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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-04-15 · 8 (15.4.1932) · p. Seite 114

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
8 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 Art deS Humanismus, worunter hier auch das vertiefte, moderne Wissen um das klassische jüdische Traditionsgut einschließlich der hebräischen Sprache verstanden wird. In einer traditionslos, geiftfeindlich gewordenen Umwelt können auch die gut gehaltenen jungen jüdischen Menschen die Freudigkeit an zweckfreien Bildungswerten sehr leicht verlieren. Aber wir Älteren lassen uns unter keiner Bedingung etwas von jener Gelassenheit nehmen, die aus den Versen Grillparzers spricht: Will meine Zeit mich bestreiten, Ich laß es ruhig geschehn. Ich komme aus anderen Zeiten Und hoffe, in andre zu gehn. „Wahrscheinliche Mulhmatzung von dem allen und dunkeln jüdischen Oster-Liede: Lin Zickelein" Chad-Gadja in der Publizistik des l 8. Jahrhunderts Von Lothar Rothschild In dem schrcibefreudigen 18. Jahrhundert, das alles Werden und Geschehen in der chronikartigen Darstellung fesihalten wollte, wurden Juden und Judentum sehr häufig zum Gegenstand theologischer und historischer Publizistik. Vor allem waren es Geistliche der Lutherischen Kirche, denen bei ihren Studien vom Werden der Religion das Schicksal des jüdischen Volkes in den Gesichtskreis trat, als Andenken an eine große Zeit, aber auch zur ständigen Erinnerung in der Gegenwart, daß Gott mit diesem Volk, das zerstreut unter den Völkern lebte, noch Großes Vorhaben muß. Da sich neben der literarischen Tätigkeit auch eine stärkere Bewegung der Judcnnrission geltend machte, um den Heiligkeitsanspruch des jüdischen Volkes durch Übertritt seiner Glieder an sich zu bringen, war ein stärkeres Interesse an dem Wesen und den Einrichtungen der jüdischen Religion gegeben, dem aber ein Interesse auf politischem Gebiet erst sehr mittelbar folgte: praktische Folgen für das Leben der Juden in Deutschland hat das theologisch-literarische Hinneigen zur Judenfragc nicht gehabt. Aus den vielen Veröffentlichungen jener Zeit möchte ich in den Pcssachwochen eine kleine Diskussion herausgrcisen, die das Lied „Ch a d G a d j a" zum Gegenstand hatte, dessen Erklärung den Theologen Schwierigkeiten machte, zumal es kaum einen rabbinischen Kommentar gibt, der befriedigt; wesentliche Erklärer der Hagadah übergehen dies Anhängsel am Schluß einfach. Für den jüdischen Erklärer genügt cs, zu wissen, daß am Ende der Sederfeicr Gott als das Ende und Höchste in allen Dingen gepriesen wird, daß er als das Unbewegbare am Ende über allem Kamps der Kreaturen steht. Die christlichen Theologen aber suchten mehr hinter dem Liede, da sie hinter allen jüdischen Formen und Gebräuchen einen syinbolischcn Inhalt vermuteten. Allerdings, so wichtige Gewährsmänner — wenn auch einseitig informiert — wie Schudt und Buxtors, die sonst in Judaicis alle möglichen Kleinigkeiten behandeln, übergehen das Chad-Gadja ohne Erwähnung. Der erste Schreiber, dem es auffiel, war Wagcnseil (1633—1705), der bekannte unvoreingenommene Professor in Altdorf bei Nürnberg, der Juden und Judenturn mit wachsendem Verständnis darstellte. In seiner „Belehrung von der Jüdisch-trutschen Red- und Schrcib-Art" (Königsberg 1099) möchte er eine Erklärung geben, gesteht aber, was das Lied bedeute und wohin cs ziele, ließe sich eher fragen als beantworten. „Unter so vielen Juden, die ich in Teutschland, Frankreich, Italien und Holland hierüber zu Rathc gezogen, hat sich nie keiner gefunden, der mir den geringsten Bescheid hätte zu geben wissen." Ein Prager Rabbiner antwortet nach einige Monaten in einem hebräischen Brief, dessen Inhalt schon eher wunderlich zu nennen ist. Wagcnseil hält daher seine Auslegung mehr für scharssinnig als wahrhaft und ist der Meinung, daß das Lied keinerlei Heimlichkeiten enthalte, sondern daß cs nur als fröhliches Tafellied aufzufasscn sei. Dennoch fragt er den gelehrten Kenner der Kabbala, den Geistlichen Knorr von Rosenrot h, nach einer Erklärung an, die er in seinem „Antwortschreiben an Wagenseil" gibt. Dem mystisch geschulten Manne fällt eher eine Erklärung ein, als dem Juristen Wagcnseil. In den Stufen, die das Lied beschreibt, sieht er die Entwicklung der jüdischen Geschichte symbolisiert und deutet das „Zickelein" historisch. Die genaue Ausführung des Rosenrothschen Gedankens gibt der Propst Hermann von der Hardt in seinem Haedus, der jeden Vers sinnreich mit geschichtlichen Tatsachen belegt. Er betrachtet das Lied als Aenigma (Rätsel) und deutet viel hinein. Nach dem ersten Vers wäre das Zickelein des Volk Israel; die zween Pfennige Moses und Aaron, die das Volk Israel aus Egypten geführt; und das Vaterlein Gott der HCrr. In diesem Sinn geht es weiter von den Assyrern zu den Babyloniern, Cyrus, Alexander, den Römern, den Sarazenen, welche die Römer aus dem gelobten Land verjagt haben. Nach dem achten wäre der Schochct Gottfried von Bouillon, der die Sarazenen verjagte, im neunten verjagt der Türke die Christen wieder. „Nach dem zehenden bedeute der liebe Herr Gott, der den Engel des Todes geschechtet, den Herrn Messiam, der die Türken aus dem gelobten Land hinausstoßen, dieses schöne Land den Juden wieder einraumen, und sein irdisches Reich darinnn aufrichten wurde." Solche wunderbare Dinge entdeckte der Propst, der als Phantast bekannt war, in dem harmlosen Lied. Bald wurde sein Haedus von einem getauften Juden namens Leberccht ins Deutsche übersetzt und als seine eigene Erklärung dargcstellt, so daß der gelehrte Pfarrer. Bodenschatz in seinem Deutschredenden Hebräer seiner Freude Ausdruck gibt, daß endlich ein Jude die Geheimnisse dieses Liedes öffentlich enthüllt habe! Aber er war das Opfer eines Abschreibers geworden; denn der nächste und gründlichste Diskutant erklärte, daß ein Geheimnis von den Juden, wohl nicht zu erfahren sei. Ich meine Christian Andreas Teuber in seinem Traktat „Chad-Gadja — Das ist Wahrscheinliche Muthmassung von dem alten und dunckeln Jüdischen Oster-Liede Ein Aickelcin," der 1732 in Leipzig erschien. „Zu finden in Teubners Buchladen". Diese Schrift fällt bereits in die Zeit der Judenmission, das Jnstitutum Judaicum in Halle war kurz zuvor gegründet 'worden; daher will der Verfasser der Zeitstimmung Genüge tun: „Da man anjetzo damit umgehet, dieses arme Volck eines besseren zu unterrichten und zur Christl. Wahrheit zu bekehren...", will er auch das seinige beitragen. Cr geht äußerst exakt und gründlich vor, hat selbst Auskünfte über das Lied eingeholt und betrachtet kritisch die bereits gedruckten Traktätchen. Wagcnseils nachlässige Behandlung lehnt er ab, weil das Lied doch in der Oster-Liturgie steht, was für ihn überhaupt den Anlaß zur Untersuchung bildet. „Wenn dies Gewäsch (sic!) nicht in der alten Jüdischen Oster-Liturgie stünde und von den Juden eifrig und ernstlich gesungen würde, mögtc es das Ansehen haben, als wenn es ein lustiges Schertz-Liedlein wäre." Zu allererst stellt er die Frage nach dem Verfasser an einen Frankfurter Rabbiner, der ihm die unmögliche Antwort erteilt, die „Männer der großen Synagoge", die die ganze Haggadah aufgesetzt hätten, wären Verfasser des Zickeleins. Aus die Frage nach glaubwürdigen Zeugnissen für diese Aussage kam keine Antwort rnehr und Teuber neigt zu der Vermutung, daß er sic werde schuldig bleiben. Gegen Rosenroths Kabbalistik wehrt er sich ebenfalls, weil die Kabbala zum Verständnis des Liedes nichts beitrage. Obwohl auch ein Jude imstande wäre, überall mit Hilfe der „Gematria" etwas Nachdenkliches herauszuklauben. Vor allem nimmt er die historische Lösung von der Hardts unter die Lupe, die nicht jüdisch sein kann; denn die Juden sind keine Historici und da sie kaum ihre eigene Geschichte wissen, »ersteigen sie sich nicht so hoch in die Universal-Historie. Cr nimmt Anstoß an der Gleichseßung der Türken mit dem Todesengel, weil die Türken den Juden lange nicht so irnheilsvoll erscheinen wie den Christen. Die Juden sind aber auch nicht so dumm, die Türken als das letzte Reich vor Erscheinen des Messias zu bezeichnen, da sie sich ja nur selbst damit schaden würden; übrigens rechnen sic die Zeit nicht aus, wenn der Messias erscheint, was Teuber mit guter Kenntnis des jüdischen Schriftums ausführt. Weil kein Jude die Erklärung von der Hardts annehmen würde, ist sie für Teuber nicht stichhaltig; denn man nruß zur Erklärung doch Anhaltspunkte vor sich haben, um seine Vermutungen sicher zu gründen. Das Lied interessiert ihn aber doch, da er es, wenn auch schon nicht für ein Rätsel, doch auch nicht für ein albern Spiel hält, „weil die Juden viel zu gewissenhaft sind, daß sie den Namen Gottes zu ihrer Kurtzweil unnützlich führen sollten". Also sucht er selbst! Ein Professor der morgenländischen Sprachen glaubt wohl, daß cs von den Geschicken der Juden spricht, daß es

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