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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-01 · 11 (1.6.1932) · p. Seite 166

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
11 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
Seite 166 (sequence 6)
Language
German
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166 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 gelten sollenden Gesamtweltanschauung hat sich im Judentum nicht entwickelt. An die Stelle der „Dogmatik" setzte Schleicrmachcr, der Kant der Theologie/ die „Glaubenslehre"; statt aus einer inspirierten Bibel Dogmen hcrauszuholcn und objcktivgültige Aussagen über Gott zu machen, wird von Schleiermacher in seinen „Reden über die Religion" der im menschlichen Bewußtsein sich abspielende allgemeine Vorgang der Religion geschildert. Neben der ErkcnnMis von der Präsenz des Göttlichen in allem Menschlichen, wobei von Seite des Menschen ein absolutes Abhängigkeitsgefühl besteht, das zugleich das Gefühl einer tragenden göttlichen Macht ist, gibt Schleicrmachcr ■ bte besonderen Wcscnszüge der historischen Religionssormen und stellt eine Wert- und Wahrhcitsskala mit dem Christentum als höchster Spitze auf. Als das Judentum seine Aufnahme in den abendländischen Kulturkrcis mit seiner nationalrcligiösen Geschlostenheit bezahlen mußte und zu zerfallen drohte, wurde zum ersten Male in der jüdischen Geistesgeschichtc ein inncrjüdisches, nicht nur von apologetischen Absichten geleitetes Bedürfnis einer eigenen Glaubenswistcnschaft wach. Die willkommenen Dcnkformcn und Begründungen bot Schleicrmachcr. Die in ununterbrochenem Gcnerationcnwechsel der Juden schlechthin gültige Haltung über ihre unverbrüchlichen Glaubenswahrheiten war bis dahin: Die Erkenntnis Gottes und was wir tun sollen und unterlaßen müstcn, ist aus der schriftlichen und mündlichen Lehre zu schöpfen; darin sind die Forderungen Gottes an sein Volk lückenlos enthalten. Diese Lehre war also bis dahin ausschließlich Pflichtenlehre, nicht Dogmatik, Glaubenslehre oder Religionsphilosophie. Unwidersprochen galt: „Nicht an der Vernunft messen wir das Wort Gottes in der Schrift, sondern am Wort Gottes in der Schrift messen wirdie Vernunftund jegliche Wissenschaft." Anders die jüdischen „Glaubenslehren" der letzten 100 Jahre! Sie sind von Steinheim, Formstecher, Samuel Hirsch über Lazarus, Hermann Cohen, Kaufmann Köhler und Leo Baeck nicht ohne die Systeme von Kant, Hegel, Schleicrmachcr zu denken; das Hervorstechende an ihnen sind ihre Vercinerleiungen des deutschen Idealismus mit dem Judentum. In feiner berühmt gewordenen programmatischen Vorbereitungsschrift für das „Freie Jüdische Lehrhaus" in Frankfurt aus dem Jahre 1920 „Bildung — und kein Ende" hat Franz Rosenzweig die jüdische Wistenschaft, darunter auch die theologische Systematik, in seiner zugespitzten, nicht immer schonenden Art so charakterisiert: „Unsere Wistenschaft hat seit Mendelssohn und Zunz nicht mehr den Mut zu sich selber, sondern läuft in achtungsvollem Abstand hinter der Wistenschaft der „andern" her. In achtungsvollem Abstand. Was bei jenen schon vieux jeu ist, wird bei uns.... noch bereitwillig als dernier cri angcstaunt." Heute sind Kant und Schleicrmachcr durch die berühmten positiven Lehren der Phänomenologie von Husterl über Scheler zu Heidegger und der Dialektischen Theologie^ in und außerhalb unserer Universitäten hart bedrängt. Mit Keulenschlägen sind die idealistischen Systeme samt Schleiermachcrs Glaubenslehre zur Strecke gebracht — so mausetot gemacht, daß ihnen bereits wieder — leise und vorsichtig — Wiederwecker entstehen. Da erscheint — im Monat Mai anno 1932 — der jüdische Versuch eines „theologischen Laien", auf den Pfaden und in der Sakralsprache von Karl Barth, Emil Brunner, Gegarten eine neue „Systematische Theologie des Judentums" zu begründen, das spöttische Wort Roscnzweiqs vom vieux jeu und vom dernier cri in geradezu gespenstischer Weise zur Wahrheit erhebend. Hans Joachim Schoeps, als Verfaster guter, besonders über die protestantische Theologie genau unterrichteter Aufsätze in der „Christlichen Welt" und in anderen Blättern empfohlen, ist cs darum zu tun, „Anstoß und Aufforderung zu geben für Besinnung auf Heilstatsachen und Glaubensvoraussctzungcn, die dem heutigen Dasein in erschreckendem Umfang abhanden gekommen scheinen, und in Sonderheit den ersten und wichtigsten Amtsauftrag jüdischer Theologie vor und gerade wegen aller praktischen^ Fragen wieder sichtbar zu machen, wie denn das Wort Gottes aus synagogalem Bewußtsein den Gegenwartsmenschcn angemessen und konkret verkündigt werden kann." „Denn «Theologie» treiben heißt ja wohl zuerst und zunächst nichts anderes, als mit menschlichen Worten, d. h. in Ratlosigkeit und Verzagtheit dennoch über das Wort Gottes sprechen zu wollen." „Die Synagoge hat, genau so wie die Kirche, den Auftrag, in ihrer Predigt an die Welt zur Geltung zu bringen, daß Gott der Herr ist und daß die Welt, die sich seinem Herrschaftsanspruch entzieht, dem Gericht verfällt." Und weiter: „Es entsteht heute in einem Dringlichkeitsmaßc, wie es alle Zeiten vorher nicht gekannt haben, das Bedürfnis nach einer bis zum Grund der Dinge reichenden — und das heißt wohl immer noch bis zur Wirklichkeit des Offenbarungsfaktums vordringenden Besinnung, die uns wieder sehen lehrt, was es denn um den Glauben sei, welche Bedeutung in ihm Gott habe, wie es um den Menschen stehe und welches Heil Gott dem Menschen in seiner Offenbarung zuerkannt habe". Prinzipiell jenseits von jüdischer Orthodoxie und Liberalismus (S. 4) soll diese Neubesinnung, „heute das dringende Erfordernis im jüdischen Raum", wieder wie im '19. Jahrhundert sich das protestantische Chri- -stentum zum Vorbild nehmen, aber nicht etwa den liberalen Protestantismus des 19. Jahrhunderts, sondern das protestantische Christentum „von der in die Tiefe dringenden Besinnung von reformatorischer Kraft, wie sie in der von Karl Barth. ausgehenden sogenannten dialektischen Theologie wirksam geworden ist" (S. 3). Auch dem flüchtigen Laien-Leser unserer Münchener und bayerischen Gemeindezeitung sind diese Töne nicht ungewöhnt, da er sie seit mehreren Jahren reichlich dosiert im Feuilleton der „Münchener Neuesten Nachrichten" noch bis vor kurzem aus ersten Quellen, von Karl Barth und Gogartcn selbst, gleichsam frisch vom Faß, vorgesetzt bekam. Das Neue — das Noch-nicht-Dagewesene wäre man zu sagen versucht, wenn sich im Judentum solcher Mummenschanz nicht in tragischer Weise länge vor Philo bis heute immer aufs neue wiederholte — trotzalledem das Neue bei Schoeps ist, auf welche abenteuerliche Weise Kierkegaard und Karl Barth dem Judentum vorgespannt werden. Schoeps richtet sich mit aller Schärfe gegen .die beiden bestehenden religiösen Richtungen im Judentum, „gegen den liberalen Irrwahn, der Religion und Sittlichkeit verwechselt und Theonomie und Autonomie zu vereinigen sucht", aber auch „gegen die Ungeschichtlichkeit des orthodoxen Anspruches, daß durch Lernen im Talmud und ernsthaftes Versenken in die Streitigkeiten der halachischcn Gesetzeskommentierung unserer konkreten Notlage der allgemeinen Glaubenslosigkeit auch nur irgendwie geholfen werden könnte". Dieser doppelt negativen Position gegen zwei Fronten könnte man an und für sich zustimmen. Aber was tritt als positiver Wert dafür ein? Nicht mehr und nicht weniger als die in sich geschlossene Denktechnik und Systematik der streng und starr lutherischen Orthodoxie, nämlich die sogenannte „dialektische Theologie", die sich selbst als Luther-Renaissance ausgibt, als Erneuerung der ursprünglichen, von allen späteren Zusätzen und Erweichungen gesäuberten Theologie Luthers und zugleich Calvins, der hier als der echteste und konsequenteste Schüler Luthers aufgefaßt wird. Es wäre jetzt am Platz, diese „Theologie der Krisis", das ist die Theologie Karl Barths, die beherrscht wird von dem lutherisch-calvinischen Gotteserlcbnis mit seiner schroffen Abweisung alles Menschlichen und Sündigen, wenigstens in ihren Wesenszügen, deutlich zu machen und die völlige Ungeeignetheit dieser bis zur Selbstvernichtung düsteren und abstrakten religiösen Vorstcllungswelt für eine Erneuerung des Judentums darzulegen; ein Traktat über den Ausgangspunkt der Denkbewegung Sören Kierkegaards müßte dieser Darlegung vorangehen. In diesen Blättern muß aus beides verzichtet werden. Kierkegaards ganzes Denken ist das Denken der Unmöglichkeit, geboren aus dem privaten Kampf um sein Selbst, der ein grandioses, ja ergreifendes, aber rein literarisches Schauspiel in seinen schwierigen Büchern bleibt. Für die „Widerlegung" der Voraussetzungen der dialektischen Theologie, die in all ihren repräsentativen Äußerungen von der Vernunft als von dem durchaus Ungöttlichen, Glaubenswidrigen und Sündig-Stolzen im Menschen spricht, muß hier in einem vereinfachten Verfahren auf die große Akademie-Abhandlung von Eduard Spranger „Der Kampf gegen den Idealismus" (Berlin 1931) und Leisegangs Forschungsbericht über die Religionsphilosophie der Gegenwart (Berlin 1930) verwiesen werden. Schoeps ist von den literarischen Erzeugnissen des antiliberalen Protestantismus schlechthin fasziniert. Die Formgebung seiner Prolegomcna zur Grundlegung einer systematischen Theologie des Judentums lehnt sich bis zur Unerträglichkeit an das Schrifttum der schon zitierten christlichen Theologen, ihr Vokabular und ihre Grammatik an, obwohl schon Leisegang und Svranger die bereits heute recht abgegriffen wirkende Terminologie persifliert und entscheidend getroffen haben. Das moderne sich selbst bewußte europäische Judentum, wie es nun einmal geworden ist, in seinem unverhüllten So-sein, das sich ans Ende einer schicksalsreichcn und turbulenten Vergangenheit ohnmächtig geknebelt vorfindet, kann die Tat des deutschen Idealismus, d. h. die Nachwirkungen des mit der deutschen idealistischen Philosophie verbundenen Aufschwunges und Selbstbewußtseins nicht wieder aus der Brust reißen und ungeschehen machen. Diese Tat bestand darin, das Religiöse aus seiner der Kritik der Aufklärer verfallenen zeitlichen Hülle befreit und zu einer Lebensmacht, die unmittelbar um uns in Natur und Geschichte wirkt, erhoben zu haben. In dieser Philosophie den Feind zu erblicken, noch dazu auf einen eigenen autochthonen jüdischen Gedanken zu ver-

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