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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-04-15 · 8 (15.4.1932) · p. Seite 117

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
8 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 117 Jerusalem neben Trotz Wirtschaftskrisen und trotz aller politischen Unsicherheit ist Palästina noch immer in größtem Umfang das Ziel europäischer und amerikanischer Touristen. Noch immer, und vielleicht sogar noch mehr als früher, ziehen geduldige Touristenscharen durch Jerusalem. Oft habe ich versucht, mich in die Lage eines solchen Fremden zu versetzen, und habe mich gefragt, was mir in Jerusalem auffallen würde, wäre ich ein Fremder in dieser Stadt. Abgesehen natürlich von allem Exotischen, das nun einmal mit der Anwesenheit von Vertretern von rund 40 Völkern zusammenhängt, von den kurdischen Juden bis zu den schwarzen Abessinierpriestern, bei denen man nie weiß, ob man es mit einem Manne oder mit einer Frau zu tun hat, da die abcssinischen Nonnen genau so gekleidet sind — sind es keine Alltäglichkeiten, die eben in Europa oder in Amerika anders sind. Daß man, wenn man jemand herbeirufen will, eine nach europäischen Begriffen abwehrcnde Handbewegung macht oder bei der Verneinung den Kopf in nach europäischem Sinn bejahender Bewegung hebt, ist uns ebenso selbstverständlich wie etwa der Umstand, daß es hier einer Frau niemals einfallen wird, den Kinderwagen zu schieben, weil dies ebenso Aufgabe des Mannes ist wie — besonders bei den Mohammedanern — der Einkauf des Gemüses und des Fleisches täglicher Nahrung. Es wird den Fremden vielleicht auch wundernehmen, daß auf jedem Brotlaib eine Art Briefmarke klebt, die Marke des Bäckers, die man zumeist mitißt, weil man zu faul ist, sie herunterzukratzen, und daß die Schuhputzer in Tel Awiw am Freitag doppelte Honorare verlangen wie an allen anderen Tagen. Daß es Bettler gibt, ist eine orientalische Selbstverständlichkeit, aber daß Bettlerinnen in Häuser kommen und mitunter weit zufriedener sind mit dem Geschenk einer Blume als mit dem einer kleinen Geldmünze wird der Europäer um so erstaunlicher finden, als diese Bettlerin wahrscheinlich bald wieder zurückkommen wird, um eine Blume auch für ihr Kind daheim zu verlangen. Daß das Dienstmädchen — die Hausgehilfin — an den Gesellschaftsabenden ihrer Brotgeber zumeist teilnimmt und in ihrer freien Zeit die Bibliothek des Hausherrn benützt, wenn sie nicht gerade im mathematischen oder im chemischen Seminar der Universität studiert, wird vielleicht schon bekannt sein, denn diese Hausgehilfin hat ja Reifeprüfung des Gymnasiums und ist im nächsten Monat möglicherweise, nachdem sie einen Professor oder einen Kolonisten geheiratet hat, selbst „Herrschaft", wie auch der junge Mann, der Zeitungen auf der Straße verkauft, nächstens, nachdem er die letzte Prüfung als Bakteriologe abgelegt haben wird, dich wohlwollend behandeln wird, wenn du mit einem tollen Hund zu tun gehabt haben wirst. Daß die Kellner in den Hotels niemals anders als Ahmed, Mohammed oder Mahmud heißen, weiß gekleidet und insgesamt Sudanneger sind, wird vielleicht gleichfalls auffallen, doch ist die Erklärung, daß dies daher kommt, weil es im Sudan eine Kellnerfabrik gibt, die eben nur diese drei Marken erzeugt, nicht stichhaltig. Besuchst du aber, o Tourist, ein Privathaus, dann wirst du baß erstaunt sein, daß die palästinensische Hausfrau den Begriff des Ofens nicht kennt, einfach, weil es hier keine Ofen gibt. Man kocht und brät nur auf der Primusmaschine, einem kleinen Petroleumbrenner von großer Wärmeintensität, mit dem eine schwedische Fabrik den Orient in ganz phantastischem Umfang überschwemmt hat. Gibt es in einem Haus aber eine arabische Hausgehilfin, dann ist es selbstverständlich, daß sie frühmorgens nicht allein, sondern in Begleitung sämtlicher Kinder ihrer Familie erscheint, die das Haus tagsüber in einen Tummelplatz fröhlich tobsüchtiger Indianer verwandeln. Ihre Funktionen werden in seltsam fesselnder Weise von dem Krächzen hunderter Grammophone begleitet, die in allen Höfen und Gärten der Umgebung ihre Wesen treiben, denn der Orient ist die Landschaft der Grammophone. Die arabische Hausfrau, die ja wochen- und monatelang den Hof ihres Hauses nicht verläßt, pflegt um sieben Uhr die Heulmaschinc in Betrieb zu setzen und sie — mit der gleichen Nadel und derselben Platte — zumeist „Valencia" auf Arabisch — nicht zu sagen wie ergreifend! — bis abends exekutieren zu lassen. Würde irgendein Nachbar, sagen wir ein Zeitungskorrespondent, gelegentlich auch geistig arbeiten wollen und daher dagegen Einspruch erheben, dann würde er sicherlich im ganzen Quartier als ein Mann verschrien werden, der im Anfang einer schweren Krankheit steht oder aber von einem noch unbekannten bösen Geist besessen ist. Man wird die Kinder vor seinem Anblick schützen, durch Talismane, blaue Perlen oder am besten durch Alaunstücke in einem kleinen mit Perlen verzierten Säckchen. Daß man im Kino raucht und dabei gebratene Kürbiskerne ißt, ist ebenso selbstverständlich wie etwa das Bild größter finanzieller Harmonie, das die Banken in Jerusalem bieten, die, ob sie christlich, jüdisch oder mohammedanisch sind, alle die vielen Feiertage der drei Religionen feiern. dem vaedeker Steigst du, o Fremder, nichts ahnend in einen Wagen, um zur Bahn zu fahren, dann kannst du sicher sein, daß der Kutscher unterwegs alles, was zahlungsfähig aussieht, neben, unter und über dich auflädt, da er auf dem Standpunkt steht, daß du mit einem Platz genug hast. Du sitzt dann in der Bahn, bist froh und guter Dinge, weil neben dir ein Platz frcigeblieben ist und dir gegenüber gleichfalls zwei, doch bald zerrinnt deine Freude, da eine dir höchst merkwürdig erscheinende Geselschaft den Waggon betritt und diese Plätze besetzt. Ein Gentleman sitzt dir nun gegenüber, etwas auffällig mit blutrotem Anzug und ebensolcher Mütze bekleidet. Cr trägt an seinem Handgelenk eine elegante eiserne Kette und befindet sich in Gesellschaft zweier Polizisten, die, das Gewehr zwischen den Beinen, brüderlich mit ihm Brot, Zwiebel und Zigaretten teilen. Du wirst zwar ein wenig erstaunt sein, wenn du erfährst, daß der rote Gentleman, wie die Farbe seines Kleides anzeigt, ein zum Tode verurteilter Raubmörder auf der Fahrt zur Hinrichtung ist, aber du wirst verstehen lernen, daß man in diesem Land stärkere Nerven braucht als in Europa. Palästina ist ein merkwürdiges Land; aber es ist bereits auf dem Weg zur Besserung, denn man hängt heute nicht mehr, wie noch vor ein paar Jahren zur Zeit der Türken, an die Stadttore. Die Merkwürdigkeiten dieses Landes wirst du auch bestätigt finden zum Beispiel, wenn du in ein jüdisches Dorf im Cmek kommst und einen Wächter triffst, der in einer Hand das Gewehr und in der andern Schopenhauers „Parerga und Paralipomene" trägt. Dies alles und tausend andere merkwürdige Dinge stehen nicht im Baedeker, aber im Leben des Landes, das du sehen mußt, wenn du das Wundern wieder lernen willst. M. 2). Ben-Gavriel, Jerusalem. Aus der Gemeinde München Die erste Sitzung der neugewählten Gemeindevertretung fand am Donnerstag, dem 7. April, statt. Als ältestes Mitglied der ncugewählten Gemeindevertretung eröffnete Herr Louis Selinger die Sitzung. Zunächst wurde die Wahl des ersten Vorsitzenden der Gemeindevertretung, seiner Stellvertreter, des Vorstandes, dessen Vorsitzenden und seiner Stellvertreter vorgenommen. Das Ergebnis der Wahlen ist in der amtlichen Bekanntmachung der Kultusgemeinde in dieser Nummer der Gemeindezeitung veröffentlicht. Hieran schloß sich die Wahl der Ausschüsse und Beauftragten. Die Bekanntgabe der Zusammensetzung der Ausschüsse und die Namen der Beauftragten werden in der nächsten Nummer der Gemeindezeitung vom I. Mai veröffentlicht. In den Rat des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden wurden sodann einstimmig die Herren ObstLGR. Dr. Neumeyer, J.-R. Dr. Straus und J.-R. Dr. Ostreich wiedergewählt. Es erfolgte noch Genehmigung der Jahresrechnung für das Geschäftsjahr 1931 durch die Gemeindevertretung und Entlastung des Vorstandes. Sodann erstattete J.-R. Dr. Straus Bericht über den Stand der Gemeindefinanzen nach Ablauf des ersten Quartals; er stellte vor allem fest, daß die finanzielle Lage der Gemeinde unter Berücksichtigung der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse als befriedigend angesehen werden könne. Ein Vergleich mit dem Vorjahr sei nur schwer möglich, weil der Steuertermin vom 10. April in diesem Jahr auf den IO. März vorverlegt worden sei. ObstLGR. Neumeyer gibt sodann den Amtsantritt des neugewählten Rabbiners Dr. Geis bekannt und gedenkt in einem ehrenden Nachruf der entschlafenen Frau Rosalie Perles. Der Herr Vorsitzende führte u. a. folgendes aus: „Wir Alteren in der Gemeinde denken zurück an die siebziger und achtziger Jahre, in denen das Ehepaar Perles den geistigen Mittelpunkt der Gemeinde gebildet hat. Es ist mit die schönste Zeit gewesen, welche die Münchener Gemeinde erlebt hat. Damals war alles auf der aufsteigenden Linie, im Staat, im Reich und nicht zuletzt in der jüdischen Gemeinschaft. Der Mittelpunkt aller geistigen und kulturellen Bestrebungen in der Gemeinde ist das Haus Perles gewesen, in seinem Mittelpunkt Frau Rosalie Perles. Dankbar gedenken wir heute des Wirkens und Wesens dieser verehrten Frau und ihres hochseligen Gatten. Ich möchte nicht gerne den Vergleich ziehen zwischen der allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Lage der gegenwärtigen mit der in den siebziger und achtziger Jahren, einer Zeit, in der unsere Gemeinde den Höhepunkt erreicht hat durch die Erbauung ihres Gotteshauses, einer Zeit, die wirklich die goldene Zeit der Münchener jüdischen Gemeinde genannt werden kann. Wir müsien im Rhythmus der Zeit leben. Die Epoche, die wir heute durchleben, erfordert eine größere geistige und seelische Widerstandskraft als die von damals. Und da erscheint es mir als außerordent-

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