Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 11 (1.6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 11 anhebenden, aber doch einer Antwort des brüchigen Menschenwesens". Dieser Satz aus dem sechsten Kapitel „Der Glaube Israels" ist die wichtigste Stelle des ganzen Buches. Das Ergebnis philologisch-historischer Untersuchungen ist darin mit einer überhistorischen, phänomenologischen, fast gewalttätigen, im Wissen jedenfalls nicht übertragbaren Schau, die der pragmatische Historiker auf keinen Fall gelten lassen kann, unlösbar zusammengekoppelt. Am Schluß des Kapitels ist die wissenschaftliche Betrachtung (ob gewisse Texte „geschichtlich" oder „geschichtsfern" anzusehen find) von historisierender Theologie ausdrücklich auseinandergehalten. Das siebente Kapitel ist dem „K ö n i g 6 b u n d", d. h. dem Sinaibund zwischen Volk und Gott (Exodus 24, 7 u. 8) und der Ankündigung des Königsbundes in der ersten Bergrede (Exodus 19, 3b — 6) gewidmet. „.... Ihr aber sollt mir werden ein Königreich von Priestern, ein ausgesonderter Stamm." Die fast erblindeten Buchstaben dieser Botschaft werden von Buber mit allen Mitteln der Wort- und Sinnerklärung, der religionswissenschaftlichen vergleichenden Methode, vor allem durch Gegenüberstellung der späteren Bundesschlüsse, dann aus der Theruaftellen der Bileamlieder (Numeri 23, 21), aus dem Rahmenlied des Mose-Segens (Deuteronomium 33) und dem Meerhymnus (Exodus 15) zu neuem Strahlen gebracht. Der Verfasser widerspricht auch bei der religionsgeschichtlichen Erklärung der Vorgänge beim Sinai-Bund der heute noch vorwiegenden Annahme einer Zurückprojizierung späterer ritualer Gebräuche in die Frühgeschichte. Was in dem großen Exkurs (S. 241 ff.) zur Begründung älterer Datierung der Bileamfprüche gegen Mowinckel gesagt ist, wird in der alttestamentlichen Spezialforschung noch erörtert werden müssen, ebenso wie der frühere Exkurs über die Lade (S. 209 ff.), der sich mit der Arbeit von Rad „Zelt und Lade" auseinandersetzt. Das achte Kapitel „Um die Theokratie" geht aus vom negativen Gehalt des Sinai-Bundes, daß nie ein Mensch König der Söhne Israels heißen soll. Das erbliche Königtum ist der eigentliche Widerpart der unmittelbaren Theokratie. Diese „Auflehnung gegen alle Statik der Menschengewalt" leitet Buber aus der Nachwirkung nomadenhafter, halbseßhafter Herkunft der israelitischen Stämme ab. Die Freiheitsluft der vorislamischen Beduinen wird dabei nach dem Vorgang Wellhausens zur Beweisführung herangezogen. Der negativen Anlage entspricht die positive, die sich im Sinai-Bund ausspricht. Die Herrschaft über Menschen gebührt nur Gott. „Das Paradoxaller ursprünglichen und unmittelbaren Theokratie, daß sie auf die Unbändigkeit der menschlichen Person, den Trieb des Menschen, vom Menschen unabhängig zu sein, eingeht, aber nicht um einer Freiheit, sondern um einer höchsten Bindung willen, erscheint schon im Sinai-Bund. Die existenzielle Tiefe dieser Paradoxie zeigt sich darin, daß die höchste Bindung ihrem Wesen nach keinen Zwang kennt, daß ihr Vollzug also in jedem Augenblick der Glaubenssphäre des Gebundenen überantwortet ist, der von ihr befehligt einer vollkommenen Gemeinschaft auö Freiwilligkeit, einem Gottesreich zuftreben oder sich von der Berufung auf sie decken lassend einer trägen oder verwilderten Unordnung verfallen kann. Auf die politische Auswirkung hin angesehen: Dasselbe Prinzip, das, wo der rechtmäßige Inhaber des Auftrags, der „charismatische" Mensch, da ist, seiner Vollmacht die irdische Bestätigung gibt, wird, wo er fehlt, dazu mißbraucht, entweder seinen Affen oder die leere HerrschaftSlosigkeit zu sanktionieren. Daraus ergibt sich, daß um seine Mehrheit gekämpft, religiöspolitisch gekämpft werden muß." Solche Interpretationen und Ausweitungen von Bibeltexten — denn es geht um nichts anderes als die Exegese von Exodus 19, 3b — 6 — find die Stärke, aber auch die — nüchtern wissenschaftlich gesehen — seine nicht zu verbergende bedenkliche Schwäche. Der fest umzirkte Bereich des Textes, was er'wörtlich sagt und wofür, für welche Grundhaltung, innere Regung, für welches Bild von Gott und Welt er das Zeichen ist, dieser Bereich des Eigenlebens eines Textes wird von Buber verlassen. Nur aber aus diesem Eigenleben, diesem Für-sich-sein einer Bibelftelle, genau wie nur aus der Eigengesetzlichkeit einer Epoche, einer geistigen Welt, ist ein Verstehen, d. h. ein Wiederhervorbringen eines vergangenen Zusammenhanges unter Auslöschung des Betrachtenden möglich. Buber gerät manchmal aus der Skylla der Stoffhuberei in die Charybdis der Sinnhuberei. Er sieht diese Gefahr des Aus-dem-Text-geratenS selbst ein und drückt sich viel feiner als wir darüber so auS: „Der theologische Blick läßt uns hier an der Grenze der immanenten als der einzig wissenschaftsmöglichen Geschichtsbetrachtung gelangen." Die Einmaligkeit, die besondere Höhenlage des Gedankens von der unmittelbaren absoluten altisraelitischen Theokratie, die Entmagisierung des Glaubens nur in Israel (nicht in Ägypten und nicht in Babylon) will der Verfasser so zuverlässig wie möglich mit dem Sicherheitsgrad eines philologisch-historisch durchleuchteten Textes Herausstellen. Die unmittelbare Theokratie ist Buber der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der biblischen Geschichte; verschütteten Vorgängen kommt man mit diesem Schlüssel in der Tat näher, etwa dem Geschichtskern der nach dem Tode Moses unternommenen Eroberungszüge, die aus dem Iosuabuch nicht sehr leicht herauszulösen sind. Buber faßt sie als Aktionen eines „heiligen", von JHWH befohlenen und befehligten Krieges. „In den Kriegen Israels um Kanaan kämpft die naiv-theokratische Begeisterung." Bis Gott David Ruhe geschafft hatte von allen seinen Feinden, bis also die letzte kananäische Enklave erobert war; der heilige Krieg, der Krieg des Gott-Melekh, der seine Verheißung erfüllt, ist vollendet. Ein neues Stadium der unmittelbaren Theokratie beginnt nach dem Tode von Iosua, dem nach der Verweisung des Moses JHWH das „Charisma", die heilige Sendung übertragen hatte. Es ist das Stadium des Harrens auf die Epiphanie eines persönlich seine Qualifikation erweisenden Nachfolgers. Buber verwendet vor allem das von Max Weber gezeichnete Bild des „Charisma" zur Konstruktion einer besonderen Abart dieser Geist-Begabung in altisrelitischer Zeit, des schwebenden Charisma: die vollkommene Selbstherrlichkeit der Gottheit sucht sich das Haupt auf, das sie mit ihrem Geist anhaucht. „Im Deboralied redet die Menschenart, die, nach dem Ende der ersten, im Faktum einer Nachfolge durch Übergabe gekennzeichneten Periode charismatischer Führung, der unmittelbaren Theokratie als der Grundwirklichkeit des öffentlichen Lebens treu bleibt." An Debora und der Gesinnung der Menschen, die so gesprochen haben wie sie, erklärt der Verfasser die im neuen Stadium der unmittelbaren Theokratie auftretende Erscheinung des N a b i, des Propheten, des „Künders". Die Wandlung der Seele, die Ekstatik, sei dabei sekundär. Was die Propheten Israels gattungsmäßig von dem im wortlosen Taumel einherrasenden Verzückten unterscheidet, ist die Gabe des Wortes. Buber gibt uns ein Schema von den Äußerungen des frühen israelitischen Nabit u m s, eine Art — nicht historisch gemeinter — Elementar-