Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (15.6.1932)
- Date
- 1932-06-15
- Page
- Seite 177 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2727950-2727962--08637-2741847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bayerische Kachrichtenblatt öer Israelitischen KultuSgemeinöen in München/ Augsburg/ Hamberg unü öeü VerbanüeS Hagerischer Israelitischer Gemeinüen Erscheint am 1. unü if. jeden Monats. — Verlag: S. Heller, München, plinganserstraste 64/ Zernruf 7J664 und 7J66J, Postscheck München 5? 87, Schristleitung: Vr. Luöwkg Zeuchtwanger, München, Griüparzerstraste ZS Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Jeile 40 ReichSpfenvig Zamllienanzeigeo, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Reichspfennlg VW. Jahrgang München, 15. Jum JPZL Kr. JL Inhalt: Walther Rathenau, ein Blatt des Gedenkens — Vom Welt- und Geschichtsbild des deutschen Nationalismus — Hebräische Renaissance — Das palästinische Spätjudentum als Hintergrund des Urchristentums — Albert Londres Reisetagebuch durch die jüdische Welt der Gegenwart— Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über die Einzahlung der Mieten für Betstühle in der Hauptsynagoge für das Mietjahr 1932/33 — Bekanntmachung über Geflügelschächtstunden — Personalia Walther Nachenau - Lin 6lall des Sedenkens Zu seinem 10jährigen Todestag am 22. Juni 1922 Von Studienrat Dr. Willy Cohn (Breslau) Das Tempo unserer Zeit ist Führern, die erst seit kurzem aus unserer Mitte entschwunden sind, nicht günstig. Die Jahre, die wir durchmachen, überstürzen sich derartig in ihren Ereignissen, daß das, was erst zeitlich wenig hinter uns liegt, schon völlig dem Gedächtnis entschwunden zu sein scheint. Wer spricht heute noch von Walther Rathenau?, obwohl es im Juni 1952 erst zehn Jahre sein werden, daß er durch einen gewaltsamen Tod aus einem schaffensreichen Leben fortgenommen wurde? Was weiß im besonderen die neu herangewachsene Jugend von diesem Menschen, der wie kaum ein anderer in seinem Schicksal Deutsches und Jüdisches verband. Auf der Schule wird sie gewiß nicht viel von ihm erfahren; denn, wenn ein Jude Positives geleistet hat, so versucht man, darüber hinwegzugleiten. Vor allem erscheint ja auch die Versöhnungs- und! Verständigungspolitik, wie sie von Rathenau eingeleitet, von Stresemann fortgeführt worden ist, doch noch so vielen in Deutschland als abwegig, daß man unmöglich an den Mann gern denken will, der sie begonnen hat. Für uns aber, deren staatsbürgerliches Dasein in diesen Zeitläuften wieder durchaus in Frage gestellt wird, die wir den alten schweren Iudenkampf um unser Dasein noch einmal von Anfang an kämpfen müssen, ist eine Beschäftigung mit Rathenau tröstlich und deswegen geboten. Rathenau gehörte zu denjenigen Persönlichkeiten, die aus einem Hause stammten, das nur noch äußerlich mit dem Judentum verbunden war und das nur aus einem gewissen Trutzgefühl heraus den Weg des Abfalls nicht ging. Die Verfolgung! aber und der Haß, der ihn umgab, hatten ihn, wie viele andere, zum Bewußtsein seines Judentums reifen lassen, und in dem Maße, wie er als Politiker litt, wuchs er in seinem Menschen- und Judentum. Kurze Worte des Gedenkens können unmöglich seinen ganzen Lebenslauf wieder entstehen lassen. Im Purpur war er. geboren, d. h. aus einem Hause, das schon in seiner Jugendzeit im Glanz des Erfolges lag. Emil Rathenau, der Vater, der Begründer der AEG., ein Fürst im Reiche der aufblühenden Industrie. Der Sohn, in diesem Elternhaus geboren, sorgfältigster Erziehung teilhaftig, aber schon in früher Jugend von dem Wunsche beseelt, nicht nur Kronprinz zu sein, nicht nur nach dem Vater gewertet zu werden. Für den technischen Beruf bestimmt, erwirbt er sich schon in jungen Jahren eigenes Ansehen, leitet selbständig Werke und verdient sich den Eintritt in die große Gesellschaft, die der Vater gegründet hat. Aber in seiner Entwicklung klingt etwas anderes mit. Die erste Generation der Wirtschaftsführer, das kann man überall in der Welt feststellen, ist durchaus und gänzlich in dieser Wirtschaftsarbeit verankert. Rathenau, der Sohn, überdenkt über diese Wirtschaft auch nach anderer Seite hin nach. Er sieht, daß man nicht nur mit ihr Geld verdienen, daß man nicht nur durch sie zu Ansehen auffteigen kann, er legt sich auch die Frage vor, ob diese Wirtschaft des modernen Kapitalismus einen Sinn hat, oder ob sie sich nicht eines Tages totlaufen wird. Heute ist die Feststellung eine Banalität, daß wir uns am Krankenbette der gegenwärtigen Wirtschaft befinden. Einer derjenigen, der die Diagnose schon frühzeitig gestellt hat, war Walther Rathenau. Er sah das große Unglück vor allem in der Mechanisierung der Menschheit, und in seinem Buche „Zur Mechanik des Geistes" hat er sich über diese Dinge ausgelassen: „Das erste, was geschieht und was geschehen muß, ist, daß die Welt sich ihrer seelischen Armut bewußt wird, daß sie aus der Benommenheit, dem Lärm und der Blendung ihrer Berechnungen, Produktionen, Transporte und Schaustellungen aufatmet, um innere Stimmen zu vernehmen; daß sie die Dinge der Seele ernst nimmt, ernster als ihre Tageswünsche, ernster als ihr täglich Brot." Walther Rathenau war im Grunde ein Einsamer. Sein gei-