Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-01 · 11 (1.6.1932) · p. Seite 167

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
11 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
Seite 167 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2727810-2727950-2727961--08626-2741835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 167 sichten und dafür ausgerechnet Luthers und Calvins — historisch gewiß imponierenden — massiven Autoritätsglauben als Richtpunkt für eine neue jüdische Glaubenslehre zu wählen, ist ein Irrweg schlechthin, wenn es sich auch nur um eine Verkleidung jüdischen Glaubens- und Gedankengutes handeln sollte. Sehen wir aber von der peinlichen Verkleidung ganz ab, in der dieser neue Versuch einer jüdischen Theologie auftritt und wenden wir uns der stofflichen Verarbeitung des Themas in der hier gebotenen Kürze zu! Die Stärke der Schoeps'schen Prolegomena liegt in dem anregenden Katalog des dritten Kapitels: Entwicklung der systematischen Theologie des Judentums im ly. Jahrhundert. In der Aufzählung der verschiedenen jüdischen „Glaubenslehren" finden sich namentlich in den Anmerkungen viele treffende Charakterisierungen von Einzelwerken aus dieser verstaubten und im ganzen nicht wieder zu verlebendigenden Literaturgattung; der Verfastcr stellt erfreulicherweise eine Fortführung dieses dritten Kapitels in Aussicht, und zwar „durch eine bereits als Manuskript im Umfang von 15 Druckbogen vorliegende, unter ausschließlich wistenschaftlichen Gesichtspunkten gearbeitete „Geschichte der jüdischen Religionssystematik in der Neuzeit", die die vom diesmaligen Zusammenhang ausgeschloffenen Religionsphilosophien Mendelssohns, Aschers, Formstechers, Hirschs u. a., vornehmlich aber das weitverzweigte Lehrgebäude Steinheims eingehend darstellen soll". Diese Erweiterung, aus der die Ausrichtung auf die „dialektische Theologie" hoffentlich ganz entfernt wird, ist sehr zu begrüßen. Aber schon hier muß gesagt werden, daß das religions-philosophische System des sehr sympathischen hochgebildeten und jüdisch-enthusiastischen Arztes Salomon Ludwig Steinheim, dem der Verfasser als „dem ersten jüdischen Theologen in der neuen Zeit" sein Buch widmet, bedeutend überschätzt wird. Studiert man dieses vierbändige, höchst ungleichmäßige, in den Jahren 1S35—1865 erschienene weitläufige Biedcrmeier-Werk „Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge" (siehe Graetz, Bd. XI, S. 475—482), das Hans Andorn schon vor zwei Jahren (vgl. „Monatsschrift", 74. Jahrg., S. 43? sf.) in den richtigen Problem- und gcistcsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt hat, so fällt seine Zeitgebundenheit und die Ahnungslosigkeit dieses spätromantischcn, wie gesagt, sonst sehr feinen Kopfes, gerade in jüdischen Dingen doch sehr auf. Cs ist nach meiner Überzeugung von Grund auf verfehlt und willkürlich, daß nach Schoeps „jede Besinnung einer systematischen Theologie auf ihn rekurrieren" müsse. Eine saubere anspruchslose ideengeschichtliche Arbeit über Steinheim liegt in der Dissertation von Andorn bereits vor. Allerdings sollten bei einer neuen Behandlung auf keinen Fall übersehen werden die wichtigen Zusammenhänge mit dem gleichzeitigen, ebenso wcitschichtigcn, aber doch viel bedeutenderen Werk von Franz Joseph M o l i t o r, zu zeigen. Es handelt sich um Molitors vielbändiges seltenes Werk: „Philosophie der Geschichte oder über die Tradition des alten Bundes und ihre Fortführung in der Kirche des neuen Bundes" (1827—1857). , Der strenge Katholik Molitor, der 47 Jahre seines Lebens dem gesamten jüdischen Schrifttum ein höchst intensives Studium widmete, hatte im Grund genommen ttotz des Steinheim'schen glühenden Enthusiasmus für jüdische Ehre und jüdische Geltung einen lebendigeren Zugang zu den jüdischen Quellen als der Jude Steinheim mit seinen humanistischen Spekulationen, seiner Hegel'schen Ontologie und seinem Verständnis für Hamann, Fichte und Iacobi. Schoeps legt leider in seine „Prolegomena" ein Kapitel ein: „Geschichte der protestantischen Lehrdisziplin Alttestamentliche Theologie". Da . die Stoffbehandlung des Verfassers, besonders die Auswahl der behandelten alttestamentlichen protestantischen Literatur auch hier wieder ausschließlich auf die dialektische Theologie und ihre gläubige, theologische Exegese (protestantisch-gläubige Exegese!) ausgerichtet ist, bleibt auch dieses Kapitel trotz der großen Belesenheit des Verfassers verfehlt. Ich muß hier der Kürze halber auf meine beiden größeren Arbeiten zur neuzeitlichen Bibelforschung („Grundsätzliches zur Forschung über das A. T. „Morgen" V, 173 ff., 264 ff., 620 ff. und „Grundsätzliches zur Leben-Iesu-Forschung", 1928, Einführung in Nielsens Jesus- Buch) verweisen, die die verschiedenen protestantischen Forschungsmethodcn beleuchten und eine rein wissenschaftliche Behandlung dieser Urkunden nach ihrer Eigengesetzlichkcit fordern. — Das Studium der neuen theologischen „Grundlegung" des Judentums ist auch für einen geübten und vorgebildeten Leser nicht leicht. Das Übergewicht über den Text haben die 245 ausführlichen, mit einer kaum übersehbaren Literatur vollgestopften Fußnoten. Das Werk hätte aus dem Stadium der Vorbereitung und Literatur-Sammlung in das einer organischen Verarbeitung der zahlreichen Lesefrüchte ausreifen sollen; seine Veröffentlichung geschah viel zu früh. Besonders bleibt aber auch für ein solches Unternehmen die Vertiefung in die spezifisch jüdischen Quellen unerläßlich. Diejenigen, die dem Verfasser zu der verfrühten Publikation verholfen und geraten haben, taten ihm, fürchte ich, keinen guten Dienst. Sein Haupt- und Schlußkapitcl, das Resümee des Buches, nämlich der Plan einer „systematischen jüdischen Theologie" mit ihrer Skizze der fundamentalen jüdischen Glaubenslehren ist der untrügliche Beweis dieser Unfertigkcit und Unselbständigkeit. Scharf und eindeutig abgelehnt — unter Aufbietung des ganzen längst zu leicht befundenen Wortzcremonials der „dialektischen" Vorbilder — werden Liberalismus und Orthodoxie,. Bibelkritik und Verbalinspiration, historische Ideenentwicklung und Pseudoautorität eines formalistisch erstarrten Rituals. Gegen diese abgeschafften und entzauberten Vorstellungswelten wird „das Wort Gottes" gesetzt, dessen Textbuch allerdings an der Geschichte der Menschen teilgehabt habe und damit dem Schicksal der zeitlichen Verdunkelung verfallen sei. So kann leicht in einem Atem Bibelkritik abgelehnt und anerkannt werden. Wir weisen solche von einer extremen heute modischen Zeitströmung des Protestantismus abgelernten rein literarischen Kunststücke von uns und verweisen auf die Eigengcsetzlichkeit der jüdischen Geistesgeschichte, die allein das Maß für die Erkenntnis unserer historischen Glaubensgrundlagen abzugeben hat, während für den lebendigen religiösen Gcgcnwartsglauben im Judentum die höchst persönliche gänzlich unsystematische Entscheidung niemand abgenommcn werden kann. F. „ver Stern der Erlösung" Die jüdisch-theistische Offenbarungsphilosophie Franz Rosenzweigs Zur Neuauflage von Rosenzweigs Hauptwerk (Frankfurt a. M., I. Kauffmann, 1930; Von GerhardS Es ist auch setzt, zehn Jahre nach Erscheinen des Werkes von. Franz Rosenzweig „Der Stern der Erlösung" nicht leicht zu sagen, von welchen seiner Positionen her es die bedeutendsten Wirkungen ausgeübt hat, und zwar vielleicht deswegen nicht, weil der „Stern der Erlösung" zu jener Gattung sonderbarer Bücher gehört, deren Bedeutung vom Moment ihres Erscheines an zwar durchaus unumstritten war, von denen eine heilende und synthetische Macht still aber spürbar ausging, die jedoch auf eine geheimnisvolle Weise die Auseinandersetzung mit ihren fundamentalsten Gehalten zugleich zu provozieren und unmöglich zu machen schienen. Und wer möchte bestreiten, daß die Auseinandersetzung mit einem streng theistischen System, in dem sich eine durchaus neue und olem (Jerusalem) aus unverbrauchten -Quellen religiösen Denkens genährte Einsicht in die Welt des Judentums und seiner Theologie eröffnete, ein dringliches Anliegen war und ist? Und scheint es nicht desto erstaunlicher, daß keinerlei solche Auseinandersetzung bisher erfolgt ist? Unmöglich konnte ja den nachdenklichen Lesern dieses Buches — die schwärmerischen, an denen es ihm keineswegs gefehlt hat, durften ja von seinem Strahl geblendet sein — die herrische Agressivität entgehen, mit der vor allem große Partien des zweiten und dritten Teils, die Lehre von der Offenbarung, die Diskussion des Christentums und die theologia mvstica der Wahrheit, des „Sterns", in die Spannungswelt der klassischen jüdischen Theologie des Mittelalters oder gar in die beruhigte Idyllik „libe-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.