Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 9 (1.5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 9 besseres sein wollte als seine Glaubensbrüder. Die jüdische Religion pries er jederzeit gegenüber allen Angriffen als Quelle aller Sittlichkeit. Eine solche Persönlichkeit mußte sich in der allgemeinen Wertschätzung durchsetzen; nach seinem Hinscheiden widmete ihm der Kammerpräsident einen längeren, höchst ehrenvollen Nachruf. Z. Frankenburger In den weitesten Kreisen ist von allen bayerischen jüdischen Abgeordneten bekannt geworden, wenngleich heute natürlich nahezu vergessen, Justizrat Wolf Frankenburger (1827—89) in Nürnberg, gebürtig aus dem Marktflecken Obbach in Unterfranken. Ein glänzender Jurist, namentlich als Verteidiger berühmt, gehörte er von 1870 bis zu seinem Lebensende dem Bayerischen Landtag, von 1874 bis 1878 auch dem Reichstag an. Ein bewußter, aufrechter Jude, wandte er sich in flammender Entrüstung gegen alle Verunglimpfungen des Judentums, so daß er sogar den bayerischen Kultusminister v. Lutz wiederholt in die Enge trieb. Sogar Bismarck erkannte in einer persönlichen Unterredung in Kissingen die Uneigennützigkeit seines Wirkens an, obwohl er der Partei, der Frankenburger angehörte, der Fortschrittspartei, keineswegs besonderes Wohlwollen entgegenbrachte. Aber es war dem Reichskanzler bekannt, daß Frankenburger ungeachtet aller Geldgier, die man ja gerade uns Juden nachsagt, in dem Prozeß gegen den Grafen Arnim einem persönlichen Gegner Bismarcks gegenüber ein geradezu fürstliches Honorar als Verteidiger zurückgewiesen hatte, um nicht gerade als Jude in falschem Lichte zu erscheinen. Bismarck bezeichncte in dieser Unterredung, die er selbst herbeigeführt hatte, Frankenburgers Verhalten als „patriotisch und lobenswert". In der Tat war Frankenburger ein echter Deutscher, aber zugleich, wie bereits betont, ein echter Jude, der sich seines Glaubens nie schämte. Er trat im Landtag für die rechtliche Besserstellung der bayerischen Rabbiner ein, ferner für die Zulassung der Juden als Zahlmeister und Reserveoffiziere usw.; er betätigte sich vor allem auch, so weit ihm sein parlamentarisches Doppelmandat und sein Ehrenamt als Stadtrat es gestattete, auch in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde Nürnberg. Prinzregent Luitpold ließ einen Kranz an seinem Sarge niederlegen, seine Nürnberger Mitbürger, an ihrer Spitze Pfarrer Kraußhold, stifteten sein Bildnis für das Rathaus „zum bleibenden Andenken an den hochverdienten Mitbürger". 4. Wolf Gunzenhauser Ein engerer Berufsgenosse von Frankenburger, zugleich an derselben Stätte des Wirkens und ebenfalls bayerischer Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Erlangen-Fürth, den auch Morgenstern vertreten hatte, war Justizrat Wolf Gunzenhauser. Als er nach jähriger Tätigkeit freiwillig — wie einst Morgenstern — 1893 aus dem parlamentarischen Leben (seit 1875) ausschied, begleitete ihn das Bedauern aller Parteien. Denn durch seine strenge Sachlichkeit und Entschiedenheit, wenn es galt, unberechtigte antisemitische Angriffe abzuwehren, hatte Gunzenhauser, kein Vielredner, aber immer wirkungsvoller Sprecher und unermüdlicher Arbeiter in den verschiedensten Kommissionen sich allgemeine Sympathien erworben. Er starb reich an Jahren und an Ehren. 5. Dr. Siegmund v. Henle Henle war der Anwalt des bayerischen Königshauses. Er war der Enkel eines bedeutenden Rabbiners und wurde 1882 wegen seiner Verdienste um Krone und Staat geadelt. Er blieb stets in tteuer Anhänglichkeit mit dem Glauben seiner Väter verbunden. Der Jude v. Henle, eine Autorität besonders auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens, wurde 1873 im Stadtkreis München in den bayerischen Landtag gewählt. Ein geistreicher, aber auch seines Sarkasmus wegen gefürchteter Redner, fand er stets das Ohr des hohen Hauses, während der acht Jahre (1873—1881), die er dem Landtag angehörte. 6. Simon Levi Ein hochgeachteter Kaufmann, der erste jüdische Abgeordnete für seine Pfälzer Heimat in der bayerischen Kammer, trat Levi stets offen, was damals nicht ungefährlich war, für die Hegemonie Preußens in Deutschland ein, so in der sturmbewegten Debatte nach der Kriegserklärung im Jahre 1870. Später betätigte er sich bei der Regelung der Verhälmisse in den israelitischen Kultusgemeinden Bayerns durch Gutachten und Konferenzen mit dem Kultusminister v. Lutz in geradezu aufopfernder Weise. Mit dem Rüstzeug großen Wissens, unermüdlicher Arbeitskraft und peinlichster Gewissenhaftigkeit verband er ein warmes Herz für seine Glaubensgenossen. Er starb um die Wende des Jahrhunderts im Alter von 83 Jahren. 7. Carl Maison Erfreulicher Weise können wir feststellen, daß das echte jüdische Herz allen bayerischen jüdischen Volksverttetern (verschiedenster Parteischattierung) im vorigen Jahrhundert eigen war. Stteber und Maulhelden gab es nicht unter ihnen. Das trifft auch auf Kommerzienrat Carl Maison zu, der seine Wahl in München (1887) als würdigster Nachfolger Henles lediglich seiner starken Persönlichkeit verdankte. Cr war ein echter Selfmademan, Fachmann auf dem Gebiete des Handels und Verkehrswesens, mit dem weitesten Blick und gediegenster. Sachkennmis ausgestattet. Versteckten oder offenen Angriffen auf jüdisches Wesen begegnete er immer würdig und entschieden, von hoher moralischer Warte aus, geschickt und wirkungsvoll. An dem unerwartet schnellen Tode (1896) des 1840 geborenen königlichen Kaufmanns zeigte sich bei allen Parteien, selbst bei denjenigen, mit welchen er am schärfsten die Klinge gekreuzt hatte, eine ungeteilte aufrichtige Teilnahme. Das damals noch liberale führende Organ Bayerns, die „Münchner Neueste Nachrichten", nannten ihn einen Deutschen von echtem Schrot und Korn (wie Mommsen seinen Freund Bamberger als „Deutschesten aller Deutschen" bezeichnet hatte); und selbst das stark antisemitische „Bayer. Vaterland" des Dr. Sigl räumte ein, der Verstorbene sei ein intelligenter, strebsamer Mann, ein liebenswürdiger achtungswerter Bürger gewesen, der es durch eisernen Fleiß und Energie zu Ehren gebracht habe, stets konziliant gewesen sei und die Meinungen anderer geachtet habe. — Alle diese jüdischen Abgeordneten waren mannhafte Juden, sie stritten für das Ansehen der Juden und betrachteten von hoher Warte die Lösung der Judenfrage als deutsche Kulturfrage. Denn sie waren sämtlich Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht. Dr. C. P. Jenkwitz. Das in dieser und in der vorigen Nummer behandelte historische Thema „Jüdische Abgeordnete im bayerischen Landtag" ist näher ausgeführt in den „Beiträgen zur Geschichte der Juden in Bayern I" von Herrn Rabbiner Dr. Eckstein in Bamberg, in der Abhandlung der „Beiträge": „Die bayerischen Parlamentarier jüdischen Glaubens" (1902). Rus der Gemeinde München 4üjähr!geS Jubiläum der Synagoge Herzog-Rudolf-Straße Die israelitische Religionsgesellschaft „Ohel Jakob" in München feierte das 40jährige Jubiläum ihres Synagogenbaues. Im Jahre 1890 wurde die schöne und stattliche Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße begonnen und am Schabbos Schemini 1892 vollendet. Herr Rabbiner Dr. Ernst Ehrentreu, dessen verewigter Vater s. A. seinerzeit die feierliche Einweihung vorgenommen hatte, hielt die Festrede. Er hob die Bedeutung des Jubiläums hervor und gedachte der Männer, die sich in den vergangenen 40 Jahren mit Überzeugungstreue und Opferfreudigkeit für das Bestehen der Gemeinde und ihrer Institutionen eingesetzt hatten. Gleichzeitig konnte der von Herrn Dr. August Feuchtwanger geleitete Synagogenchor sein 40jähriges Jubiläum feiern. Wärmestube Wir möchten hierdurch allen Mitarbeitern den herzlichsten Dank für ihre überaus wertvolle Hilfe aussprechen. Nur durch die tatkräftige Mitwirkung der zahlreichen freiwilligen Hilfskräfte war es möglich, die Wärmestube so zu gestalten, daß sie ein wirksamer, allgemein anerkannter Faktor zur Linderung der großen Not dieses Winters wurde. Wohlfahrts- und Jugendamt der Israelitischen Kultursgemeinde Dr. Straus