebhaber Zions", die reine und klangvollere Aussprache der Sephardim, der Juden von Spanien und Afrika, zu adoptieren, obwohl der Großteil der neuen Einwanderer nur mit der rauheren und gutturalreichen Aussprache der Ashkenazim, der Juden von Nord- und Osteuropa, vertraut ist. Der Ashkenazim-Dialekt erinnert in seinen verdunkelten, gepreßten Lauten nur zu sehr an die dunklen enggässigen Ghettos, wo ein unterdrücktes Volk nicht wagen durfte, frei und offen zu reden. Wer die neugeformte Sprache des Moses aus dem Munde der Kinder, die nur hebräisch sprechen, in den schönen Sephardimlauten hervorquellen hört, der kann sich dem Zauber dieser flüssigen, ans Spanische, Italienische und Griechische erinnernden Klänge nicht entziehen. Alle Besucher der jüdischen Kolonien — von denen jede ihren Kindergarten hat — sind überrascht von der Reinheit und Flüssigkeit der Sprache, die sich würdig einreiht in die Familie der Mittelmeersprachen und deren sonnige Wärme atmet. Eine Pflegestätte der neuen musikalischen Sprache ist vor allem auch das Hebräische Kunsttheater, wo sie sich nach ihrer besten Seite produziert. Die Hochburg für die hebräische Kultur ist jedoch die Hebräische Universität auf dem Olberg — Mount Seopus. Ihre beherrschende wundervolle Lage — auf der einen Seite das Iosaphattal und das Panorama der Stadt Jerusalem, auf der andern der Ausblick ins Iordantal und aufs Tote Meer, sowie die Moab- Berge jenseits des Jordan — ist ebenso symbolisch für ihre Stellung wie der nicht gerade schöne amerikanische Stil ihrer Gebäulichkeiten. Biblisch alte und modernste Studien sollen Hier gemeinsame Pflege finden, die Ideale des spirituellen Zionismus eines Achad Ha'am und die neuesten medizinischen und physikalischen Probleme sollen an dieser Stätte gefördert werden. Offiziell wurde die Universität 1925 durch Lord Balfour eröffnet. Im ersten Jahre waren nur Spezialkurse (Graduate courses) im Chemischen Institut sowie im Institut für jüdische Studien vorgesehen. Im folgenden Jahre wurde das Institut für orientalische Studien — hauptsächlich für arabische Literatur und Kultur — eröffnet. Im vorletzten Jahre kam die Fakultät für humanistische Studien zustande, die regelrechte Vorlesungskurse für Untergraduierte in Philosophie, Geschichte und Literatur veranstaltet. Die Naturwissenschaftliche Abteilung wurde durch Seminaren für Parasitenforschung, Mikrobiologie, Palästinische Naturgeschichte (mit einem sehr interessanten kleinen Museum), Hygiene und Bakteriologie sowie Mathematik und Physik bereichert, die teilweise im vornehmen Einfteinflügel untergebracht sind. Wenn diese Zweige, die einstweilen nur für Spezialunternehmungen und Privatforschung angelegt sind, zu einer vollen Fakultät der Naturwissenschaften (faculty of Science) ausgebaut sein werden, wird die Hebräische Universität die typisch englische Organisation der Doppelgliederung in Arts und Science haben. Im Jahre 1929 zählte die noch in bescheidenen Anfängen steckende Hochschule 250 Studenten. Die sehr gut behauste und eingerichtete Biblitohek umfaßt zur Zeit 200 OCX) Bände, hat aber Raum für 400 000 vorgesehen. Der Kanzler ist der wohlbekannte amerikanische Rabbiner Dr. I. L. Magnes, Regiftrar S. Hirzberg, der Sohn des neuhebräischen Literaten Achad Ha'am. Seit ihrem kurzen Bestehen hat die Universität schon einige bemerkenswerte Leistungen auf dem Gebiete der Bazillenforschung aufzuweisen; z. B. wurde die Ursache einer in gewissen Distrikten Palästinas häufigen Dysenterie-Epidemie feftgestellt und die Krankheitserreger der Plagen Palästinas, von Malaria und thyphoiden Krankheitserscheinungen, in den wohl ausgestatteten Laboratorien wissenschaftlich mit guten Resultaten studiert. Große Hoffnungen darf man wohl auf das Institut für jüdische Studien setzen, dessen Forschungen in Bibelexegese und Talmudliteratur bereits öffentliche Aufmerksamkeit erregen. Auch die christliche Bibelforschung dürste ein solches Institut begrüßen, dessen Arbeiten neues Licht auf die alten Quellen der Heiligen Schrift werfen können. Die erstklassige Bibliothek dieser Abteilung beherbergt nicht nur die geläufige weitschichtige Rabbinerliteratur sowie das Talmudschrifttum mit Manuskripten und Faksimiledrücken und selbst selteneren Kommentaren, sondern

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