Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 9 (1.5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2727810-2727950-2727959--08594-2741797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 133 Är. 9 ver Sohar, das heilige vuck der kabbalah Ernst Müller, Der Sohar. Das heilige Buch der Kabbala. Nach dem Urtext herausgegeben. Wien.-1931. An zwei „Höhepunkte bildhaft-übersinnlicher Weltanschauung in der Bibel": einerseits den Schöpfungsbericht der Genesis, andererseits die Cingangsvision bei Ezechiel, an die „Werke des Anfangs" und die „Werke des Wagens" knüpft eine alte Geheimlehre an. Sie ist bemüht, neben der einer einseitigen Verstandesrichtung dienenden Verarbeitung der religionsgesetzlichen Vorschriften zu der tieferliegenden, verinnerlichten Bedeutung des Religiösen überhaupt und zu seinem verborgenen letzten Sinn vorzudringen. Diese Kabbala-Uberlieferung genannte' jüdische Geistesrichtung erhebt schon mit ihrem Namen den Anspruch, ursprüngliche Auffassungen, eigentlichsten Sinn der Bibel selber zu überliefern. In Wirklichkeit hat ja auch bereits viele Jahrhunderte vor der mystischallegorischen Bibeldeutung eines Philo, in der man den ältesten literarischen Niederschlag dieser Geistesrichtung erblicken mag, der Psalmist gebetet: „Enthülle meine Augen, daß ich schaue die Wunder an deiner Lehre"; er hat damit einem den Menschen aller Zeiten eingeborenen Hang nach dem Okkulten bedeutsamen Ausdruck verliehen. So begegnet uns denn im Talmud sehr häufig der Hinweis auf die Geheimlehre der „Werke des Anfangs" und der „Werke des Wagens", allerdings mit der Einschärfung äußerster Vorsicht, sich mit ihr zu beschäftigen und sie öffentlich zu lehren. Die ersten Schriften dieser Art, in welchen Geheimnisse der Schöpfungsgeschichte, tiefsinnige Andeutungen über Namen und Wesen Gottes, die Lehre von den Engeln und der Beschaffenheit der himmlischen Regionen, insbesondere auch das Verhältnis der zehn Zahlen (Sefirot) und 22 Buchstaben (des hebräischen Alphabets) als Anfänge aller Dinge und Elemente der allgemeinen Seinsgestaltung behandelt sind, gehören frühestens dem 8. Jahrhundert an und sind in Babylon entstanden. Auf diese „uralte, auch als indisch, altgriechisch, alcxandrinisch und christlich auftretende Lehre vom weltschöpferischen Wort" (Müller) konzentriert sich seit dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts in Italien, Südfrankreich, Nordspanien und dann auch in Deutschland ein neualter jüdischer Mystizismus, die eigentliche „Kabbala". Den Höhepunkt dieser Entwicklung bedeutet der Sohar, das heißt „Licht", zugeschriebcn dem im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in Palästina lebenden, auch sonst legendenumwobenen Simon ben Iochai, in Wirklichkeit von dem Spanier Moses ben Schemtob de Leon um 1300 verfaßt bzw. zusammengestellt, zum Teil aus sehr jungen Schriften, zum Teil aus sehr alten, mit der genannten und andern talmudischen Persönlichkeiten zusammenhängenden Überlieferungen. Der Sohar, in der Folgezeit ebenso vergöttert wie verfemt, ist von unberechenbarem Einfluß auf die ganze kabbalistische Literatur und auf das Judentum geworden. Sein System, soweit von einem solchen gesprochen werden kann, läßt aus Gott, dem ewigen, einigen, unteilbaren und unendlichen Nichts (En-sof) alles Seiende emanieren und sich manifestieren. Zuerst im „Urmenschen" (Adam kädmon), im Makrokosmos, genannt der „Sohn Gottes". Von hier weiter in vier Abstufungen, deren erste die tätigen Eigenschaften des Urmenschen darstellt, die heilige Zehnzahl der Sefirot, welcher Begriff aus dem ursprünglichen, bereits erwähnten, der Zahl allmählich in den der Sphäre übergegangen war. Die zehn Sefirot sind im Hauptstamm: „Krone", „Barmherzigkeit", „Reich", in der Verästelung: „Weisheit" und „Vernunft", „Gnade" und „Furcht", „Sieg" und „Ruhm", und endlich „Grundlage"; in dieser bekannten Lebensbaum-Darstellung schmücken sie als Titelvignette das Müllerschc Buch. Aus dieser ersten Stufe emanieren die drei andern Stufen des Seins, an denen der Mensch teil hat, der als Mikrokosmos das ist in Wirklichkeit, was der Urmensch als Makrokosmos in der Idee. So steht der Mensch „im Zentrum der Weltenwirkungen — als Mittelpunkt der wirkenden Schöpferkräfte, als ein Wesen, das, zwischen den ,obern' und ,untern' Welten stehend, mit seiem eignen Erlösüngsweg auch eine erlösende Weltmission zu erfüllen hat". Diese mystischen Gedankengänge werden aufgezeigt im Wortelement, im Laut und im Buchstaben, und in einer Bibeldeutung, welche gleichfalls das Wort als solches heilig nimmt und als Quelle vielfältigen Sinnes betrachtet — wird ja der Gedanke erst aus dem Schoß der Sprache geboren, so daß diese die Geistigkeit des Gedankens in objektiver Realität bereits in sich trägt. Schon daraus ergibt sich die fast unüberwindliche Schwierigkeit der Übertragung eines solchen Werkes in eine andere Sprache und seiner Verdeutlichung für Nichtkenner des Biblisch-Hebräischen und Aramäischen. Wenn Ernst Müller, der Bibliothekar der Wiener jüdischen Gemeinde, eine solche Aufgabe unternommen und innerhalb der Grenzen, die er sich dabei zog, glänzend gelöst hat, so liegt das neben der von ihm getroffenen Auswahl der Soharstücke an seinem, sprachlichen und literarischen Können und zumeist an der Stellung, dieer zum Innern der Kabbala einnimmt. Nur wer selber, gerade als Mann der exakten Wissenschaft, doch auch eines Funkens jenes verborgenen Geistes teilhaft geworden ist, wird aus bizzaren Gleichnissen,, aus gesuchten Zusammenhängen, aus Wort- und Aahlenspielen jene Tiefen herausarbeiten können, wie sie uns in den einzelnen Abschnitten des Müllerschen Soharbuches entgegentteten — nicht nur klar und lebendig, sondern auch seltsam bewegend und dunkel Verschwiegenes in uns dem „Licht" erschließend. Rabbiner Dr. Rosenthal, Köln. jüdische ttbgeordnele im vaveriscken Landtag 2. Arnheim Alphabetisch der erste und zugleich der älteste unter den jüdischen Abgeordneten Bayerns war der am 29. Februar 1812 geborene Dr. Fische! Arnheim aus Bayreuth. Den „judenreinen" Wahlkreis Hof vertrat er von 1848 an, bis er 1864 seiner vielseitigen, gemeinnützigen Tätigkeit durch einen jähen Tod entrisien wurde. Dem Berufe nach war er wie die Mehrzahl der jüdischen Abgeordneten Advokat, und zwar in seiner Geburtsstadt, der er, ebenso wie seinen freisinnigen, aber durchaus nicht doktrinären Anschauungen bis an sein Lebensende treu blieb. Cr war der „Lasker" der bayerischen Kammer; er wirkte mit an der Gesetzgebung über die Trennung der Justiz von der Verwaltung, über das Wahlrecht und an anderen zeitgemäßen Verbefferungen der Iustizpflege. Da er, aus streng religiösem Hause stammend, in seiner Jugend gründlich Talmud studiert hatte, war er in der Lage, gegen böswillige Unkenntnis der jüdischen Vorschriften in der Iudenemanzipationsdebatte des Jahres 1849 mit voller Sachkenntnis aufzutreten. Wenn auch nicht die staatsbürgerliche, so erreichte er wenigstens die, rechtliche Gleichstellung unserer Glaubensgenossen in Bayern. Als ihm der später so berühmt gewordene, damals noch in mancherlei Vorurteilen befangene Döllinger ein Kompliment machte, das nicht ohne Spitze gegen die Glaubensgemeinschaft Arnheims war („ein Mann, den ich gern in unserer Mitte sehe und den persönlich ich sogar als Staatsbeamten schätzen würde"), lehnte der so Geehrte diese Verbeugung entschieden ab, da er nichts