Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 10 (15.5.1932)
- Date
- 1932-05-15
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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146 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 Volk hervorgcgangcncn Richtern, nicht dem erblichen, auf persönliche Macht- und Glanzmehrung bedachten Königtum. Das davidische Königtum entkleidet Kastcin der Gloriole, die ihm die traditionelle Geschichtsschreibung verliehen hat. Seine Liebe gehört vielmehr Schau!, „dem pathetischen Bauern, der Mischung aus Herkules und Ekstatiker". Auch für Salomo findet er geistreiche Epitheta: „Ein königlicher Kaufmann residiert in Jerusalem. Ein antizipierter Habsburger, dem ausländische Prinzessinnen fremde Reiche in die Che bringen." Das ist wohl mehr geistals aufschlußreich. Man kann keine Geschichte der Juden schreiben, ohne an die Erscheinung der Prophetie mit Dcutungsvcrsuchen hcranzugchen. Für den modernen Menschen eine schwere Aufgabe, schwerer als die Frage der Offenbarung, die ganz ins Metaphysische gerückt nur eine dogmatische Deutung zuläßt oder keine. Die Erscheinung der Propheten ist aber trotz aller Verwurzelung im rein Glaubcnsmäßigcn so real, daß der Historiker zu ihr Stellung nehmen muß. Und so haben sich Gractz und Dubnow an den Gestalten der Propheten versucht und beide für ihre Art der Geschichtsdarstellung eine Lösung gefunden. Dem liberalen Geschichtsschreiber sind sic die Schöpfer der kultfcindlichcn Gcsinnungsrcligion, des Missionsgcdankens im Judentum, dem national eingestellten Dubnow Vertreter der politisch-nationalen Idee. In gewissem Sinne mögen sie beides gewesen sein. Daß sie cs aber aus eine r zentralen Idee heraus waren, das darzustellen hat Kastcin zum erstenmal versucht. Gerade wie er die Einzigartigkeit jüdischen Prophetcntums abgrenzt gegen jede ähnliche Erscheinung der zeitgenössischen Geschichte, darin sagt Kastcin Gültiges für das Wesen dieser Erscheinung, wodurch allein ihre Wirkung durch die Zeiten erklärt wird. Die Propheten sind nach Kastcin die ersten Gcschichtsphilosophcn, die ersten, die nach einem Sinn in der Geschichte fragen und als Antwort dafür die Idee des Rechts und der Sittlichkeit finden (77). Aus diesen Gedanken heraus fordern sie neben der Gesetzcserfüllung die Gesinnung, sittliche Maßstäbe in der Politik, eine Gesellschaftsordnung der Gerechtigkeit. Von der Idee der Sittlichkeit aus begründen sic die Auserwählthcit Israels, scheiden sic so von jeder ähnlichen Erscheinung der Geschichte. Auscrwähltheit ist ihnen erhöhte Verantwortung. Bei der Darstellung der Auseinandersetzung des jüdischen Volkes mit den Griechen, entgeht Kastein, daß die eigentliche Auseinandersetzung des Judentums mit dem griechischen Geist nicht damals stattfand, als cs sich um den Glaubenskampf der Hasmonäer handelte, sondern in den Zeiten Philos von Alexandrien in seinem Geistcskampf mit Plato und als Maimonidcs die Lehren des Aristoteles dem jüdischen Weltbild cinverleibcn wollte. Den zweihundcrtjährigen Schicksalskainpf mit den Diadochcnrcichen und mit Rom faßt Kastcin zusammen unter dem Titel: „Die heroische Zeit" und rechtfertigt diese Namensgebung mit den Worten: „Wenn wir uns entschließen, die Zeit vom Aufstieg des Hasmonäergcschlcchts bis zur Vernichtung des jüdischen Staates durch Rom heroisch zu nennen, sind wir uns bewußt, daß wir damit zugleich Vorgänge glorifizieren, die das reine Bild des Juden, der in der Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit der Theokratie verharren und dem Stumpfsinn der Gewalt die Unüberwindbarkeit des Geistes entgegensetzen will, zuweilen trüben und verzerren. Wir müssen das in Kauf nehmen. Wir spätgcborenen Nachfahren jener Menschen, die wir vom Intellekt und von der Verehrung des Nützlichen in der Welt vielfach berührt sind, schulden als ein Geringes jener Vergangenheit den Respekt, den noch heute eine mindere Entschlossenheit, sich für eine Idee zu opfern, uns abnötigt. Wenn wir cs uns auch nicht zum persönlichen Verdienst anrechnen dürfen, in der Reihe von Vorfahren zu stehen, deren Heldenmut in aller Geschichte ohne Vergleich und Beispiel ist, so mag doch hier der rückschauendc Blick manches Juden, der sich vor der dümmsten Demütigung seiner Umgebung zu beugen bereit ist, lernen, daß nichts aus seiner ererbten Vergangenheit ihn zu einer solchen Haltung des Verzichts und der Schwäche zwingt. Wir verlangen aber auch, wenn wir von dieser Zeit als einer heroischen sprechen, von denen, die sich mit ihr aus irgendeinem Anlaß beschäftigen, jenes Mindestmaß an Achtung und Ehrerbietung, zu dem ein auch nur geringes menschliches Verständnis verpflichtet und das sie jedem Volke und jedem Befreiungskriege im Übermaß zu geben bereit sind.wenn es sich nicht gerade um das jüdische Volk handelt." Hier spricht nicht der Historiker, sondern der Tagespolitiker. Aber so sehr man auch Nutzanwendungen aus der Historie ablehnen muß, so gibt Kastein vielleicht doch das wieder, was zu unserer heutigen Situation aus dieser Periode gesagt werden muß. Die zwei Abschnitte über Jeschu von Nazareth und Säul von Tarsus umfassen rein äußerlich ein volles Zehntel des ganzen Werkes; dem Bild von Paulus sind allein 30 Seiten gewidmet. Vergleichen wir dagegen die Graetzschc Darstellung, so finden wir hier kaum IO Seiten fortlaufend über Paulus bei einem mindestens zehnmal so großen äußerlichen Umfang des gesamten Geschichtswcrkes. Kasteins Einleitung zum Abschnitt über Jesus gibt uns zugleich sein Programm für seine Darstellung. Cr spricht von ihm „als einer Gestalt der jüdischen Geschichte ganz ohne Rücksicht auf theologische oder glaubensmäßigc Vorstellung".- Cs scheint gewagt, das Leben einer rein historischurkundlich so problematischen Gestalt in seinem Ablauf so durchaus realistisch zu entwickeln wie es Kastein versucht. Wenn nran bedenkt, daß die führende theologische Forschung über das Leben Jesu vor nicht allzu langer Zeit zu dein Ergebnis gelangt ist: Vite Jesu Christi scribi nequit, muß man die Frage stellen, ob cs richtig ist, in einer ernsten Gcschichtsdarstellung all die Vorgänge der Evangelien mit derartiger Bestimmtheit zu analysieren und noch dazu „als Kern der Darstellung" (S. 212) zu verwenden. Historisch klarer und eindeutiger zu erfassen ist die Gestalt von Pau- . lus, den Kastcin symptomatisch Saul von Tarsus nennt. Aber auch hier ist viel Konstruktion, eine typische vaticinatio ex eventu, wenn der Verfasser z. B. Nachweisen will, wie cs zum Auferstehungsglaubcn und später zu den anderen christlichen Dogmen und zum Bruch mit dem Judentum kam. Jur Gegensatz zu der ausführlichen Darstellung dieses Zeitabschnittes ist das Kapitel über den Talinud ziemlich dürftig ausgefallen. Cs ist aber nicht zu leugnen, daß die Lehrer der Mischnah und Gamara nach der positiwen Seite hin mehr Einfluß auf den Ablauf der jüdischen Geschichte ausgeübt haben als Jesus und Paulus. Rabbi Akkiba lebt in der Erinnerung des Volkes viel lebhafter als der Talmudlchrer denn als der geistige Organisator des Barkochba-Ausstandcs. R. Jochanan b. Sakkai wird als Gründer des Lehrhauscs von Jabne wohl genannt. Aber Männer wie Rabbi Jehuda Hanasi, der einzige Führer, dem'das Judentum den Namen eines rabbenu hakadosch verlieh, Rabban Gamliel u. a. hätten doch Erwähnung ihrer Person und ihrer Bedeutung für die Entwicklung der jüdischen Gcistcswclt verdient. Man darf nicht einwendcn, daß Kastein keine jüdische Literaturgeschichte geben will. Der Talmud kann nicht in den Begriff der Literatur cingereiht werden. Er ist das Werk, dem der Zusammenhalt, ja die Existenz des Judentums für Jahrhunderte zu danken ist. Kasteins Darstellung in diesein Abschnitt ist kaum mehr als ein elegantes Feuilleton. Das Auftreten des Islam und seine ersten Begegnungen mit dein Judentum sind bei Kastcin aus zweiten und dritten Quellen, jedenfalls ausschließlich aus Vermittlungslitcratur geschöpft; dieser Teil der Darstellung soll deshalb hier unbeurteilt bleiben. Wenn Kastcin an späterer Stelle eine Jnhaltangabe und Würdigung der Werke von Maimonidcs geben will, so bleibt es bei einem sehr oberflächlichen Versuch, dieser überragenden Gestalt gerecht zu werden. Schon daß er die halachischen und philosophischen Werke von Maimonidcs in ihrer Bedeutung nicht differenziert und ihre Wirkung auf die zeitgenössische und ihren Einfluß auf die spätere Gcistcshaltung des Judentums gleichsetzt, wird den Tatsachen nicht gerecht. Der More Nebuchim ist entgegen Kasteins Behauptung durchaus zeitbedingt und von der arabischen Philosophie beeinflußt; er allein ist es, der den fanatischen Kampf um das Wirken des Nanrbain ein Zeitalter lang hervorgcrufen hat. Cr ist auch ein Fremdkörper in der Entwicklung des jüdischen Geisteslebens geblieben und hat mehr auf die christliche Scholastik als auf jüdische Denker gewirkt. Merkwürdigerweise erwähnt Kastein die Namen derjenigen jüdischen Philosophen, in deren System Rambams Bemühungen Fortsetzung finden, Mendelssohn und Hermann Cohen, in diesem Zusammenhang nicht. Dagegen ist Nambams Kodifikation des Talmud in ihrer genialen Geistesschärfe und vorbildlichen Prägnanz von Sprache und Ausdrucksform von so einschneidender Bedeutung für die Entwicklung des talmudischcn Studiums bis zum heutigen Tag geblieben, daß man sie nicht mit einigen allgemeinen Sähen abtün und einen Gegensatz zwischen geistiger Weite von Mischneh tora und Talinud konstruieren kann. Mag Kastein vielleicht auch mit der Behauptung recht haben, daß dein Maimonidcs bei seiner Systematisierung des talmudischcn Stoffes ein Abschluß der Entwicklung des talmudischcn Studiums vorschwcbte, Tatsache ist, daß gerade dieses Standardwerk eine ungeahnte Befruchtung und Weitcrführung des „Lernens" gezeitigt hat. Kastein, der Parallelen so liebt, hätte darauf Hinweisen müssen, daß die Ordnung des talinudischcn Stoffes in seiner Zeit ebenso die Forderung der Stunde war wie etwa die Niederschrift der Mischnah oder die Fixierung des Talmuds in ihrer Zeit, daß jene Ordnung von den Zeitgenossen ebenso als revolutionäre Tat angesehen wurde, wie sic dem geistigen Schaffen neue Impulse gab.