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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-06-01 · 11 (1.6.1932) · p. Seite 165

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
11 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
Seite 165 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 165 lehre des Prophetentumö: Rhythmische Form, Gesang oder Sprechgesang, Mündlichkeit. Dieses „Dichten" geht nicht von beliebigen Einzelnen, sondern von Gemeinschaften aus, in denen sich das Gedicht mit seiner Melodie lebendig erhält, sich ständig in spontaner Begeisterung und immer wieder erhebender Inspiration erneuernd und weiterbildend. All dies ist gehalten in einem naiven Glaubenswissen, einer schlichten Besinnung und Gesinnung, „die aus der Erfahrung der Verbundenheit mit dem Inspirierenden das Geheimnis des Zusammenhangens von Oben und Unten zu fassen und zu künden sucht." Diese Propheten sind also eine Menschenart, die mit ihrer Hingabe, ihrer „Anawa" die alte beduinenhafte Freiheitsluft der wandernden Stämme, die nur dem unsichtbaren Melekh-Gott gehorchen wollen, umwerten, die Tendenz zur alleinigen Bindung an den göttlichen König sublimieren. — Wie sich der sakrale Charakter des israelitischen Königs, des Bändigers der Anarchie, die mit der unbedingten Theokratie vereinbar war, ja die nur sie gelten ließ, zur Glaubensvorftellung eines Volkskönigtums Gottes verhält, soll« uns der zweite Band zeigen. Der dritte Band aber soll darlegen, wie daraus der messianische Glaube entsteht. Es ist hier versucht worden, die Grundlinien eines reichen, überreichen Buches zu ziehen, von einer überquellenden Gedankenfülle, die sich selbst immer wieder zu einer scheinbar pedantischphilologischen Textinterpretation zurückzukehren zwingt. Gegen zwei feindliche Fronten wird sich BuberS neues Werk behaupten und als souveräne Leistung eigener Art bestehen: gegen die traditionelle Forschung der historischen Theologie protestantischer Färbung uüd gegen die Grundsätze, des altgläubigen Judentums, das den massoretischen Bibeltext als unantastbares, nicht zeitbedingtes, göttliches Wort aus einem Guß ansieht, das außerhalb der Sphäre des menschlichen Meinens und der Wandelbarkeit menschlicher Geiftentwicklung zu bleiben hat. Aber auch der weder zum Lager der protestantischen Bibelkritiker gehörende noch sich zu den Grundsätzen der Orthodoxie bekennende gewissenhafte Leser wird die Frage nach der Geschichtsansicht des Verfassers nicht unterdrücken dürfen. Die Antwort findet er in Bubers Werk selbst, allerdings an vielen Stellen zersprengt: Es geht bei den Texten, die hier erklärt und untersucht werden, um religiöse Geschichtsanschauung. Das ist die Meinung des Verfassers. Er gibt dementsprechend etwa auf die Frage, ob der Richter Gideon wirklich, als er die Königskrone ausschlug, gesagt hat „Nur Gott soll für alle Zeit über Euch herrschen" die Antwort: Sage und Historie sind hier nicht voneinander zu lösen, sondern die heilige Sage ist diesem Berichterstatter die unmittelbare und einzige Aussprechbarkeit seines „Wissens" um die Vorgänge, vielmehr, dieses Wissen ist selbst ein legendäres, d. h. das geglaubte Wirken des Gottes an seinem Volk darstellendes, in der organischen Arbeit einer mythisierenden Erinnerung darstellendes. — Eine schöne, aber komplizierte Antwort auf eine einfache Frage! Ein gläubig dichtendes Gedächtnis hat nach Buber auch die historischen Bücher der Bibel geschrieben, und Gideons Ausspruch muß nach seiner Geschichtömöglichkeit, nicht nach seiner Geschichtswirklichkeit geprüft werden. Das Zwiegespräch Well- Hausen-Buber (S. 16 f.) führt tief in die Frage der religiösen und pragmatischen Geschichtsanschauung ein. „Läßt denn die widerspruchslebendige Gewalt des historischen Schicksals sich von einem Pragmatismus meistern?" fragt Buber. Und antwortet: „Nur wenn in diesem eine tiefere Wirklichkeit sich, wenn auch nur notdürftig, logisiert. Es müßte hier die umwegreiche Verwandtschaft der Buberschen Religions- und Geschichtsphilosophie mit der Phänomenologie von Husserl und Scheler und sogar mit der Heideggerschen Ausartung dieser Richtung auseinandergelegt, seine gefährliche Nähe zu der „dialektischen Theologie" von Karl Barth und Emil Brunner erklärt werden, um zu einer vollen Erfassung dieser Geschichtsansicht zu gelangen. Wir haben uns zunächst an dem Ganzen wie es ist zu erfreuen und beglückwünschen den Verfasser zur Erreichung dieser ersten Etappe. ,.Jüdischer Staube in dieser Zeit" Der Versuch einer neuen jüdischen Glaubenslehre „Jüdischer Glaube in dieser Zeit. Prolegomena zur Grundlegung einer Systematischen Theologie des Judentums." Von Hans Joachim Schoeps. Berlin (Philo-Verlag) 1932. Die Bemühungen um eine jüdische „Glaubenslehre" setzten unmittelbar nach der Emanzipation ein. Vorher war eine Beschreibung der „Sitten und Gebräuche der Juden" nur für die Nicht-Juden interessant und notwendig. In den fast drei Jahrhunderten von der Reformation bis zur französischen Revolution wurden in allen europäischen Ländern zahlreiche oft sehr ausführliche und sachkundige Schilderungen der jüdischen Lehre und des jüdischen Brauchtums, meist von christlichen Theologen, abgefaßt; eine gute vergleichende Darstellung dieser Literaturgattung fehlt noch und wäre eine fruchtbare Aufgabe. Innerhalb der Judenheit war kein Raum für einen Katechismus oder für eine Dogmatik; die Praxis, die Anweisung zum jüdischen Leben ersetzte die Glaubenslehre. Die dreizehn Glaubenssätze des Maimonides in seinem Mischna-Kommentar deuten bereits auf einen Einbruch in die reine Praxis, nehmen aber bald Gebetscharaktcr an. Die hellenistisch-jüdische und arabischjüdische Religionsphilosophie hatte außerjüdische apologetische Zwecke. Im Judentum mußte cs bei embryonalen Ansätzen zu einer kirchenähnlichen Hcilsanstalt und damit bei unausgebildeten Keimen einer sich unablästig überprüfenden und ausgewogenen Glaubenswissenschaft (Theologie) bleiben. Das „Lernen" und das Halten der Gebote bedurften einer ganz anderen Form der Pflege und der Weitergabe von Geschlecht zu Geschlecht als die Unterweisung in der lückenlosen „Gotteslehre" einer herrschenden machterfüllten Kirche. In der Wistenschaftsgeschichte sind die Wandlungen der Lehrsysteme über das Göttliche trotz der scheinbaren Unwandelbarkcit des Stoffes (im Gegensatz zur Geschichte anderer säkularer Wisienschaften) der eigentliche Schlüssel zu den Pforten des menschlichen Geistes und zu seinen unausdenkbaren Möglichkeiten. Die Lehre von Gott, also über das vom gesetzmäßig wissenschaftlich zu begreifenden Sein Abgesonderte, kann in Wahrheit nichts über dieses Abgesonderte wissenschaftlich gültig aussagcn, sondern bietet nicht mehr und nicht weniger als die deutlichste — meist ungewollte — Selbstaussage des menschlichen Geistes. Solche Selbstaussage machen, was man „Theologie" treiben nannte, blieb den Juden dank einem eigentümlichen Schicksal erspart. In den unaufhörlichen Abwehrbcwegungen und Selbstbehauptungskämpfen kam cs wohl im Judentum zu schriftstellerisch beträchtlichen Glaubensbeschreibungen, die aber ausschließlich — von Philo bis Albo — „Rettungen" waren und außerhalb der Lehrautorität blieben. Sic dienten wie Steuerzahlen und andere Gefügigkeitserweisungen und Unschädlichkeitsnachwcisc der Eristcnzbcfestigung; ihre Aufgabe war der mächtigeren Umwelt die Ebenbürtigkeit der jüdischen Sitten- und Glaubenslehre zu beweisen. Eine innerjüdische Dogmatik als in sich zusammenhängende Darstellung der jüdischen Glaubensgedanken und als Mittelpunkt einer

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