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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-01 · 11 (1.6.1932) · p. Seite 168

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
11 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
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168 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 raler" oder „orthodoxer" jüdischer Theologie im Zeitalter des Weltkriegs einbrachen. Gewiß, nach dem Koordinatensystem der „Richtungen" war es unmöglich, die Bahn dieses neuen Sterns festzulegen; aber hätte nicht die offensichtliche Unmöglichkeit, in der Welt Rosenzweigs die der Orthodoxie oder des Liberalismus wiederzuexkennen, den Willen zur Auseinandersetzung und schärferen Bestimmung des Problematischen, das unausweichlich auch in dieser wie in jeder Theologie gegeben ist, ebenso gut Hervorrufen, und anspornen können, wie sie ihn in der Tat gelähmt zu Haben scheint? Und wenn das Bewußtsein, daß selten ein Stern aus solcher Tiefe aufgeleuchtet ist und seine Bahn vollendet hat, den Zeitgenossen die kritische Rede, geschweige denn die polemische so gründlich verschlagen hat, obwohl doch Weniges seit dem Erscheinen des More Nebuchim oder des Sohar so stark bestimmt sein konnte, sie hervorzurufen, kann es doch kaum zweifelhaft sein, daß auf lange Sicht betrachtet das Leben dieses Werkes der Potenzierung in der Kritik nicht wird entraten können. Vielleicht hat auch die rätselhafte Versonnenheit des Werkes, die als die Kehrseite seiner Agressivität vom ersten Geschlecht seiner Leser mit besonderer Deutlichkeit scheint gespürt worden zu sein, jene magische Gewalt ausgeübt, die seine Wirkung vorerst in so weitem Umfang in die Stille verbannt hat, in der das Feuer dieses Sterns nach innen schlug. Freilich, um das Geheimnis dieser Wirkung zu ergründen, ist es auch billig, sich zu vergegenwärtigen, auf welche Situation sie traf. Man darf wohl ohne Vermessenheit sagen, daß kaum je die jüdische Theologie von solcher Entleertheit und Nichtigkeit gewesen ist, wie in den dem Weltkrieg vorangegangenen Jahrzehnten. Die Unfähigkeit, religiöse Realität in strengen Begriffen zu durchdringen, sowie die allen Strömungen gleicherweise mangelnde Bereitschaft, die religiöse Welt des Judentums in ihrer Totalität zu apperzipieren, bedingen die konstitutionelle Schwäche der Produkte jener Jahre. Seit dem Zusammenbruch der Kabbala und der letzten Versuche, die Wirklichkeit des Judentums von ihrer Basis aus zu beschreiben — Versuche, die wie bei S. Pleßner oder E. Benamozegh nur noch den vollen Verfall dieser Bewegung zeigen — litt die orthodoxe Theologie unter dem, was man „Kabbalaangst" nennen möchte, unter dem Entschluß zur Abrogation jeder tieferen Spekulation, die auf eine neue und positive Weise auf jene Welt der Kabbala hätte zurückführen können, ein Entschluß, der sich am unheilvollsten und zerstörendsten in der Theologie Samson Raphael Hirschs ausgewirkt hat, der — ein klassischer Fall eines „verhinderten Mystikers" — eö vorzog, einen höchst fragwürdigen und fast brutalen Symbolismus eigener Produktion zu statuieren, um nur der Rückbeziehung seiner Welt auf die, die er sich selbst verboten hatte: der Kabbala, ausweichen zu können. Und welche mörderischen Abstriche am Judentum nahm eine liberale Theologie vor, die die Realitäten der Sprache des Landes und des Volkstums aus ihren Einsichten mehr oder minder zu eliminieren hatte, zugunsten einer Abstraktion, in der oft (wie z. B. bei Lazarus „Ethik des Judentums") ibre furchtbarsten und schärfsten Intuitionen nicht mehr nach Hause fanden, sondern in dem künstlichen Vakuum, das um sie war, erloschen. Der Zionismus schließlich mit seinen scheinbar säkularisierenden Tendenzen vermochte der Theologie noch nichts zu sagen, die bei ihrer Schwäche die religiöse Problematik, die jene Säkularisierung noch nur so unvollkommen und unwirksam verdeckt, nicht zu erkennen, geschweige denn zu ergreifen im Stande war. In dieser Situation traf uns in Rosenzweigs Werk ein Neues, das uns in unerwarteter Weise vom Zentrum unserer Hoffnungen auf Erneuerung her ansprach, aufrief und warum sollte man eö nicht sagen: bestürzte. Welch Paradox konnte uns stärker ergreifen als dies: wie der Wiederanschluß an eine große, aber unbestimmbar gewordene Tradition jüdischer Weltansicht hier nicht aus der Auseinandersetzung mit ihren früheren Gliedern, sondern unmittelbar aus einer ganz anderen Ordnnug erreicht und entwickelt wurde, aus der philosophischen Versenkung in die Ordnung einer Welt, die den katastrophalen Zusammenbruch des Idealismus als des Konstruktionsprinzips der Welt zu überdauern vermöchte, ja die recht eigentlich sogar aus dieser Katastrophe hervorgewachsen wäre. Von dem verführerischen Schein der sittlichen Autonomie des Menschen, der die Theologie des im wesentlichen vom Idealismus herkommenden jüdischen Liberalismus bestimmt hat, führt kein Weg, es sei denn der einer radikalen Umwendung, zu den Geheimnissen der Offenbarung, in denen diese neue Welt, die sich freilich als die älteste erwies, bei Rosenzweig nun gründete. Aber fast noch stärker steht der klassischen Theologie eines Maimonides oder Crescas die neue Deutung dieser Welt entgegen, die nicht nur aus den Positionen der Ratio heraus zu einer Mystik des Theismus gelangt und streng mystische Theologumena begründet (im Kontrapunkt zu der bitteren Polemik gegen die Mystik des apokalyptischen Betens, die den dritten Teil eröffnet), sondern es auch wagt, ins Zentrum ihrer theologischen Anthropologie eine Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum zu stellen, die mit non liquet endet, mit einem Diktum also, das vom Gesichtspunkt der Orthodoxie aus vermessen und fast blasphemisch erscheint. Diese Grundlegung des Judentums schien wenig oder nichts mit den uns geläufigen Motiven einer solchen zu tun zu haben, und das machte sie anziehend und problematisch in Einem; der Abgrund, in dem die Substanz des Judentums sich verbirgt, war hier mit neuen Namen versiegelt, nachdem der Denker ihn in seiner Selbstbesinnung aufgerissen hatte. Ob der Versuch, die beiden Möglichkeiten theokratischer Lebenshaltung in Judentum und Christentum aus der Dialektik des Erlösungsbegriffs zu deduzieren — einer der Hauptpunkte, die eine Auseinandersetzung mit dem „Stern" am unumgänglichsten erfordern würden — den wahren Ort der beiden in der Tat bestimmen konnte, mag umstritten sein, die Tragweite seiner metaphysisch-pragmatischen Methode, der liturgischen Gestaltung der religiösen Wirklichkeiten ihr Geheimnis abzuhören, ist es nicht. Freilich, in der so faszinierenden wie problematischen Lehre von der Vorwegnahme der Erlösung im jüdischen Leben hat Rosenzweig entschlossen und feindselig Stellung gegen die offene Tür im sonst so geordneten Haus des Judentums genommen: gegen die Katastrophentheorie der messianischen Apokalyptik, die man wohl als den Punkt bezeichnen darf, an der sich heute noch theokratische und bürgerliche Lebenshaltung unversöhnlich gegenüberstehen. Die tiefe Tendenz, dem Organismus des Judentums den apokalyptischen Stachel zu nehmen, mit der Rosenzweig der letzte und sicher einer der stärksten Exponenten O CAFE der VORNEHME AUFENTHALT IM KONDITOREI | I 1 STADTZENTRUM ■ WEINSTRASSE 4 TÄGL. GEÖFFNET UM VON 8UHRVORM. ■ BIS 1 UHR NACHTS >

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