Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 10 (15.5.1932)
- Date
- 1932-05-15
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 10 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 147! Wenn inan es unternimmt, die Geschichte des jüdischen Mittelalters zu schreiben, so läuft man Gefahr, daß sie zu einer Literaturgeschichte oder zu einem Martyrologium wird. Kastcin geht der Gefahr der Literaturgeschichte in großem Bogen aus dem Weg. Das haben wir bei der Würdigung des Talmud gesehen, das zeigt sich auch darin, daß er das französische geistige Zentrum, Raschi und die Tosafisten, kaum erwähnt. Notwendigerweise ist er der anderen Gefahr nicht entgangen. Seiye Darstellung des Lebens der Juden in Westeuropa in den Jahren von 1000 bis 1500 ist im großen ganzen nur eine Aufzählung der Verfolgungen und Austreibungen. Die Überschriften der folgenden Kapitel mögen dafür zeugen. Sic lauten: „In hoc signo", die Zeit der Krcuzzüge, da der Glaubensfanatismus die Judenheit Deutschlands nahezu vernichtet; „M artyriumund Mysti k", die Periode der Austreibungen aus England, Deutschland und Frankreich mit dem Ausklang der beginnenden Kabbala, die erst später beim Messianismus und Chassidismus ihre eingehende Würdigung findet; „Vertreibung aus dem Westen", die Ausweisung aus Spanien. Diese Zeit tiefsten Leides ist passive Geschichte für Kastein, sie bringt keme Entwicklung in der Geschichte des jüdischen Volkes und wenn er sie auch inr Innersten mitfühlt, so weiß er ihr keine Deutung abzugcwinnen. Diese Seiten durchzieht eine stete Anklage gegen das Christentum, gegen die Kirche, verstärkt durch den platten Vorwurf, Verfolgung und Austreibung seien im Grund aus Macht- und Wirtschaftspolitik, nicht aus Glaubenseifcr geboren. Der fünfte Hauptteil ist überschrieben: „Von der Besiedlung des Ostens bis zur jüdischen Krise." Es ist die Periode, die in der allgeureinen Geschichte schon den Ehrentitel der Neuzeit trägt, während sie für die Judenheit noch zum tiefsten Mittelalter gerechnet werden muß. Kastcin, bei seiner Vorliebe für Zweiteilung, läßt durch diese Periode den großen Trennungsstrich gehen: hie rabbinischcs Judentum, hie Antirabbinismus. Und bei seinem Hinneigcn zur Bewegtheit ist es nur natürlich, daß er im rabbinischen Judentum die Tendenz zu Erstarrung und Sterilität tadelt, daß er die Bedeutung des nun gewordenen Schulchan Aruch nicht genügend würdigt, daß er dagegen seine Liebe zuwcndet all den Persönlichkeiten und Gedankenrichtungcn, die das Herz im Gegensatz zum Gehirn betonen. Er muß trotzdem zugeben, daß auch diese Bewegungen die Katastrophe der Auflösung zur Aufklärungszeit nicht verhindern konnten und der Chassidismus selbst in Polen, wo er wirklich die Masse der Judenheit ergriffen hatte, sie nur aufzuschieben verrnochte. Daß er auf die Persönlichkeit Sabbatai Zcwis und die Bewegung, die er hervorruft, nur verhältnismäßig kurz cingeht, mag vielleicht daher rühren, daß er ihr ein eigenes ausgezeichnetes Werk gewidmet hat. Das Zeitalter der Emanzipation und Assimilicrung gibt Kastcin in besonderem Maße Gelegenheit, seine Theorien, mit denen er von vorneherem an die jüdische Geschichte herangcht, zu verfechten. Cs war oben schon davon die Rede. Wenn der Jude das Bewußtsein von Sinn, Inhalt und Anforderung seiner Geschichte verliert, d. h. in Kasteins Gedankengang des Gefühls für nationale Gemeinschaft verlustig geht, ist die Katastrophe unvermeidlich. „Um die Zeit Mendelssohns verliert das Judentum die Orientierung, um sie erst in unseren Tagen wiederzugewinncn." Dabei muß zugegeben werden, daß Kastcin den Juden Mendelssohn durchaus gerecht darstellt und ihn nicht wegen der Folgen aburteilt, die seine Erscheinung für die Zukunft des deutschen Judentums bedeutet. Kastein lehnt Assimilation nicht grundsätzlich ab; zu einer Gefährdung für ein Volk wird sie nach seiner Ansicht erst dann, wenn es sic nicht als die H i n z u n a h m e geistiger und formaler Güter aus der Umgebung begreift, sondern sie als Schicksal hinnimmt unter Verzicht auf die bisherige Eigenart. Dabei ist die Preisgabe des nationalen Zusammenhangs nur das Äußere; das Entscheidende ist, daß die schöpferische Persönlichkeit nicht mehr Erbe und Erblasser der Gemeinschaft sein will (545). Diese Gedanken können als Überschrift über Kasteins Geschichtsdarstellung des 19. Jahrhunderts gesetzt werden. Er beweist sie an Napoleons Synhedrion, an Heine und Börne, Marx und Lassalle, ebenso an Gabriel Ricsscr. Auch die großen religiösen Reformatoren Abraham Geiger und S. R. Hirsch gelten ihm nicht als Erneuerer des Judentums. Sie suchen die, Neubegründung ihres Judaismus nur aus dem Zeitgeist zu holen. Sic gehen davon aus, daß Judentum nichts sei als eine Religion. Das trifft aber auf S. R. Hirsch bestimmt nicht zu. Für Hirsch ist Judentum etwas durchaus Nationales, nicht inr Kasteinschcn Sinn freilich, sondern im Sinn des Pentateuch, „ein heiliges Volk", geeint wohl in erster Linie im Glauben, aber auch in seinem historischen Gewordcnsein. Da Kastein erst mit dem Beginn der zionistischen Ideologie wieder jüdische Geschichte beginnen läßt, fehlt dem ganzen 19. Jahrhundert für ihn jeder Lichtblick. Es ist das Zeitalter des Antisemitismus, dem ein umfangreiches Kapitel gewidmet ist. Die Juden können den Antisemitismus nicht ändern, mögen sie sich assimilcren oder scheiden; denn er ist nicht das Problem der Juden, sondern der N i ch t j u d e n. Der Rezensent in der Gemeindezeitung (Lutz Weltmann in Nr. 22 vom 15. November 1931) hat Kastein mißverstanden, wenn er aus Kasteins Darstellung die Folgerung ziehen will: Mit einem Wachsen der religiösen Kräfte des Judentums muß auch der Antisemitismus schwinden. Gerade das Gegenteil ist Kasteins Ansicht. Nicht einmal der Zionismus kann daran etwas ändern. Nur vom Menschlichen her, vom Menschlichen der a n de r e n läßt sich eine Auflösung der antijüdischcn Gefühle erhoffen. Das letzte Kapitel der Kasteinschcn Geschichtsdarstellunq heißt: „Zentralisation" und klingt in die Apotheose des Zionismus aus. Es finden sich auch in diesem Abschnitt Jrrtümer in der Sachdarstellung, wenn Kastein etwa sagt, die Orthodoxie lehne den Zionismus seines nationalen Gehalts wegen ab. Das ist nach zwei Seiten hin falsch. Erstens gehören ganz beträchtliche Teile der heutigen Orthodoxie — namentlich in Deutschland, Polen und Palästina — im Misrachi der zionistischen Organisation an. Zweitens ist die Orthodoxie herrte selbst sehr stark national ausgerichtet, und wenn der Zionismus zum Teil von ihr abgelehnt wird, so liegt der Grund darin, daß sie mit einer Organisation nicht Zusammenarbeiten will, die Religion als Privatsache erklärt und die Verbindlichkeit des Torageseßes leugnet. Trotz solcher üngenauigkeiten ist die Darstellung der Mission des Zionismus mit solch glühender Liebe zur Sache und solcher Durchdrungenheit von der Wahrheit der Idee geschrieben, daß cs vielleicht unrecht wäre, sie kritisch zu zerpflücken. „Cs ist im tiefsten Sinne eine Frage der Liebe und Gläubigkeit." Diese Worte, mit denen Kastein das letzte Kapitel seines Werkes schließt, sind auch für den Kritiker, der an das Werk keinen wissenschaftlichen Maßstab anlcgt, zu beherzigen. Geschichte soll unparteiisch, tendenziös geschrieben werden, das wäre das Ideal des wissenschaftlichen Historikers. Aber wenn man wie Kastein mit solcher Liebe und Gläubigkeit, Liebe zum jüdischen Volk und Gläubigkeit in den höheren Sinn der jüdischen Geschichte, schreibt, so wird der Kritiker unwillkürlich entwaffnet. Er dankt für das Geschenk und entschließt sich nur schwer, daran zu mäkeln. Kasteins jüdische Geschichte ist eben kein wissenschaftliches Werk, eher ein im bestechenden Stil geschriebenes Feuilleton, gewandt und geistreich, vielleicht zu geistreich. Und so verführt Kastein die Freude am Schreiben, am reinen Wortgeklingel, zu manchen inhaltslosen, konstruierten, ja falschen Sätzen. Tatsachen werden umgebogen, Ursache und Wirkung vertauscht, damit sie sich in die zuvor gezeichnete Linie einstigen, Gegensätze werden geschaffen und verschärft, um die Wirkung der Antithese zu erhöhen. Die Vorliebe für Stileigcntümlichkeiten, die den Werken von Martin Buber und Franz Rosenzweig anstehcn mögen, beeinträchtigt das Gesamtwerk. Geschichte erleben und erdulden sind wie für Graetz auch die Unterscheidungen Kasteins. Dubnow dagegen, der eine W c l t - geschichte des jüdischen Volkes schreibt, ordnet sein Werk nach den Epochen der Völker geschichtc. Wirtschaftlich-soziale Gesichtspunkte spielen bei Kastein kaum eine Rolle; das ist sicher nicht nur in der Form des Überblicks begründet. Für Kastein ist der Ablauf der jüdischen Geschichte vielmehr von geistigen, rnetaphysischen Motiven bestimmt. Ganz im Gegensatz zu Dubnow, der bewußt den Ablauf der jüdischen Geschichte aus politischen und soziologischen Ursachen herleitet. Dubnows Idee ist die nationale, aber rein weltlich gefaßt. Auch für Kastein ist die jüdische Geschichte von nationalen Gedanken getragen, sie bekommt aber erst ihre Rechtfertigung vom Religiösen, Metaphysischen her. So bekennt er bei aller Zurückhaltung des modernen Menschen vor der Benennung des Übersinnlichen, daß aus jüdischer Geschichte nicht wegzudenken ist ihr Ursprung irn Göttlichen und ihr Zug zur Ewigkeit und schließt seinen Epilog mit den Worten, die an die Schlußchöre von Stefan Zweigs „Jeremias" anklingen: „So stehen wir also da, vielfach entartet und vielfach bemüht, vielfach geschwächt und vielfach vom übermäßigen Willen gespannt, vielfach beneidet und vielfach hoffend; mit unendlicher Vergangenheit, mit geringer Gegenwart und mit einer Zukunft, die nur in der Gestaltungskraft jüdischer Herzen eine Wirklichkeit hat. So vom Wunderbaren und vom Grauenhaften, so vom Notwendigen und Zufälligen, so vom Ewigen und vom Zeitlichen ist diese Geschichte eines Volkes erfüllt, daß man sich ihr nicht nahen kann, ohne über alles Dogma der Religion hinweg im tiefsten Sinne gläubig zu werden."