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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-04-01 · 7 (1.4.1932) · p. Seite 102

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
7 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 jüdischen Lebensverhältnisse im 17. u. 18. Jahrhundert nur mehr auf der Höhe der Volkskunst gehalten. Das wichtigste Merknral hiefür, die Beibehaltung veralteter Formen, zeigt sich überall deutlich, besonders im Synagogenbau, wie dies die im Jahre 1711 erbaute Frankfurter Synagoge beweist, die trotz des zur Entstehungszeit herrschenden Hochbarocks noch eine in gotischen Formen ausgeführte Halle zeigte. Ebenso ist die noch stehende Fürther Synagoge und manche andere des 17. und 18. Jahrhunderts unter Benützung von längst nicht mehr lebendigen Stilinotivcn aufgeführt worden. Diese Erscheinung macht sich aber auch in den Werken jüdischer Kunsthandwerker geltend. Als interessantes Beispiel hiefür dienen besonders die Decken- und Wandmalereien des Elicser Susmann GaZ, die sich in verschiedenen fränkischen Synagogen befanden und befinden. Daneben sind die Erzeugnisse der Textilkunst, die Parochoth, und Miniaturen, wie sie das im Jahre 1571 in Köln geschriebene Machsor der Sammlung Elkan Adler und spätere nicht minder bedeutsame Werke von jüdischer Hand enthalten, Belege dieser inneren und äußeren Wandlung der künstlerischen Erscheinung. Die Qualitätseinbuße ist besonders dadurch fühlbar, daß die gleichzeitigen Silbergcräte für den religiösen Gebrauch, der Thoraschmuck, die Menoroth und andere Gegenstände als Erzeugnisse nichtjüdischer Künstler teilweise noch große Kunst repräsentieren. Wenn bei dieser Betrachtung doch von jüdischer Kunst gesprochen werden darf, so hängt das damit zusammen, daß der Stilcharakter für die Beurteilung dieser Frage nicht allein entscheidend sein kann. Wenn es auch einen jüdischen Stil nicht gibt, so ist doch vom Kult her durch die innere Geschlossenheit der kultischen Tendenz das Vorhandensein einer jüdischen Kunst unbedingt zu bejahen. Dies gilt aber nur für diesen engeren Nahmen; die moderne Kunstübung durch Juden, soweit sie weder kultisch noch stilistisch etwas mit Judentum zu tun hat, kann nicht als „jüdisch" bezeichnet werden. Diesen Ausführungen von Prof. Lill schloß sich zunächst eine kurze Vorführung der wichtigsten Neuerwerbungen des Vereins an. Dann besaß der Hausherr, Herr Dr. Heinrich Feuchtwanger, die Freundlichkeit, seine Sammlung von künstlerisch geformten Gegenständen für den jüdischen Gebrauch im einzelnen zu zeigen und zu erläutern. Der Sammler beschränkt sich bewußt auf Gerätschaften des häuslichen Kultes und hat innerhalb dieses Rahmens die verschiedenen charakteristischen Gestaltungen geschickt erfaßt. Dem anregenden Vortrag und den Denronstrationcn ging ein Bericht des 1. Vorsitzenden, Rabbiner Dr. Baerwald, voran, aus dem sich die befriedigende Entwicklung des Vereins ergab. Zur Zeit beträgt der Mitgliederstand 6 körperschaftliche und 109 persönliche Mitglieder. Centtal-Verein — Vortrag Holländer In der Ortsgruppe des Centtal-Vereins sprach am 17. März Herr Dr. Ludwig Holländer im großen Saal des Künstlerhauses über „Politische und wirtschaftliche Erschütterungen in ihren Auswirkungen auf die deutschen Juden". Der Einladung waren mehr als 500 Mitglieder der Münchener Gemeinde aller Richtungen gefolgt, so daß der große Künstlerhaussaal kaum die Zahl der Erschienenen fassen konnte. Herr Dr. Holländer würdigte zunächst in überlegener Weise das Wahlergebnis und betonte vor allem, daß das Ansteigen der nationalsozialistischen Ziffern nicht übersehen werden dürfe. Die bevorstehenden Länderwahlen stünden noch immer unter dem Druck einer Stimmung, die sowohl durch die gefährliche außenpolitische Situation Deutschlands, wie durch die zerrissene seelische Haltung des deutschen Volkes genährt werde. Besonders schlimm lägen die Verhältnisse im deutschen Osten, da die Bedrohung durch Polen eine wirchklich ernst zu nehmende Gefahr sei. Die wirtschaftliche Not verstärke die Hoffnung auf ein Wunder und tteibe den Nationalsozialisten Massen zu, die den Versprechungen auf einen plötzlichen Umschwung und auf eine Besserung glauben würden. Die Not hat auch im stärksten Maße die jüdischen Kreise ergriffen. Diese wirtschaftliche Not habe eine seelische Haltung erzeugt, die dahin geführt habe, daß Gründe der Vernunft Menschen nicht mehr überzeugten. Daraus lasse sich der Erfolg Hitlers erklären. Cr nütze diese seelische Lage mit der Handhabung aller kollektiven Führungsmittel aus. Deren Bedeutung zeige sich darin, daß heute die Rede wirkungsvoller sei als die Zeitung, ferner in der Anziehungskraft politischer Uniformen, Sprechchören usw., vor allem aber in der Anbetung des Machtgedankens. Auch ohne seine Judenfeindschaft käme hier der Nationalsozialismus in Konflikt mit dem Judentum. Denn die Durchsührung des jüdischen Lebens habe nicht zum Ziel die Macht, sondern die Einigung der Menschheit. Zum Schluß wies Herr Dr. Holländer auf den großen Gedanken der Liberalität hin, der nicht als überlebt betrachtet werden dürfe und die Grundlage aller jüdischen Existenz wäre. Syndikus Dr. C a h n m a n n betonte in seinem Schlußwort, daß diejenigen geistigen Strömungen in Deutschland, die ein neues Reich . ausbaucn wollen, nicht im Gegensatz stehen müssen zu einem Judentum, dem seine eigenen Überlieferungen gegenwärtig sind. Wir müßten uns infolgedessen mehr als bisher gegen die zersetzenden Elemente im eigenen Lager wenden. An der Versaurmlung nahmen auch Vertreter der Ortsgruppe Ingolstadt des C.V. teil. Die Leitung hatte der Vorsitzende der Ortsgruppe München, Herr Rechtsanwalt Dr. Alfred Werner, übernommen. Die eindrucksvolle Versammlung wurde gegen I l Uhr geschlossen. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe München e. V. Kameradschaftlicher Abend am Mittwoch, dem 13. April 1932, in der Gaststätte Schwarz, Schlosserstraßc 2. Jüdischer Kulturverein I. L. Perez, München Samstag, dem 2. April, abends 9 Uhr, Lessingsaal, Hcrzog-Rudolf- Straßc 1: Lichtbildervortrag Herr Theo Harburger „Hagadah". Samstag, den 9. April, abends 9 Uhr, Lessingsaal, Herzog-Rudolf- Straße 1: Herr Geh. San.-Rat Dr. Eugen Doernberger „Leben und Sterben der Völker". Wir bitten unsere Mitglieder und Freunde in Anbetracht dieser sehr interessanten Themen sich diese Abende für den Jüdischen Kulturverein I. L. Perez zu reservieren. Gäste herzlich willkommen. Zionistische Ortsgruppe München Herr Prof. Dr. Paul Rohrbach wird am Samstag, den 23. April, abends 8.30 Uhr, im Kunftgewerbesaal, Pfandhauöftraße 7, über „Erfahrungen und Erlebnisse in Palästina" sprechen. Der Redner ist einer der ersten deutschen Weltpolitiker, der die Bedeutung des nahen Ostens und im Zusammenhang damit die Wichtigkeit des Zionismus für die Entwicklung des vorderen Orients im Rahmen der Weltwirtschaft erkannt hat. Sein Vortrag dürfte größtes Interesse beanspruchen und ein zahlreiches Publikum finden. vücderschou Otto Heller, Der Untergang des Judentums. Verlag für Lit. u. Politik. Wien u. Berlin 1931. Das Buch, das aus dem Schrifttum zur Judenfrage in den letzten Jahren am meisten von sich reden machte! Gemeint ist nicht wie in Teilhabers gleichnamigem Buch vor 20 Jahren das Verschwinden der Juden durch Assimilation und Schwund ihrer Bestandsziffer, sondern der „Untergang" ihrer bisherigen ökonomischen Grundlage nach dem angeblichen russischen Beispiel, also Lösung der Judenfrage durch den Sozialismus. Heller entwirft zuerst einen Geschichtsabriß der Juden von den ersten Anfängen bis zur Gegenwart. Dieser Teil ist schlechthin mangelhaft, willkürlich und fundamentlos. Der Verfasser will von der materialistischen Geschichtsauffassung von Karl Marx aus die Verknüpfung des jüdischen Weltschicksals nrit der Entwicklung der menschlichen Produktionsverhältnisse beschreiben. Selbst wenn man sich die Geschichtsauffassung Hellers zu eigen machen wollte, ist sein Unternehmen gegenüber den bisherigen Versuchen nach der gleichen Richtung, also gemessen an den Arbeiten von Karl Marx, Kautsky, Sombart, Max Weber, die alle die Judenfragc in weithin berühmten Werken von der gesellschaftlich-ökonomischen Funktion der Juden in der Vergangenheit her behandelt haben, ein großer Rückschritt. Wichtig und dokumentarisch wird das Buch von Heller erst als statistisch-archivalische Studie über die Juden im heutigen Rußland Kaffee Konditorei Feldherrnhalle Inhaber: ADOLF ZIMMER, früherer langjähriger Direktor Hotel Excefsior Fernsprecher Nr.91447 Wiener Kaffee und nur erstklassige Getränke Feinste eigene Konditoreierzeugnisse mit garantiert reiner Butter! Lieferung frei Haus

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