Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 11 (1.6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2727810-2727950-2727961--08622-2741831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 163 - in dem einen gläubigen Buch die Darstellung einer hinterher als mißglückten Versuch hingestellten primitiven Theokratie, in dem andern literarischen Fünfkapitelbuch die nachträgliche, etwas mühselige Struktur der angeblich wahren politischen Lehre — hängt mit dem allgemeinen Geschichtsbild des Verfassers zusammen, wovon erst später die Rede sein soll. Daö dritte Kapitel'beginnt die biblischen Texte mit dem Geist der altorientälischen Umwelt zu konfrontieren, zunächst durch Untersuchung des „Gotteskönigtums im Alten Orient" zur Entkräftung des Einwandes, daß die Vorstellung der unbedingten Gottesherrschaft, also ein theokratischer Verfassungswille der religiösgeschichtlichen Höhenlage der Zeiten im vorköniglichen Israel nicht entspreche, sondern erst einer weit späteren Epoche angehöre. Im ägyptischen, babylonischen und südarabischen Kulturbereich sucht der Verfasser den Begriff des GotteSkönigtumS auf und trennt diese umsichtig herausgearbeiteten, sehr differenzierten Vorstellungen von dem unmittelbaren und ausschließlichen göttlichen Herrschertum im Sinne des Gideonsspruches. Man sieht, welche Beweislaft diese 11 Worte tragen müssen. Das alte Israel war unbestritten jenen altorientalischen Einflüssen aufs stärkste auSgesetzt, aber seine theokratische Idee hatte es nach Buber ganz unmetaphorisch, uneingeschränkt real sich erhalten, so wie die rein irdisch-politische Gottesherrschaft im Gideonsspruch gefordert wurde. Die Frage lautet zunächst: Was ist daö Eigentümliche des altisraelitischen theokratischen Willens im Verhältnis zur gemeinorientalischen Vorstellung des Gotteskönigtums? Der Weg zur Antwort führt zunächst im vierten Kapitel zur Untersuchung des westsemitisch enStammesgotteS. Zunächst werden die semitischen Gottesbezeichnungen MLK, EL und BAAL religionsgeschichtlich geklärt; dann kann die Darstellung im fünften Kapitel zu dem zentralen Grundbegriff „JHWH d e r Melekh" Vordringen. Das Verständnis großer Teile der Bibel hängt von einer deutlichen religionsgeschichtlichen Erfassung dieser Ideenwelt ab. Sonst bleibt etwa bei einer Pentateuch-Lektüre nur eine ziemlich nichtssagende, vage, gänzlich ausgehöhlte Vorstellung übrig von der Gottheit, die ihre Scharen, ihr Volk aus dem Land, in dem es versklavt war, herausführt, von dem GotteSgespräch im Dornbusch, oder von dem Zelt der göttlichen „Begegnung" mit seinem Mittelpunkt, der Lade, mit der ganzen großartigen Darstellung jener kultisch-sakramentalen Vorgänge des göttlichen Wandelns und Westens. Die Verharmlosung und moraliftischverschwommene Vereinerleiung der ganzen gewaltigen biblischen übersinnlichen-sinnlichen Welt im späteren jüdischen Lehrbetrieb hat Texte, Begriffe, Bilder, Handlungen und Forderungen auf eine einzige nivellierende Ebene aufgetragen und die Schrift einem tieferen Verständnis entrückt, sie vor allem den Kämpfen der sich immer von neuem von Geschlecht zu Geschlecht vollziehenden Aneignung ihres Inhaltes entzogen. Unter der Führung Bubers, seines Ubersetzungswerkes und seiner Kommentarbücher könnte man sich eine neue Aneignung der Bibel durch den nach den Verwüstungen der letzten Epoche übrig gebliebenen jüdischen Rest vorftellen. . Gehen wir einen Schritt weiter in unserer Inhaltsskizze! In einer schon durch Vorträge des Verfassers bekannt gewordenen Interpretation der Mosessrage Exodus 3, 13 aus der Dornbuschbegegnung: „. . . . Sie werden mir sagen: Was ifts um seinen Namen? — Was sage.ich ihnen dann?" und ihrer Beantwortung: Ehje ascher ehje wird die Einzigartigkeit des israelitischen Gottesglaubens deutlich gemacht. „Was hier berichtet wird, ist, religionsgeschichtlich betrachtet, die Entmagisierung des Glaubens: in der Selbftverkündigung des bei den Seinen daseienden, ihnen gegenwärtig bleibenden, des mitgehenden Gottes. Die Befreiung, der Zug durchs Meer, Wolken- und Feuersäule, das Zelt und die Lade, Wüftengang und Landnahme, alles ist hierin schon beschlossen." Das ist ein Gott, den, wie kein Zauberbann eines Wesens, so auch kein Bann der Elemente hält, der sich Stätten wählt, aber an keine wie die Baalim gebunden ist; der der Welt, die er geschaffen hat, beifteht; „das ist der lebendige Gott", aber auch der „Melekh der Völker", und der „Melekh der Weltzeit". „Inzwischen war aus Israel ein Königreich, dann zwei geworden, dann war eines der beiden zerfallen, nun sagte sich der Zerfall des anderen an, aber der ihn ansagte, wußte auch jetzt noch seinem Gott, dem Allgott, keinen höheren Titel als den des Königs." So „entwickelt", „veredelt" sich nach Buber die Vorstellung vom Königtum Gottes von der primitiven Gottestheokratie eines landsuchenden nomadisierenden Stammes zum prophetischen „ELMelekli". Buber bestreitet nach dieser tief gehenden Grundlegung an der Spitze des sechsten Hauptkapitels „D er Glaube Israel s", daß der Prozeß von dem Gotteöglauben der Auszugszeit zu dem der Exilzeit als ein Anderswerden, ein Hinzutreten neuer geistiger und sittlicher Werte, wenn auch als Einbuße an Realitätsgehalt, anzusehen ist. Der Gott mit dem Unbedingtheitsanspruch des echten Königtums, der Herr aller Wirklichkeit ohne Rivalen hat seinen Urgrund im alten Israel. Die Einzigkeitslehre, die Buber in ihrer Reinheit, in ihrer sich von jeder unverbindlichen Weltanschauung abhebenden Ganzheitsgeltung mit begrifflicher Glut hier noch einmal höchst lichtvoll darftellt, ist freilich nur dem erreichbar, der Bubers Theorien aus seinen übrigen berühmten Schriften, etwa „Ich und Du", erfassen kann und dem solche sicher ganz echten Ausbrüche aus dem Sagbaren etwas zu sagen vermögen. Realer, wissenschaftlicher Boden wird wieder gewonnen, sobald die Sprache auf das Gegen- und Zerrbild des echten Melekh-Dienftes, dann auf die biblischen „Altertümer" wie den Brauch der Semikha (Handauflegen), vor allem auf die Grundlagen des Opferkultes und auf den „großen Protestantismus" der Propheten mit ihrem Protest „gegen das spukhafte Possenspiel eines intentionsleeren Opferkults" gebracht wird. Das Einmaligkeitsproblem des biblischen Glaubens ist das Thema dieses schwierigen Kapitels. Der jüdische Gott tritt im Gegensatz zur gemeinorientalischen Melekh-Gottheit sein Regiment in Wirklichkeit praktisch auch an, durch Gebot, das sich an den ganzen Menschen, in der Form der Vorstellung an das Gemeinwesen in allen seinen Möglichkeiten und Äußerungen wendet, und zwar institutionell durch priefterlichen Mund, „vor allem aber in der Freiheit seines einherbrausenden Geistes, durch jeden, den der Geist ergreift." Das Melekhtum ist schon in der vorisraelitischen Geschichte nach Buber von der JHWH unter allen Melakhim eigentümlichen Forderung der Unbedingtheit, Unmittelbarkeit und rückhaltlosen Vollständigkeit unablösbar. Die vorftaatliche Geschichte Israels, „die vonGläubigen mit gläubigen Sinnen erfahrene, im gkäubigen Gedächtnis geformte, vom gläubigen Wort beschriebene Geschichte des Geschehens zwischen dem König J HWH und seinem Volk", besteht durch die ursprüngliche Möglichkeit jenes Gebots der Unbedingtheit und Ganzheit des „Gehorsames" als der menschlichen Antwort darauf, „einer stammelnden, versagenden, wieder-