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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-04-01 · 7 (1.4.1932) · p. Seite 101

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
7 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 101 O CAFE | m W DER VORNEHME AUFENTHALT IM KONDITOREI I I 1 STADTZENTRUM - WEINSTRASSE 4 TÄGL. GEÖFFNET H VON 8 UHR VORM. H BIS 1 UHR NACHTS W Schande des Jahrhunderts, zu bekämpfen. Christen und Juden wirken dabei brüderlich in vorbildlicher Einmütigkeit zusammen. Die Grundlagen der gemeinsamen Arbeit seien nationales Bewußtsein, Religiosität und die Verantwortung, die wir als Kulturmenschen des 20. Jahrhunderts zu tragen haben. Die einzige Waffe in diesem Feldzug sei die Wahrheit. „Wir können und wollen es nicht dulden, daß von Leuten, deren sittliche und staatsbürgerliche Qualität keineswegs einwandfrei bestätigt ist, unsere jüdischen Mitbürger zu Menschen zweiter Klasse gestempelt und erniedrigt werden." „Cs ist unser nicht würdig, die schamlose Judenhetze in unserem Lande zu dulden." Der Anteil der deutschen Juden am deutschen Kultur- und Geistesleben ist jedem geläufig, der jüdische Familien kennt. Die gesamte christliche Welt, besonders die deutsche, habe ihrerseits jüdisches Geistesgut sich zu eigen gemacht. Das geistige Vermächtnis des Judentums ist die Bibel. „Wir wollen dartun, wie der größte deutsche Dichter dieses Vermächtnis erkannt und aus dem Born jüdischen Geistes geschöpft hat." „Wir wollen aber auch zeigen, wie dem deutschen Judentum deutsche Kultur Herzenssache ist, wie es sich nicht anders als wir selbst zu Goethe bekennt." „So bitten wir Sie cs zu verstehen, wenn wir Herrn Dr. Baerwald, das allseits verehrte geistliche Oberhaupt der jüdischen Gemeinde Münchens, gebeten haben, über Goethe und das Alte Testament'zu sprechen." Aus der gleichen Erwägung sei das jüdische Kammerorchester um seine Mitwirkung gebeten worden. In seinem groß angelegten Festvortrag gab Herr Rabbiner Dr. Baerwald ein bannendes Bild von Goethes Leben unter dem Aspekt des biblischen Stoffes in seinen Werken und der Ideenwelt der Bibel in dem Schaffen des Dichters. Von der Kindheit an bis zum Greisenalter, da der Dichter „eingeerntet wie eine Garbe, zur vollendeten Zeit" den Patriarchentod stirbt, begleitet ihn der Gestalten- und Gedankenreichtum der Bibel, aus der er bewußt in jedem Lebensstadium umbildend schöpft. In einer ausführlichen Würdigung des Vortrages bemerkt einer unserer angesehensten Münchener Kritiker in der „Münchener Zeitung": „Vielleicht läßt sich nichts gedankenlosem Judcnhasse überzeugender entgegenhalten, als was der deutsche Geist im Gipfel Goethe dem Geist des Judenvolkes dankt." — Das große alte Lehrbuch der Völker war auch das Lehrbuch des jungen Genius, biblische Stoffe drängt es schon das Kind, zu gestalten, ein „Josephs-Epos" war des Knaben erstes großes Gedicht. Und wieder in Straßburg, in der Titanenzeit, als er mit Prometheus, Mahomet, Cäsar rang, tauchten Simson, Delila, Mose vor seinem geistigen Auge auf, wurden in Gesprächen, auf Fetzen, fragmentarisch hingcschlcudcrt. In den Werken des Mannes sind Worte und Wahrheit der Bibel wie Brote im Schrank eingcschlossen, in seinen Briefen biblische Bilder, in Gedichten und Hymnen Sprachglut des Propheten. Und als der Greis den Faust vollendet, die Krone der Werke, da steht am Anfang des Gedichtes — im tiefsten Sinne zu Recht! — das Gleichnis aus dem Buche Hiob, tut sich am Ende der biblische Himincl allhüllend auf. Wir müssen es uns hier versagen, der gedankenreichen Interpretation zu folgen, mit der der Redner den einzelnen Goetheschen Werken — etwa der „Iphigenie", dem „Faust", dem „West-östlichen Divan" — von dem gewählten Blickpunkt aus nachging. Cs ist vielleicht Gelegenheit, noch im Goethejahr einen Auszug des Vortrages in diesen Blättern abzudrucken. Dem großen Gedanken des Abends entsprach auch die Wahl der die Ausführungen der beiden Redner umrahmenden klassischen Tonschöpsungen, Glucks Ouvertüre zu „Iphigenie in Aulis" und Beethovens „Geschöpfe des Prometheus" durch das verstärkte jüdische Kamme r o r ch e st e r. Die junge Jnstrumentalvercinigung, vor allem durch einen gut geschulten Streichkörper ausgezeichnet fundiert, zeigte sich in jeder Hinsicht ihrer verantwortungsvollen Aufgabe gewachsen und verriet in der Wiedergabe der beiden Werke lobenswerte, von künstlerischem Ernst getragene Eigenschaften. Allerdings besitzt sie in Erich E r ck einen Führer von ausgesprochener Dirigentenbegabung, der nicht nur durch sorgfältiges Ausfeilen des klanglichen Clements ein klares polyphones Bild erstehen zu lassen sich bestrebt, sondern auch durch lebhafte Einfühlung in Stil und Geist der Komposition seine Auffassung dem Hörer zu vermitteln weiß. Der den Vorträgen gespendete herzliche Beifall war redlich verdient und man darf der Weiterentwicklung des jüdischen Kammerorchesters mit voller Zuversicht entgegensehen. Tendenzen der jüdischen Kunst in Deutschland Vortrag von Professor L i l l Der „V crein für jüdische Museen in Bayern E. V." hat bei seiner zweiten ordentlichen Mitgliederversammlung am 16. März d. I. seinen Mitgliedern und Freunden Gelegenheit geboten, sehr einprägsame Ausführungen des Direktors des Bayrischen Landesamts für Denkmalpflege, Herrn Prof. Dr. Georg L i l l, über „Tendenzen der jüdischen Kunst in Deutschland" zu hören. Der Vortragende ging davon aus, daß ihm aus seiner beruflichen Tätigkeit als Denkmalpflege! und seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit der kirchlichen Kunst die Zeugnisse jüdischer Kunstbetätigung nicht fremd geblieben seien, obschon ihm als Nichtjuden natürlich die innere Beziehung nicht gegeben sei. Dem Außenstehenden, dem im allgemeinen dies Gebiet fast völlig verborgen sei, aber auch — wie er glaube — vielen Juden sei es überraschend, einen ungewöhnlichen Reichtum der Formen und der künstlerischen Ausdrucksweise zu entdecken. Dabei entspricht es der Natur der Tatsache, daß die kultischen Tendenzen die äußere Erscheinung bestimmen und sich der Kunstsprache der Umwelt bedienen. Man kann infolgedessen nicht von einem eignen jüdischen Stil im Synagogenbau und der Inneneinrichtung sprechen, hier kommt vielmehr die Assimilation .an die Wirtsvölkcr zum Ausdruck. Das bemerken wir schon bei den durch Ausgrabnngcn wieder gefundenen Spuren von Synagogenbauten in Galiläa, die das Schema des basilikalcn Baues, wie für die Kirche, so auch für die Synagoge belegen. Das herrschende Stilelement, die hellenistische Kunstform drückt sich in diesen Zeugen aus spärklassischer Zeit aus. Der Zerfall der antiken Welt vervollständigte die Zerstreuung der Juden in die Länder, deren Kultur sich erst im Entwicklungsstadium befand. 'Aus dieser Zeit besitzen wir nur literarische Nachrichten über das Vorhandensein und gelegentlich über die Geltung der Juden; erst zu Beginn der Festigung der Kunstentwicklung begegnen wir auch jüdischen Kultbauten, Zeugen monumentaler Kunst. Diö nur noch zu ihrem geringsten Teile erhalten gebliebenen Bauwerke bekunden den engen Zusammenhang nrit der herrschenden, erst romanischen, später gotischen Kunst. Als ehrwürdigste Denkmäler sind die noch vollständig auf unsere Zeit überkommene Synagoge in Worms, die in ihren einzelnen Teilen verschiedene Bauzeiten repräsentiert, und die beiden dortigen Mikwoth hervorzuheben. Nach der gründlichen Untersuchung Krautheimers ist der Einfluß der Wormser Dombauhütte aus die bei der Errichtung der Synagoge tätigen, z. T. jüdischen Steinmetzen erwiesen. Das gleiche darf für das hochinteressante Judcnbad in Speyer gelten, das mit der längst zerstörten Synagoge um 1100 entstanden ist. Hier haben die neuesten Arbeiten des Landcsaints für Denkmalpflege den Nachweis erbracht, daß die gleichen Kräfte an den kirchlichen wie an den jüdischen Kultbautcn schufen. Für die Jahrhunderte der gotischen Kunstepoche ist das nämliche zu beobachten. Die nach 1516 errichtete Altncuschule in Prag, die in den bekannten Kupferstichen Albrccht Altdorfers uns überlieferte Regensburger Synagoge verraten den Zusainmenhang mit dein Kunstschaffen ihrer Entstehungszeit. All das gilt aber nicht nur für die Werke der 'Architektur, sondern ebenso für-die nicht minder monumentalen Schöpfungen der Miniatoren. Hier haben wir es vielfach mit Werken aus jüdischer Hand zu tun, die die gleiche künstlerische Qualität und den gleichen Stil bekunden, der damals herrschte. Man darf dabei nicht vergessen, daß in diesen Zeiten auch eine bedeutende Blüte des Geisteslebens bei den Juden Europas zu konstatieren ist. Als besonders wichtige Zeugnisse der enge mit dem Schreibwesen verbundenen Zicrkunst sind hervorzuheben die im Jahre 1295/96 von Nathan ben Sim'on ha-Levi geschaffene Handschrift der Mischne-Thora, der heute in Mainz ausbewahrtc Raschikommentar aus dem 12. Jahrhundert und als eine bemerkenswert schöne 'Arbeit der noch unedierte, aus Würzburg stammende Pcntatcuchkommcntar der Münchener Staatsbibliothek. Für die Verbreitung der Kenntnisse von solchen Werken sind die mustergültigen Ausgaben der Darmstädter Haggadah und der berühmten Serajevocr Haggadah, die als Beispiel für die spanische Miniatorenkunst dient, von größter Wichtigkeit geworden. Der gewaltige Einschnitt in die innere und äußere Lebensführung der deutschen Juden, den ihre Vertreibung aus den Städten bedeutete, hat nicht allein ihre soziale, sondern auch ihre kulturelle Stellung herabgedrückt. Infolge dieses sich auf mehr als ein Jahrhundert erstreckenden Vorgangs ist auch der Wert der künstlerischen Produkte von ihrer monumentalen Höhe herabgesunken und hat sich nach der Konsolidierung der

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