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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-05-15 · 10 (15.5.1932) · p. Seite 145

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
10 (15.5.1932)
Date
1932-05-15
Page
Seite 145 (sequence 1)
Language
German
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Kachrlchtenblatt üer IsraelMschen Rultusgemeinüen in München/Augsburg/Hamberg unö öes Äerbanöes Hagerlscher Israelitischer Gemeinöen Homerische Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am 1. unö 15. seüen Monats. — Verlag: S. Heller, München, LezugSpreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für Sas pltnganserstraße 64/ Kernruf 75 664 unö 75664/ Postscheck München J9 $7, Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfenntg Schristlettung: Sr. Luüwlg Keuchtwanger, München, Grillparzerstraste ZS Kamllienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Reichspfenntg VIII. Jahrgang München, 15. Mai fpZL Nr. io Inhalt: Die Tragödie der jüdischen Geschichtsschreibung — Aus der Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Be- Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen kanntmachung über die Besetzung der Ausschüsse und die Ernennung Gemeinden — Aus dem Reiche — Vereine — Mitteilungen des Jüdider Bauftragten der Geineinde vorn >9. April 1932; hier Berichtigung sehen Lchrervereins für Bayern — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: — Personalia. Die Tragööie der jüdischen Eeschichtsschreibung Au dem Werk von Kastein, Eine Geschichte der Juden (Rowohlt 1931) Fraenkcl (München) Von Dr. Alfred Vorbemerkung der S ch r i f t l e i t u n g. Kasteins neue Geschichte der Juden wurde hier gleich nach ihrem Erscheinen von Lutz Weltmann als literarische Leistung lebhaft begrüßt (Gemeinde-Ztg. v. 15. Nov. 1951, S. 544 s.). Die notwendige kritische Betrachtung des Werkes als eines gültigen jüdischen Geschichtsbuches soll hier folgen. Es ist ausgemacht, daß Kastein neben Graetz und Dubnow, namentlich neben einer guten Quellensammlung wie Höxter ein reizvolles, spannendes Werk ist. Wollte man allerdings aus Kastein allein seine Geschichtskcnntnis schöpfen, so wäre das das gleiche Unterfangen, wie wenn man sich über Goethe oder Napoleon nur aus den Büchern von Emil Ludwig unterrichten wollte.— Es ist nicht leicht, eine überlegene und sachkundige Kritik „Kasteins", die weder fachwissenschaftlich noch rein ästhetisch ist, zu geben. Wir waren hier in München vom Glück begünstigt, in dem Verfasser der nachfolgenden Würdigung einen gerechten Kritiker gefunden zu haben. Aus einem Vortrag über Kasteins Werk vor einem kleinen Kreis entstanden, ist dieser Auszug die uns schlechthin angeuressen erscheinende Haltung zu dem problematischen Buch. Nur ein guter Gcschichtskenner und gleichzeitig ein wortlos von der Wurzel auf beseelter jüdischer Geist war in der Lage, hier ein so ruhiges, unparteiliches und tief begründetes Urteil jenseits von Fachgelchrtheit und Besserwisserei zu fällen. Man kann an eine Geschichte der Juden, die einen einzigen Band von kaum mehr als 600 Seiten umfaßt, nicht den wissenschaftlichen Maßstab anlegen und von ihr Exaktheit, Gründlichkeit und präzise Quellenforschung fordern, wie von den zehn- und elfbändigcn Standardwerken von Graetz und Dubnow. Wir haben cs hier mit einem Überblick üb-er die jüdische Geschichte in großen Linien zu tun. Kasteins Werk ist ein Tendenzwerk, ein Thcscnbuch. Er hätte seine Tendenz in dein Cinleitungskapitel „Das Motiv" nicht zu sagen brauchen. Sie klingt aus jedem Abchnitt deutlich wieder in dem Leitgedanken: Jüdische Geschichte ergibt sich nur dann, wenn Judentum als nationale, schöpferische Existenz begriffen wird. Das Jahrhundert der Emanzipation, dem ein liberaler Geschichtsschreiber wie Brann den Titel: „Von der Wiedergeburt des jüdischen Geistes durch Moses Mendelssohn" gibt, verfälscht nach Kasteins Worten den Sinn der jüdischen Geschichte, weil es erfüllt ist von dem Motiv, „das Judentum als unschädlichen Begriff existieren zu lassen". Dagegen erwartet sich Kastein von der zionistischen Bewegung, der Besinnung auf die eigene Bestimmung, die Regeneration: „Jetzt kann die Geschichte der Juden wieder weitergehcn." Das ist nicht gedacht als ein plumper Aufruf zuin Zionismus als der alleinseligmachenden Idee des Iudentmns. Denn nicht die Zeit allein, da die Juden ein geschlossenes Volk im eigenen Land bilden, da sie also u b j e k t ihrer Geschichte sind, hat Geltung in seinen Augen; auch als Objekt der Geschichte, von der Entstehung des Christenturns bis zum Beginn der Emanzipation, sind sie von schöpferischer Kraft erfüllt. Der Geist ist es, der in diesen zwei Jahrtausenden das nationale Bewußtsein erhält. Mit einer großen persönlichen Aufrichtigkeit, mit warmer Liebe zu allein, was jüdisch ist, ist dies Buch geschrieben. Ehrlich bis zur Inkonsequenz, so wenn Kastein es ausdrücklich ablehnt, ein persönliches göttliches Walten anzuerkennen und doch gesteht, daß der Ablauf der jüdischen Geschichte nicht zu begreifen ist ohne Bejahung der Wirklichkeit von Gott, Glaube und Religion. Es berührt sympatsich, wenn Kastein es vermeidet, eigene Wege in der Darstellung der frühesten jüdischen Geschichte zu gehen. Seine Grundlagen sind die Berichte der Bibel, freilich nicht im Sinne des strenggläubigen Juden, aber doch weit entfernt von der Methode der Bibelkritik. Die ersten Kapitel bringen, in sehr großen Strichen zusammengefaßt, den geschichtlichen Inhalt des Pentateuch von den Zügen der Erzväter bis zur Landnahme in Kanaan. Dabei gilt ihm Moses weder als der Rcligionsgründer — eine geschichtliche Figur, die es nach Kasteins Ansicht überhaupt nicht gibt —, noch als der Volksbefreier, wie ihn sonst die Geschichte darstellt; sondern als „Exponent der Volkskrast, die das verschlossene Gefäß sprengt, indem die neuen Kräfte — der Wille zu Freiheit und Glaube — schon unter Druck stehen". Trotzdem wird er der überragenden Bedeutung des Führers gerecht, wenn er ihn den Schöpfer der Theokratie und den ersten Mann nennt, dessen Idee eine Aktualität von 4200 Jahren besitzt. Die folgende Schilderung der Richter- und Königszcit gibt uns — wie auch manch spätere Stelle, so bei den Hasmonäer-Königen (L. 155) — einen Einblick in Kasteins politische Ansichten. Cr ist Republikaner, und so gehört sein Herz den gewählten, unmittelbar aus dern

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