Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 8 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 zieht — dann wird die Stadt ernst und streng und unerbittlich. Kalt, wie die Vorhalle eines Gerichtshofes. Wieder kommen Gäste von Nord und Süd nach Jerusalem, zu den Festen des Herbstes. Aber nicht Blüten enrpfangen sie, sondern die Töne des Widderhorns. Jerusalem richtet, und der Gast wird angeklagt. Schön ist die Stadt und groß, gewaltig und heilig — aber nicht angenehm. Und sie will auch nicht angenehm sein: ihre Einwohner — Muslims, Christ und Jude — verteidigen eifersüchtig die Eigenart Jerusalems, wie cs heute ist. Es ist verboten, in Jerusalem Häuser aus Ziegeln oder Beton aufzuführcn — nur Steinhäuser aus behauenem Stein sind erlaubt, obwohl sic teurer sind, obwohl dadurch die Entwicklung der Stadt, die Ansiedlung von neuen Einwanderern erschwert wird. Aber das Stadtbild soll erhalten bleiben. Auch in den neuen Gartenstädten rund um Jerusalem ahmen die Juden dies nach: es ist dort verboten, selbst vorübergehend, Baracken auf; Zuschlägen, man verhindert die Niederlassung von Handwerkern und Krämern in den neuen Wohnvierteln, man opfert die Bequemlichkeit des Lebens, ja, selbst die Möglichkeit der Entwicklung seltsamen Begriffen von Schönheit und Würde. Wohl hat man zu großen Plänen nicht Kraft: man will die häßlichen Geschäftshäuser niederlegen, die an die wundervollen Stadtmauern angebaut sind — will diese frcilegen, aber das Geld fehlt dazu. Trotzdem, in seiner Art, im kleinen, hält der Jcrusalemite daraus, daß die Stadt so bleibt, wie er sie in seiner Kindheit sah. Mag draußen im Land — in Tel Awiw und Haifa, in den Kolonien und Dörfern — nur ein Gesetz gelten: so rasch vorwärts als nur möglich! Wir haben keine Zeit und kein Geld für Schönheit, denn wird sind arm — so verachtet Jerusalem ein wenig — ein wenig sehr — diese Eile, findet sie leichtfertig. Jerusalem ist ewig und Palästina ist ewig — und nächstes Jahr ist auch noch Zeit. Man ist sehr, sehr solid und bedächtig in Jerusalem, wie es einer Stadt mit soviel Moscheen, Synagogen und Kirchen geziemt. Und man fühlt sich als Mittelpunkt der Erde. Der Weltkrieg — das war jener Krieg, der geführt wurde, damit Jerusalem von den Türken befreit wird... das ist Jerusalems Auffassung der Weltgeschichte. Und alle, die hier wohnen, haben denselben Geist. Alle die zahllosen Gemeinschaften, die hier ihre kleinen Kolonien haben, scharf geschieden, streng ihre Mitglieder überwachend: kein Volk der Erde gibt es, das nicht hier vertreten wäre: indische und marokkanische Muslims, Christen aus Abessinien und Armenien, württembergische 'Templer und schwedische Missionare, syrische Nationalisten und russische Kommunisten, griechische Einsiedler und italienische Franziskaner, kaukasische Bergjuden und amerikanische Millionäre, und Juden aus aller Herren Ländern: aus China, Demen, Deutschland, Böhmen, Bagdad, Tunis, Polen, Sibirien... Und jeder Kreis bleibt in sich vereint; alle Völker treffen hier zusammen und bleiben doch getrennt: ein Sammelpunkt ist Jerusalem, aber kein Schmelztiegel — jeder preist die Heilige Stadt in seiner Weise, und alle zusammen singen im Verein das Lied der Lieder zum Preis der hochgebauten Stadt, der Ewigen, Schönen... zum Lobe Jerusalems. Jüdische Abgeordnete in Bayern 1. Dr. Morgenstern Der Sturm, der in Frankreich im Februar 1848 den Thron Louis Philipps zertrümmerte, hatte auch in Bayern die schon lange gärende Unzufriedenheit zum Ausbruch kornmen lasten; der glimmende Funke loderte zur Flamme empor und drohte alles in Brand zu setzen. Der bis zum 27. Mai tagende bayerische Landtag erledigte eine Reihe freisinniger Gesetze. Die gesetzlichen Verhältnisse der Juden in Bayern wurden dadurch verbessert, daß die Wählbarkeit zum Abgeordneten für unabhängig von der Konfession erklärt wurde. Zwei Wahlkreise machten sofort von ihrem Rechte Gebrauch: der Wahlkreis Erlangen-Fürth wählte unter seinen drei Abgeordneten den Dr. Morgenstern, der Wahlkreis Hof-Münchberg den Dr. Arnheim, beides Juden. Die Wahl Arnheims war um so auffallender, als im ganzen Wahlkreise kein einziger Jude wohnte. Wer war Dr. Morgenstern? Am 7. März 1814 in Büchenbach bei Erlangen geboren, studierte er die Rechte, praktizierte alsdann an einem Landgericht und bei mehreren Anwälten. Das tolle Jahr, welches ihn inmitten seiner Tätigkeit am Appellationsgericht in München traf, rief ihn, der regen Anteil an allen politischen Bestrebungen nahm, in die Arena. Er entwickelte bei strengster Sachlichkeit und großem Weitblick vereint mit klarer Besonnenheit eine große Rednergabe, so daß sich begreiflicherweise bei dem damaligen Mangel an politischen Talenten bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Es wurden ihm mehrere Mandate angeboten, er nahm nur seinen Heimatswahlkreis an. Als unter Rechtsbruch der kaum gewählte Landtag wegen des Pfälzer Aufstandes aufgelöst wurde, gehörte Morgenstern, der sich bereits rednerisch im freiheitlichen Sinne hervorgetan hatte, zu den Wiedergewählten. Seine erste Tätigkeit war Einreichung eines Gesetzentwurfes zum Schutze der Mitglieder des Landtags vor willkürlicher Verhaftung. Das Abgeordnetenhaus entschied in seinem Sinne. Ebenso zeigte er bei den Verhandlungen über die Stellung von Kaution bei Verhaftungen, über das Verfahren bei Prozeßvergehen, über das Ablösungs- und Gerichtsverfassungsgesetz seine gediegenen Kenntnisse, und zwar stets in freiheitlichem Sinne. Erleichterungen in der Ansässigmachung, Gewerbeausübung, Verehelichung usw. waren ebenfalls fein Werk. Auch gab er dem Richterdisziplinargesetz eine fortschrittliche Grundlage. Seine Glanzleistung war aber die Rede vom 19. Januar 1855 zum Entwurf eines Iudengefetzes, welches mit einem Schlage den Juden in Bayern das aktive und passive Wahlrecht nehmen wollte. Er hielt feine eigene „Leichenrede", wie er sie selbst nannte, kernig und schlagfertig, klar und mit bissigem Humor. Sie war erfolgreich, denn der Entwurf wurde mit 76 gegen 51 Stimmen abgelehnt. Gleichwohl verzichtete Morgenstern im Interesse seiner Familie auf weitere parlamentarische Tätigkeit. Denn der reaktionäre Iuftizminifter v. d. Pfordten hatte ihm eines Tages rundweg erklärt, daß er keine Aussicht auf Zulassung zur Advokatur habe, die damals vom Belieben der Regierung abhing. Morgensterns Leistungen im Parlament während seiner sieben-jährigen Zugehörigkeit bilden ein Ruhmesblatt in der Geschichte der jüdischen Betätigung in der deutschen und bayerischen Politik. Nach seinem Abschied vom parlamentarischen Leben und Ausscheiden aus der Justiz trat er zunächst in das Bankhaus Meyer Cohn in Nürnberg ein. 186Ö beteiligte er sich an einer Zinnfabrik in Forchheim, die er später allein übernahm und mit Erfolg zu einem schwunghaften Betrieb gestaltete. Seitdem wohnte er in München, bekleidete die verschiedensten Ehrenämter und sein Name stand überall an der Spitze, wo es sich um Recht und freiheitliche Bewegung handelte. Vor beinahe 5O Jahren, am 2. November 1882, schied er aus dem Leben. Sein Leichenbegängnis war eines der glänzendsten, welches die bayerische Hauptstadt gesehen hat. Dr. C. P. Jenkwitz O CAFE KONDITOREI gn | fm DER VORNEHME AUFENTHALT IM I I 1 STADTZENTRUM - WEINSTRASSE 4 TÄGL. GEÖFFNET »» VON 8 UHR VORM. I BIS 1 UHR NACHTS ■