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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-04-15 · 8 (15.4.1932) · p. Seite 115

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
8 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 115 aber so scherzhaft abgefaßt sei, um die durch Speise, Trank und Singen schläfrig gewordenen Oster-Gäste wieder aufzumuntern. Beim Suchen nach Erklärungen muß Teuber die Erfahrung machen, daß die Juden selbst nicht einer Meinung über das Lied sind, wie schon aus den Kommentaren zu sehen ist, welche die Rabbiner zur Haggadah geschrieben haben. Den Sinn am ehesten trifft die Antwort eines polnischen Rabbiners: Das Aickelein saget nur so viel, daß in der Welt eines über dem andern und keine Creatur sey> die nicht ihren Meister habe. Teuber hätte gerne noch gehört, wie denn diese vernünftige. Erklärung mit dem Osterfeste zu verbinden sei. Ein Halberstädter Jude (T. war Geistlicher in Halberstadt) entwickelt eine Erklärung, die aus lauter konfusen Drehereien besteht und bleibt schließlich die drei letzten Verse schuldig, wahrscheinlich aus Furcht, den Geistlichen zu verletzen. Teuber wertet seine Aussage folgendermaßen: „Inzwischen glaube ich doch, der Jude wäre bewogen worden, aus dem Lager zu rücken, wenn ich sehr in ihn gedrungen, oder ihm etwas versprochen hätte. Allein die Begierde nach seiner Weisheit war mir bey der Auflösung der ersten 7 Verse dergestallt vergangen, daß ich mich freuete, als seine Plauderey ein Ende nahm. Der Halberstädter alte „Mocher Seforim" (Buchhändler) ineinte, es würden die zehn Plagen Ägyptens dargestellt, was schon ganz grundlos ist." Als Teuber sah, daß es unter den Juden so viel Köpfe, so viel Sinne gäbe, stellte er das Nachfragen ein, um eine eigene Lösung zu suchen. Er hält das Liedlein keineswegs für ein wunderbares Rätsel, worin die Juden Geheimnisse vor den Christen verbergen, sondern für ein spielerisches, dabei aber doch erbauliches Lob Gottes, das seine Hoheit und oberste Gewalt über alle Wesen ausdrücken soll. Cs handelt nicht von den merkwürdigsten Begebenheiten der Juden und ihrer endlichen Erlösung, weil die Juden ja keine guten Geschichtskenner sind. Würde aber in dem Liede ein den Christen vorenthaltenes Geheimnis stecken, so hätten es die getauften Juden längst enthüllt, wie sie ja alles, was sie von ihrem vorigen Glauben wußten, den Christen verrathen haben. Schließlich machen sich die Juden auch nicht allzuviel aus dem Lied, was Teuber mit folgenden sprechenden Angaben belegt: „Ja! ein sicherer vernünftiger Jude, einer von den Gelehrten in Halberstadt, da er von mir vernahm, daß ich von dem Zickelein etwas schreiben wollte, sagte ausdrücklich, ich mögte lieber sonst einen feinen „Perusch" (Erklärung, Kommentar) worüber aufsetzen, und mich an das Aickelein nicht machen; sie hielten soviel nicht davon. Wenn auch dieses Tractat nicht schon wäre fertig gewesen, oder ein Verleger Schwierigkeiten gemacht hätte, würde ich mir des Mannes Rath haben gefallen lassen." Teuber kommt dem Wortsinn ziemlich nahe, der auch heute von uns als Nächstliegende Erklärung aufgefaßt wird: „Gott sei über alles: der erste und der letzte, der Anfang und das Ende. Womit die Osterfeier sich erbaulich endigte." Zum Schluß aber bleibt er seiner Absicht treu, die Bestrebungen der Judenmission zu unterstützen und schließt seinen Traktat mit dem Wunsch: Übrigens nehme Gott weg die Decke Mosis von den Augen des blinden jüdischen Volks! Erleuchte und heilige es in seiner Wahrheit! Denn sein Wort ist die Wahrheit. Diese skizzierte Diskussion über das „Zickelein" — dessen Inhalt uns heute am Sederabend wohl weniger aufregt als die genannten Schreiber — hat noch weitere Kreise gezogen. In mehreren Schriften, so z. B. in der Schweizer Judenchronik des Zürcher Pfarrers Ulrich, wurde darauf zurückgegriffen, streitend und ergänzend, obwohl die gründliche Abhandlung Teubers einen Abschluß bedeutet. Die dargestellte Debatte kann aber auch für uns eine Aufforderung sein, das Bekenntnis von Gottes Höhe und Erhabenheit auch in nichtphilosophischer Fassung nicht achtlos zu übergehen. §rüh1ing in Jerusalem Die hochgebaute Stadt Von Dr. Wolfgang von Weisl Jerusalem, im April. Das alte, fromme Lied „Jerusalem, du hochgebaute Stadt..." gibt mit seinen lieben, kindlichen Worten und seiner sanften, dünnen Melodie eine schönere, richtigere Vorstellung von der stillen, stolzen, ernsten Stadt, als alle Ortsverzeichnisse und statistischen Jahrbücher zusammen. Wirklich und wahrhaftig ist Jerusalem „hochgebaut", auf Bergen und Hügeln ruht es, auf der Wasserscheide zwischen dem Toten und dem Mittelländischen Meer — ganz, ganz nahe dem Himmel, der so unendlich rein und kalt und klar ist in Jerusalem, wie nirgendwo auf der Welt... Cs ist etwas Besonderes um den Himmel über Jerusalem. Und etwas Besonderes um die sehr hellen Sterne; etwas Besonderes um die durchsichtige Luft, etwas Besonderes um die ganz weißen Steine, die in Mondnächten grau sind, wie ganz altes Silber, Es ist etwas Heiliges in der Luftwon Jerusalem. Nicht davon will ich reden, daß die Stadt Zions jeden Menschen erschüttert, der die ruhige Sprache alter Steine und unsterblicher Legenden hören kann. Das versteht sich von selbst, nicht davon will ich reden. Aber etwas lebt in Jerusalem, das packt selbst den, der davon nichts wissen will, und zwingt seine Seele — stößt ab, oder unterwirft. Einen Schuhhändler kannte ich. Amerikaner. Als Schuster hatte er begonnen, war reich, Händler, Fabrikant geworden. Fuhr nach Ägypten, Palästina, um Geld auszugeben. Kam nach Jerusalem — schimpfte über die schlechten Straßen, den Staub, das unbequeme Hotel, die dummen Leute, die sich hierher setzen, wenn es ein Amerika gibt, ging zur Klagemauer, weil die im Neiseprogramm ausgemacht war — und kam zurück, verwandelt. Sprach nicht mehr „hoho!" und lachte nicht, blieb eine Woche, eine zweite in Jerusalem, begann zu beten, zum ersten Male in seinem Leben — ließ sein Geschäft „drüben" verkaufen, wurde Jerusalemite. „Hier muß ich sterben. Ich kann nicht weg von hier. Hier habe ich Gott gefunden", sagte er. Andere wieder empörten sich gegen Jerusalem. Die Tochter eines meiner Freunde, eine russische Studentin, weinte wochenlang nach ihrer Ankunft in der Stadt Davids „Ich kann nicht schlafen, ich kann nicht lachen — der Himmel über der Stadt erdrückt mich." Und ein junges, deutsches Mädchen, das aus Tel Awiw, dem Klein-Paris Palästinas, nach Jerusalem übersiedeln mußte, hielt es dort nicht aus — die Luft ist zu klar, die Menschen zu ernst, die Stadt zu schwer; 70 Kilometer ist Jerusalem vom Meer entfernt, von Tel Awiw, aber es ist eine andere Welt. Doch schien, die sich dieser anderen Welt unterwarfen, ist die Heilige Stadt nicht nur heilig und heiligst, sondern der Ort, über den alle Schönheit der Erde ausgegossen ist. Und wem erst die Augen aufgetan sind, die Majestät des Steins und die Schönheit der Felsen zu schauen,.der wird nicht mehr müde, Zion zu besingen, die schöne, die hochgebaute Stadt des Königs der Könige... In grüne Berge gebettet, mit weißen Häusern und flachen Dächern und roten Giebeln, mit ragenden Zinnen, Türmen und Kuppeln, Zypressen umringt, lädt sie im Frühling zu Gast. Feierlich und herbe,, wie ein alter König, der selten zu Hofe ruft! Selten die schweren Flügel der Tore seiner Burg seinen bescheidenen Untertanen öffnet. Und die Gäste kommen eilfertig, kommen seit 3000 Jahren zum Frühlingsfest des Königs — zu Ostern. Sie pilgern zur Stadt, die hoch liegt zwischen zwei Meeren und vier Wüsten; durch sechs Pforten des Landes kommen sie, Juden, Christen, Muslims und die Weltreiserundfahrer jeden Jahres in Davids uralter Stadt. Dann, nach dem Fest, schließen sich unsichtbare Tore. Des Sommers strahlender Schleier legt sich über Jerusalem wie ein Zauberkreis aus Feuer und Licht. Wenn der Sonnenball im Mittag steht, tanzen dann die weißen Häuser, aus dem schönen Kalkstein Judäas gebaut, in dem zitternden Glast der Luft. Weiß, ganz weiß ist Stadt und Tal, Weiß, ganz weiß, wie schneebedeckt, sind die Berge im Rund, die fern und hoch scheinen wie olympische Höhen, von denen der zürnende Gott die fröhlichen Idole der Heiden erst heute verjagt hat... Und obwohl die Berge nicht hoch sind — denn Jerusalem selbst liegt fast am höchsten Kamm des Gebirges — ragt doch jeder seiner Hügel fremd und rätselhaft zum Himmel. Hinter jeder Kuppe, aus die du zureitest, ahnst du ein Geheimnis. Ungeheure Weiten Müssen sich plötzlich öffnen, über blaue Meere und schimmernde Gebirge muß dein Blick schweifen, wenn du oben auf der Kuppe stehen wirst, fühlst du. Und lächelst, denn du weißt ja, daß hinter dem Hügel hundert andere gleichhohe kommen, kein Geheimnis und keine Enthüllung. Und dann stehst du oben — und siehe: in Wahrheit öffnet sich blaues Meer unter dir, und jenseits des Meeres Gebirge und Wüsten und Täler, eine neue Welt... - Im Herbst aber, wenn die ersten Regenschauer fallen, die Luft voll ist von köstlicher Feuchtigkeit; wenn die Pferde gierig den Wind, der vom Meere weht, mit vollen Nüstern einschnauben, wenn Nebel des Nachts in dünnen Schwaden um die Festungsmauer am Berge Zion

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