Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 8 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- Seite 113 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kachrichtenblatt See IsraelMschen Kultusgemeinöen in München/ Augsburg/ Hamberg und des Verbandes Homerischer Israelitischer Gemeinden Hagerlsche Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am 7. unö -5. jeden Monats. — Verlag: B. Keller, München, plinganserstraße 6$, Zernruf 7?<S<*4 und 73663, Postscheck München 5? 87/ Bchristleitung: Vr. Ludwig Zeuchtwanger, München, Grillparzerstraße 58 Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Oie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 RetchSpfennlg Zamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 13 Reichspfenalg VIII. Jahrgang München, 15. April 155L Kr. s Inhalt: Von den vier klassischen Büchern zu Pesach — „Wahrscheinliche Muthmaßung von dem alten und dunkeln jüdischen Oster-Liede: Ein Zickclein" — Frühling in Jerusalem — Jüdische Abgeordnete in Bayern — Jerusalem neben dem Baedeker — Aus der Gemeinde München — Aus dem Verbände — Aus bayerischen Gemeinden — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Amtlicher An- Zeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über das Ergebnis der Wahlen zum Rat des Verbandes für den Wahlabschnitt 1932/1937 — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über die Wahl des Vorstandes — Bekanntmachung über die Wahl der Mitglieder der Gemeindevertretung — Personalia Von Len vier klassischen Duckern zu pesack Haggadah - Machsor schel Pesach — Schir-ha-Schirim - Maffecheth Pesachim Ein Beitrag zu dem Kapitel „Geist in Gefahr" Vier Literaturdenkmäler — jedes mit den Spuren einer ungewöhnlich merkwürdigen, ja spannenden Entstehungsgeschichte — sind mit dem Pesach-Fest für die Juden der Welt, die noch eine Rückverbindung mit ihrem alten Erbgut haben, aufs engste verknüpft. Am populärsten ist die Haggadah, das Textbuch für den häuslichen Gottesdienst an den beiden ersten Abenden des Festes. Sie ist als selbständiges Buch seit dem 8. nachchristlichen Jahrhundert nachweisbar. Auch die eigene Gebetsordnung, die buchmäßige, kanon-ähnlich abgeschlossene Gebetssammlung für die acht Tage Pesach, das Pesach-Machsor, ist verhältnismäßig jung und keinesfalls älter als die End-Redaktion des Talmud. -Schir-ha- Schirim, die Megillah am Sabbat-Pesach, das Lied der Lieder, das „Hohe Lied", ein Teil der Heiligen Schrift, ist Gemeingut der Kulturwelt. Im Sohar, dem Hauptwerk der Kabbalah, heißt es darüber: „Im Hohen Lied ist die ganze Thora enthalten; denn es spricht über das Geheimnis der Väter, über die Verbannung Israels unter die Völker und ihre endliche Befreiung." In Wahrheit ein Liederkranz von Liebesliedern! „Das Zarteste und Unnachahmlichste, was uns von Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger Liebe zugekommen", sagt Goethe, der es auch ins Deutsche übersetzt hat. - Endlich der Talmud-Traktat Pesachim! Mit den Vorschriften dieses Buches haben die Juden seit ihrer Verbannung am engsten zusammengelebt. „Beim Anbruch des 14. Nisan sucht man nach dem Gesäuerten beim Lichtschein." Das Mischnah-Hebräisch dieses Einleitungssatzes klingt auch den vom Talmud Abgewandten als ein vertrauter Klang ins Ohr. Die Fülle des Stoffes in den zehn Abschnitten, die weltgeschichtliche Beziehungsreichtum in den Vorschriften dieses Traktates erschließt sich freilich nur einer west-östlichen Bildung, wie sie heute kaum anzutreffen ist. Das schulgerechte „Lernen" des Religionsgesetzes führt auf diesem Gebiet so wenig zu einem vollen Sach- und Sinnverständnis, wie die moderne Methode der philologisch-historischen Textinterpretation. Mehr als eine nachdrückliche Erinnerung an die vier klassischen Pesach-Bücher ist hier nicht bezweckt, zumal hier in diesen Blättern in den letzten drei Jahren hintereinander Haggadah, Machsor (besonders das Tau-Gebet) und Hohes Lied sachverständig und eingehend behandelt wurden. Bleibt noch eine Frage! Die Beschäftigung mit den vier genannten Schriftwerken hat außerhalb des engen Kreises der gesetzestreuen Juden so gut wie aufgehört. Auch die Pflege in diesem engen Kreis ist nur mehr der abendrötliche Abglanz der alten sicheren Kennerschaft. Was kennt man außerberuflich jetzt, nachdem die Kenntnis von altjüdischem Brauchtum und des Systems der Pflichtenlehre abgeblaßt ist oder aufgehört hat? Diese Frage mündet ein in die allgemeine Frage des Abbruches tieferer Bildung in der heutigen Welt und fordert die gleiche Antwort. Deutscher Geist, deutsche Bildung in Gefahr! Jüdischer Geist, jüdische Bildung in Gefahr! Die gleiche Zeiterscheinung, die gleichen Ursachen! Denn bewahrte Erinnerung, die lebendig bleibt und zur Neuschöpfung noch imstande bleibt, ist der Nährboden für jede Art geistiger Haltung. An das heikle Gebiet des Wahrheitssinnes, der intellektuellen Redlichkeit und ihres Widerstreites mit gewissen religiösen Grundhaltungen rühren wir damit noch gar nicht. Hier geht es nur um die viel begrenztere Angelegenheit des Wissens und wahrer Geistesbildung, in die der deutsche Jude Wissen um das Judentum unbedingt einzubeziehen hat. Gegen das Geltenlassen dieses Wissens steht heute ganz allgemein die geringe Einschätzung des Rationalen und der bewußt bewahrten und gepflegten Erinnerung. Vor allem die vom Zweck und vom Fortkommen beherrschte Jugend des Fortschrittes und der erfolgsichernden Ertüchtigung steht gegen jede