Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (15.6.1932)
- Date
- 1932-06-15
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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178 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 ftiges System fügte sich keiner der großen Weltanschauungskreise ein. Die Arbeiterschaft sah in ihm den Unternehmer, den Klassenfeind, und die Unternehmer betrachteten ihn mit Mißtrauen. Nach außen hin wirkte er kühl und ablehnend. Daß er das nicht war, beweisen jene wundervollen „Briefe an eine Liebende", die vor kurzer Zeit (Karl Meißner Verlag, Dresden, 1931) erscheinen konnten, nachdem die Frau, an die sie gerichtet sind, nicht mehr lebt. Hier enthüllt sich ein Mensch in der ganzen Keuschheit seines Empfindens. Rathenau, der ein vorbildlich guter Sohn gewesen ist, hat aus der ungeheuren Belastung, die ihm die vielfache Arbeit gab, zu der er sich verpflichtet fühlte, den Weg zur Ehe nicht gefunden. Aber es war sicherlich nicht Gefühlsarmut, die ihn diesen Weg nicht finden ließ. Er hat gewußt, daß er Gedanken hatte, die letztlich nicht nur für seinen engeren Kreis, die auch für Deutschland Befreiung, Neuschöpfung bedeuten konnten. Er hat ungeheuer darunter gelitten, daß er schon frühzeitig Dinge reifen sah, die er anders gemacht hätte, aber man fragte ihn nicht, weil man es sich nicht in Deutschland vorftellen konnte, daß er als Jude an leitender Stelle stände. Im England der Gegenwart haben wiederholt Juden an eruoniertefter Stelle als Außen- und Innenminister gewirkt, niemand nahm und nimmt daran Anstoß. Die wenigen Monate, die ein Rathenau an solcher Stelle stand, ließen die Wellen des Haffes in einer Weise hochgehen, die den Abscheu jedes feiner Empfindenden hätte erwecken müffen und vielleicht auch erweckt hat. In dieser Zeit ist Ratheau in seinem Judentum gereift. Sicherlich hat er niemals das besessen, was wir ein jüdisches Wissen nennen. Die Lücken der Bildung der Jugendzeit waren nicht nachzuholen. Vielleicht sogar, daß er hier und da gefühlsmäßig manchen Schriften aus anderer Weltanschauung näher stand, aber der Stolz auf sein Judentum wurde größer. Interessant ein Brief an die Generalin von Hindenburg. Er stammt aus einer Zeit, in der Rathenau noch abseits vom politischen Leben stand. In ihm heißt eS: „Wenn auch ich und meine Vorfahren nach besten Kräften unserem Lande gedient haben, so bin ich, wie Ihnen bekannt sein dürfte, als Jude Bürger zweiter Klaffe. Ich könnte nicht politischer Beamter werden, nicht einmal in Friedenszeiten Leutnant. Durch einen Glaubenswechsel hätte ich mich der Benachteiligung entziehen können, doch hätte ich hierdurch nach meiner Überzeugung dem von den herrschenden Klassen begangenen Rechtsbruch Vorschub geleistet." Gewiß, er war ehrgeizig, und es befriedigte ihn, daß man ihn schließlich doch zur Führung rief, aber er wußte auch, was ihm bevorstand. Als man ihn zum Außenminister ernannte, war es ihm klar, daß er in den sicheren Tod ging. Er hat alle Warnungen in den Wind geschlagen: „Es werden Mann für Mann in den Graben springen müffen, bis er überstiegen werden kann. Gleichviel: er wird nie überstiegen werden, wenn nicht einer beginnt." Daß Walther Rathenau in diesen Graben gesprungen ist, um die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, von der letztlich das Heil Europas abhängt, anzubahnen, ist eine Tat! Man tötete ihn wegen seines Judentums. Noch Jahrzehnte werden vergehen, ehe man erkennen wird, wer er gewesen ist. Vom Welt- und Seschichlsbild des deutschen Nationalismus Bemerkungen über „Das Reich" von Friedrich Hielscher Benedetto Corce sagt in seiner „Geschichte Italiens 1871—1915" (die in der von Ernst Wilmersdoerffer-München 1928 erschienenen ausgezeichneten deutschen Übersetzung allgemein bei uns Eingang gefunden hat) anläßlich des Aufschwunges der Kultur in den Jahren 1901—1914, einige Wortführer des Nationalismus als Zeugen beschwörend, Patriotismus und Nationialismus seien Gegensätze, jener sei altruistisch, dieser egoistisch, „jener wolle den Dienst am Vaterlande bis zum Tode, dieser betrachte die Nation als eine Macht, die den Bürgern Nutzen bringen solle, er sei der Egoismus der Bürger gegenüber der Nation, also der Patriotismus war ein moralischer, um mit Nietzsche zu sprechen, minderwertiger, der Nationalismus ein utilitaristischer und heroischer Gedanke". Croce sagt ferner vom italienischen Nationalismus, er sei kein Wiedererwecken und keine Stärkung des italienischen Bewußtseins oder der nationalen Tradition gewesen; „denn er war in seinem Ursprung ehrfurchtslos und ohne Wissen von den Dingen des Landes". In diesem Zusammenhang sind einige Stichworte gefallen, die wir fesihalten möchten: „heroisch", „egoistisch", „ohne Wissen um die Dinge des Landes". Ein Wort Goethes verändernd, konnte man sagen, der Nationalismus verdirbt die Geschichte. Und nicht nur das: er zerstört das Denken und hebt menschliche Gemeinschaften auf. Jeder politischen Bewegung ist ein bestimmter Geist zugeordnet. Eine bestimmte Art des wertenden Gefühls formt eine Rangordnung der erstrebenswerten Güter der Erde, eine bestimmte Weise des Denkens schafft ein metaphysisches Bild von Geschichte und Welt, und Denken und Fühlen vereinigen sich in der Prophetie einer zukünftigen Gesellschafts- und Seinsordnung. Die Stoßkraft einer politischen Bewegung setzt sich zusammen aus Kräften, welche durch unmittelbare wirtschaftliche Not wirksam werden, und aus solchen, die in einer Welt- und Geschichtsschau ihren Ursprung haben. Es ist somit nicht überflüssig, ja vielmehr notwendig, den geistigen Grundlagen des deutschen Nationalismus, der sich politisch vornehmlich in der nationalsozialistischen Bewegung zusammenballt, seine Aufmerksamkeit zu widmen. Im Jahre 1923 hat Arthur Mo eller van den Bruck (1876 bis 1925) ein Buch „Das dritte Reich" erscheinen lassen. Dort wird programmatisch die Abwerfung des Lakaiengeistes falscher Bewunderung des Fremden gefordert, und dort wird gesagt, daß Deutschland seiner „übernationalen Sendung" — ein Denkmal der Unsterblichkeit aufzurichtcn — nur dann leben könne, wenn es als Nation gesichert sei (S. 516). 1951 brachte Friedrich Hielscher — ich zitiere nach dem Waschzettel auf der Buchhülle — das erste grundlegende Werk über das Weltbild des Nationalismus, seine Voraussetzungen, Aufgaben und Ziele heraus. Cs heißt „Das Reich" (Verlag „Das Reich", Berlin). Zu Beginn ein Wort pro domo! Cs ist nicht leicht, sich durch 580 Seiten zu arbeiten, auf denen, in echter großer Gläubigkeit an die deutsche Seele, teils in hymnischer Sprache, teils in blockigen Satzfolgen, bald lyrisch beschwingt und überladen, bald nüchtern sachlich eine Metaphysik, deren begriffliche Zuchtlosigkeit ihr zum zweifelhaften Ruhm, geheimnisvoll zu sein, verhilft, mit einer gewaltsamen Geschichtsdeutung und -miß deutung vereinigt wird. Brocken, ja Felsklötze an Überheblichkeit und Anmaßung machen den Gang durch dieses Buch oft nahezu unmöglich. Eine Stusenreihe von Ärger bis zur Empörung bleibt einem kaum erspart, wenn man bedenkt, daß diese Schrift als das Buch.der gegenwärtigen Deutschheit gepriesen wird. Vierzehn Jahre nach dem größten aller Kriege kann geschrieben werden: „Das Ja zum Kriege, das hier verkündet und im ,Feurigen Weg^ oder in den ,Stahlgewittern^ als selbstverständlich vorausgesetzt wird, schließt in sich den Glauben an die Vollkommenheit des Wirklichen." Es soll im folgenden versucht werden, das Welt- und Geschichtsbild Hielschers darzustellen. Mir scheint, daß Oswald Spenglers Morphologie der Geschichte sichtbare Spuren in Hielschers Werk hinterlassen hat. Wie der Prophet des „Unterganges des Abendlandes" löst auch Hielscher die unabsehbare geschichtliche Welt in verschiedene Seelentümer auf Da sind die Seelen von Hellas, Israel, Rom, China und Indien, die gemäß ihren ureigensten Gesetzen die Crdenbahn vollenden. Ihnen ist zu- und übergeordnet das Reich, in dem sich das deutsche Schicksal und mit ihm das der ganzen Welt erfüllt. Lehnte jedoch Spengler Erfühlung und Aufnahme fremdseelischer Gestalten ab, so ist für Hielscher gerade die gegenwärtige Verschlingung, der leidenschaftliche Kampf der verschiedenen See-