Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 7 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 103 unter dem Regime der Sowjets. Dieses Regime wird vom Verfasser absolut bejaht. Für ihn zeigt sich die schöpferische Kraft des Kommunismus gerade in der Lösung der Judenfrage. Er will mit Zahlen und Diagrammen beweisen, daß die soziale Befreiung der Juden in der Sowjetunion durch systematische Eingliederung in das industrielle und landwirtschaftliche System der dortigen kommunistischen Planwirtschaft so gut wie gelungen ist. „Die jüdischen Städtchen in Weißrußland und in der Ukraine", heißt es an einer Stelle, „sind nicht mehr Clendshaufen von kleinen Händlern, hungernden Handwerkern und Heimarbeitern, Luftexistenzen und einer ausweglosen, im Chederdunkel verkümmernden Jugend. Die Juden des Städtchens verwandeln sich in Bauern, Arbeiter und Erzeuger von Bedarfsartikeln des flachen Landes, die hergestellt werden in kollektivierten Handwerksbetrieben für das kollektivierte Dorf." Am werwollsten ist der letzte Teil, das „Protokoll" einer Reise, die der Verfasser im Sommer 1930 durch „Birobidjan" im äußersten Osten der Sowjetunion am Amur in Sibirien gemacht hat. Birobidjan ist das östliche Ansiedlungsgebiet der russischen Regierung für Juden. Heller glaubt an das Gelingen dieses Experiments; der jüdisch-religiösen wie der jüdisch-nationalen Idee („Die Unweisen von Zion"!) ist sein kommunistischer Glaube gleichmäßig entgegengesetzt. Heller besuchte alle jüdischen Kolonien in Rußland persönlich. Darin liegt der besondere Wert seiner Schilderung des Verhälmisses der Sowjetmacht zur Judenfrage.— Das Buch von Heller hat in der jüdischen und nicht-jüdischen Presse die größte Beachtung gefunden, von jüdischer Seite begreiflicherweise die schärfste Ablehnung. Aber cs hat die ideologische Auseinandersetzung mächtig angeregt. Da die jüdische Jugend in Deutschland vor den gleichen ausweglosen Problemen wie die ganze deutsche Jugend steht, die nationalsozialistische Flucht in das Exerzierreglement ihr versperrt ist, so verfallen zur Zeit auch viele jüdische junge Leute den kommunistischen Jdeengängen. Die jüdischen Blätter hallen wider von den geistigen Kämpfen gegen diese Strömung. Namentlich der Zionismus, aber auch die beiden anderen Richtungen sind davon betroffen. Das Hellersche Buch bietet das Ideen- und Tatsachenmaterial von der kommunistischen Seite her. Das Buch der Gegenseite ist noch nicht geschrieben. F. Ernst Marcus, Das Rätsel der Sittlichkeit und seine Lösung. Mit besonderer Berücksichtigung des Sexualproblems (sog. Revolution der Jugend). 232 Seiten. Verlag von Ernst Reinhardt in München, 1932. Preis brosch. 8.50 NM., Leinen 10.50 RM. Für Kant, den Entdecker der „völlig neuen Wissenschaft", ist die Ethik der wichtigste Teil der Lehre, „die Krone des Gebäudes". Das gleiche gilt für Marcus, der sein ganzes Leben ausschließlich darauf verwandt hat, Kants Lehre zu durchdringen, zu erläutern, anzuwenden und auszubauen. Seinem „Gesetz der Vernunft" (in 2. Auflage: „Der kategorische Imperativ") wollte Marcus eine logische Ethik folgen lassen. Bis zum letzten Lebenstag hat er an dem Werk gearbeitet. Leider ist er nicht mehr dazugekommcn, alle Entwürfe auszuführen und die Niederschriften zu ordnen. Ein Kuratorium, das sich aus seinen nächsten Angehörigen und Freunden seines Werkes zusammensetzt, hat seine gesamten Aufzeichnungen nach Materien geordnet und herausgegeben. Wenn man wagt, das Lebenswerk eines Mannes, wie das von Ernst Marcus, welches wie bei allen Philosophen durch eine wahre sachliche Ethikgekrönt wird, zu besprechen, so muß man nicht nur das eine Werk, sondern auch die übrigen Schriften dieses Philosophen kennen und würdigen. Daneben muß man aber die Probleme, um die es sich handelt, selbst im tiefsten Innern erlebt und erfaßt haben. Die Ethik von Marcus greift an die Wurzel alles Ctischen überhaupt, nämlich an das Gesetz im Menschen. Dieses Gesetz, von dem der Mensch Kenntnis hat, so lange er unreif ist und mehr oder weniger triebhaft lebt, Erkenntnis aber, sobald er reifend Menschenwürde zeigt. Dieses „Gesetz" in die Mitte aller ethischen Anschauung gestellt zu haben, ist das unsterbliche Verdienst dieses Mannes, dessen Leben darin bestand, den Fußtapfen des großen Kant zu folgen, dessen Werke in sich zu verarbeiten, sie dann den Menschen in einer Form zu hinterlassen, die geeignet ist, die schweren Gedankengänge Kants auch dem Laienpublikum nahe zu bringen. Diesem sei besonders das Buch „Kants Weltgebäude, eine gemeinverständliche Darstellung in Vorträgen" (erschienen im Verlag C. Reinhardt München) empfohlen. Doch nicht nur Kantinterpret ist Marcus. Cr stieß in seiner ernsten tiefen Forschung auch auf die Lücken, die Kant offen gelassen hat. Lücken, die unter Kants Nachfolgern in unüberbrückbare Spalten sich zerklüfteten. Diese Lücke ist das Auseinanderklaffen zwischen der Kritik der reinen Vernunft und der Grundlage zur Metaphysik der Sitten. Auch Marcus überbrückt diese Schlucht noch nicht, doch kommt ihm das Verdienst zu, die Ethik wieder der Kritik der reinen Vernunft unterzuordcn, indem er die Grundlage aller Metaphysik der Sitten dem Gesetz im Menschen als Uhrwerk alles Seins die gebührende Stellung anweist. Hier gibt' er die Richtung des Weges an, die die zukünftige Philosophie zu schreiten hat, um die Ethik als Königin der Wissenschaft zu krönen, den Menschen den inneren Halt und Frieden zu geben, die beide der Menschheit so bitter nötig sind. Gerade das Judentum müßte das größte Interesse haben, diesem Schrittmacher der hohen ethischen Begründung seiner uralten Religion einen ehrenden Nachruf zu weihen. Rühren doch seine Worte an das Grundgesetz, worauf Moses seine Erkenntnisse und Lehren aufbaute. Kant hat uns in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten den kategorischen Imperativ vor Augen geführt. Aber das „Du sollst" sollte eine klare eindeutige Begründung haben, die uns Kant als eindeutiges Sittengcsetz schuldig blieb, jedoch als Kritik des reinen Verstandes restlos gab. Kants Nachfolger haben, was Marcus mit seinem klaren, durchdringenden Blick erkannte, die Ethik und die Kritik auf einen Nenner zu birngen versucht. Anna W e st e r m a y e r. Das früheste Vorkommen der Juden in Deutschland. Juden im römischen Trier. Nach historischen und archäologischen Quellen. Von Dr. A d o l f A l t m a n n , Öberrabbiner in Trier. Mit 9 Bildern. Herausgegeben von der Gesellschaft für nützliche Forschungen und dem Provinzialmuseum in Tirer. Kornmissionsverlag der Paulinusdruckerei G. m. b. H., Trier 1932. Preis 1.70 RM. Mit den Ergebnissen dieser Arbeit trat der Verfasser, dessen Geschichte der Salzburger Juden bekannt geworden ist, zuerst in einem Vortrag vor der „Gesellschaft für nützliche Forschungen" in Trier Ende 1930 hervor. Die Veröffentlichung erfolgte später in der „Festschrift für die 58. Versammlung Deutscher Philologen", die als Doppelheft der „Trierer Zeitschrift" (Jahrgang VI, Heft 2 u. '3) erschien. Der vorliegende Abdruck ist eine besonders ausgestattete Sonderausgabe aus der Festschrift. Sie kann allen jüdischen Kreisen aufs angelegentlichste empfohlen werden, nicht nur wegen ihres reichen historischen und archäologischen Materials, vor allem wegen des grundsätzlich so wichtigen Stoffes selbst. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung soll hier unterbleiben. Die Köpfe von römischen Terrakotten wegen der „Judennasen" und der Zirkumzisionszeichen als jüdische Karrikaturen anzusehen, halte ich noch nicht für schlüssig. Nur der Vergleich mit den süditalienischen antiken Ausgrabungen mit ihren zahllosen Phallen und Grotesken kann hier beweiskräftig sein. — Lehrreich besonders die Beschreibung der jüdischen Lainpen als Grabbeigaben, besonders die Auswertung der talmudischen Erzählung Ketubbot 103a (bei Altmann Fußnote 113). F. MKKM DAS preiswürdige MÜNCHNER TUCHHAUS BONNENSTRASSE 8 IM PHÖBUSPALAST BiOXULTBA - Zahnpasta BiOX-ULTRA ist die schäumende Sauerstoff-Zahnpaste, deren biologische Wirkung wissenschaftlich anerkannt ist