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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-15 · 12 (15.6.1932) · p. Seite 179

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
12 (15.6.1932)
Date
1932-06-15
Page
Seite 179 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 179 lentümer miteinander ein wesentliches Merkmal aller Geschichte. Geschichte — und dieser Vorgang rst ihr Sinn im ganzen ist die Befreiung der deutschen Seele von Überfremdung durch die fremden Seetentümcr Hellas, Israel und Rom. Geschichte ist dre Seldstverwirklichung und Seldstertenntnis der deutschen Seele. „Aas Weltall kreist um dre Geschichte, und die Geschichte kreist urn das Schicksal des Reiches." Ferner hat Friedrich Nietzsches Philosophie die Hielschersche Weltanschauung nachhaltig bestimmt. Und im Hintergründe steht ragend die Gestalt des „dunklen" Heraklit. Seine Kernsätze, daß der Krieg der Vater aller Dinge und das Sein, das Wesen des Seins ein ewiges Werden sei, kommen in vielfältigen Wandlungen zum Ausdruck. Die Nietzsche-Ausfasiung Hielschers gleicht in mancher Hinsicht der Deutung, die Alfred Baeumler in seinem bedenklichen Büchlein „Nietzsche, der Philosoph und Politiker" verfaßt hat. Diese knappe historische Eingliederung Hielschers leitet über zur Betrachtung der Bausteine seiner Lehren. Vor die Erkenntnis der Wahrheit als dem höchsten Ziel der philosophischen Bemühung setzt Hielscher die „Anerkenntnis der Wirklichkeit". „Die Voraussetzung alles Gedachten wird nicht erkannt, sondern bekannt; was von ihr ausgesagt wird, hat nicht Wahrheits-, sondern Gleichniswert." Diese letzte Wirklichkeit, die in Körper und Geist und in allem Sein des Raumes und der Zeit erscheint, ist eine seelische Wirklichkeit. „Der Leib hängt nicht vom Geiste ab, so wenig wie dieser von ihm; sondern in beiden erscheint die eine Seele, und durch die Seele der Wille zur Macht." Seele ist das Wesen der Dinge und Seele ist nun für Hielscher gleichbedeutend mit Gott. Dieser pantheistische Panpsychismus, wie man etwa dieses Bekenntnis technisch benennen könnte, ist der Glaube des Reiches, der Glaube der deutschen Seele. „Die Seele findet in sich den wirkenden Gott als ihr Wesen; und darum wird ihr Wesen nichts anderes als Gott selber, ewige Wirkung schöpferisches Werk." Der Name deutsch gilt nur für die „Gläubigen des Werdens". Gott ist Einfalt und Vielfalt, Vernichtung und Krieg, Freiheit und Notwendigkeit und „darum bekennen sich die Seelen des Reiches zu dem allmächtigen alleinwirksamen, alleinwirklichen, allwistenden, ewigen Gott, außer dem nichts west; zu dem Reich, dem Herzen Gottes, als ihrer Heimat, die in ewigem Kreislauf von Innerlichkeit und Macht durch alle Glieder Gottes geschieht; zu sich selbst als den ewigen Gliedern des Reiches, als den Tätern Gottes." Was ist nun aber das Reich? Diesen Begriff kennzeichnet Hielscher mit zwei anderen Begriffen, deren Vieldeutigkeit, durch mancherlei Geheimnis getrübt, sich der klaren Bestimmung zu entziehen scheint. Das Reich bezeugt sich in der schicksalshaften Verbindung von Innerlichkeit und Macht. „Innerlichkeit ist die in der Seele lebendige Flut, Macht ist das Wandern in die Ferne." Innerlichkeit und Macht bedingen sich gegenseitig; denn Innerlichkeit (doch wohl die Gesamtheit der weltanschaulichgedanklich und gefühlsmäßig wertenden Inhalte der Seele) strebt nach Gestaltung, nach Vergegenständlichung im Werk, nach Geltung und Macht; das Werk aber erstarrt zum bloßen Gehäuse, wenn nicht Innerlichkeit es erfüllt und lebendig erhält. Man hört auf zu wirken, wenn sie nicht immer wieder zu den Quellen der Innerlichkeit zurückkehren kann. Das Reich hat eine Reihe von Ahnen, die seine seelische Haltung gültig formten. Diese geschichtliche Beglaubigung erfolgt durch die Berufung auf Johannes Scotus Criugena, Meister Cckehart, Luther, Goethe und Nietzsche. Sie sind die Stammhalter des Reiches. Johannes Scotus, der „Vater der Antischolastik" (Maurice de Wulst), Übersetzer und Kommentator der Bücher des Dionysos Areopagita, Verfasser der Schrift „Ae divisione naturae", lehrte eine pantheistische Einheit alles Seienden. Nach Cckehart erkennt sich „in der Seele die Gottheit als Gott", „erkennt die Seele ihren Rang im Wirken Gottes... sie ist eins mit ihm, in seinem Wirken von Ewigkeit zu Ewigkeit wirkend". Luthers Lehre von der „Allcinwirksamkeit Gottes" wird pantheistisch umgedeutet, sein Deus absconditus gleichgesetzt mit Nietzsches Willen zur Macht. (S. 213.) In Anlehnung an Spengler, der die Zusammenschau verschiedener geistiger Gestalten vielseitig handhabt und etwa Bach und Kant in einem Atemzuge nennt, glaubt Hielscher, die Bachsche Fuge und die friderizianische Schlacht als innere Einheit bezeichnen zu müsten. Ähnliches ließe sich häufen. Die Seele des Reiches muß sich im Laufe der Geschichte von der Überfremdung und Umklammerung durch andersartige Seelen befreien. Sie führt einen Kampf gegen Hellas, Israel und Rom. Im Alten Testament stehen der allmächtige Gott und der Mensch, der infolge seines freien Willens sündigen kann, einander gegenüber. Eckehart und später in ganzem Umfange Luther haben nach Hielscher den alttestamentlichen Widerspruch zwischen dem „Glauben an die erlösende Vorsehung Jahwes und dem Glauben an das willensseie Tun des Menschen" ausgelöst. Die Welt sei immer und überall gottcrfüllt, sie brauche deshalb keine Erlösung, und Luthers Glaube an den alleinwirkfamen Gott erhebe sich, so sagt Hielscher, „zu der Zuversicht des ewig geschehenden Einklangs aller Dinge im Allmächtigen". — „Rom ist das Seelentum der Gerechtigkeit." Eine universale Gerechtigkeit, im Bunde mit der göttlichen Macht herzustellen ist sein weltgeschichtlicher Anspruch. Aber, meint Hielscher, die Wirklichkeit, weil sie vollkommen sei, bedürfe keiner Gerechtigkeit. Es gibt eben nur ein „verzücktes Iasagen zum Gcsamtcharakter des Lebens..., die große pantheistische Mitfreudigkeit und Mitleidigkcit, welche auch die furchtbarsten und fragwürdigsten Eigenschaften des Lebens gutheißt und heiligt." Ich muß cs mir versagen, das Maß dieses Wustes von wenig Sinn und viel Unsinn an dieser Stelle voll zu machen. Was von Hielscher gesagt wird über den Westen, dem der Besitz, die Wirtschaft und somit der Stand der Händler als das Höchste gelte, erinnert an die übelste Zeit der Kriegsverleumdungen. Die Nation ist für Hielscher keine Abstammungseinhcit, sondern sie leitet sich her von einer Gemeinsamkeit der seelischen Haltung (S. 100). Sie ist gemeinsame Gebundenheit an ein einziges Schicksal. Und dieses Schicksal ist das Schicksal des Reiches, der deutschen Seele, deren erstes und letztes Wort Freiheit heißt. Es ist bezeichnend, daß die grundlegend wichtige Frage nicht auf eine „Freiheit wozu", sondern eine „Freiheit wovon" ist, eine Freiheit und Befreiung vom Geiste und der Herrschaft des Westens. Erst nach dieser Befreiung kann nach Hielscher zum Ausbau der eigenen Ordnung geschritten werden. Von solcher Ordnung sei hier angemerkt, daß in einem deutschen Bundesstaat, der ein Obereigentum an Grund und Boden und „an sämtlichen Gütern überhaupt" für sich in Anspruch nimmt, ein Wahlkönig herrscht, der Preußens und des Reiches Krone auf seinem Haupte vereinigt. „Der Mensch ist nichts, das Werk ist alles." Das Werk ist aber das Reich, cs ist der Zweck, dessen Mittel der Staat und der Mensch sind. Man könnte der Ansicht sein, daß derartige Bücher nicht beachtet werden sollten. Indessen gelesen werden sie gleichwohl. Und ein zuchtloses Denken, das an Schwierigkeiten unbekümmert vorbeigeht, das „heldische" Gefühle aufruft, ein Denken ferner, das sich selbst als von einer machthungrigen Seele geformt weiß, und daher nur die Gesetzlichkeit dieser Seele kennt, tut nur auflösende Wirkung. Hielscher mit seinen Mißdeutungen Eckeharts, Luthers, Goethes, mit seinen Bildern der griechischen, jüdischen, römischen, indischen und chinesischen Seele wendet sich ja an „Gebildete". Denn wer über kein oder wenig Wissen in dieser Hinsicht verfügt, wird das Buch nicht lesen können und wollen. Cs rächt sich jetzt eine bestimmte G e s ch i ch t s f e i n d l i ch k e i t großer Kreise, die auf wissenschaftliche Gewißheit und Sauberkeit zugunsten einer romanhaft verbrämten oder „deutenden" Historie zu verzichten können glaubten. Wir verstehen nun auch Croces Wort, der italienische Nationalismus am Anfang des 20. Jahrhunderts sei „ehrfurchtslos" und „ohne Wissen von den Dingen des Landes", gewesen. Das gilt auch für den Hielschers. Cs gilt auch von Maurice Barres' an und für sich schöner Formel „1a terre et les morts". Sollte wirklich Ernst Robert Curtius' Warnung: Deutscher Geist in Gefahr eine zu späte Warnung sein? H. Bth. hebräische Renaissance Von Professor Johannes B. Kraus 8. J. Der Verfasser dieses Aufsatzes, der aus Bamberg stammende Iesuiten-Patcr I. B. Kraus lehrt zur Zeit an der katholischen Universität Tokio. Er hat vor zwei Jahren nach einem längeren Aufenthalt in Palästina der neueren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung dieses Landes sehr sachkundige, unbefangene Abhandlungen in der Münchener katholischen Monatsschrift „Hochland" gewidmet. Kraus ist der Verfasser des im Verlag Dunckcr 8t Humblot in München erschienenen Werkes „Scholastik, Puritanismus Und Kapitalismus". Der nachstehende Aufsatz ist dem neuesten Iunihest des „Hochland" entnommen. Seitdem die Parole „Nationale Heimstätte für die Juden in Palästina" die jüdische Welt zu neuem Selbstbewusstsein weckte, setzte nach langem Winter ein neuer Frühling hebräischer Kultur

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