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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-04-01 · 7 (1.4.1932) · p. Seite 98

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
7 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Pasternak offenbar nicht nur der russischen Kulturwclt angehörte und der westeuropäischen, die ihm München und Berlin verkörpern, sondern daß er auch Fühlung mit der jüdischen hat. Jüdische Themen und repräsentative Menschen haben ihn immer interessiert. Seine „Klesmer" sind berühmt als Symbol des vcrquältcn und zugleich verklärten jüdischen Dorfmusikantcn und träumend überwindenden Ghettojuden. Weniger bekannt ist, daß Pasternak sich auch theoretisch mit judcndarstcllender Kunst beschäftigte: daß er eingehende Rembrandtstudien getrieben und mit einem deutschen Kunstgclchrten gemeinsam ein hebräisch und russisch geschriebenes Werk über den großen Holländer verfaßt hat, das seine klassischen Judenbilder in schönen Reproduktionen lückenlos vereinigt. Man kann sich denken, was es für den Maler und Juden bedeutete, als ihn vor über einem Jahrzehnt die Zionisten cinluden, an einer Palästinafahrt teilzunehmen. „Durstig sogen seine Augen", sagt Max Osborn darüber, „den Rausch von Farben, das Gewimmel des altorientalischen und neujüdischcn Wesens, die stumme Herbheit der heroischen Landschaft in sich." „Ein innerer Jubel durchtobtc ihn. Ein ganzes Füllhorn nie geahnter Eindrücke schüttete sich über ihm aus." Man muß die Mappe mit den zahllosen farbigen und schwarzen Skizzen gesehen haben, die Pasternak zurückgcbracht hat, um zu ahnen, welch Fieber der Begeisterung und welches Glück der Fruchtbarkeit dort aus ihm schufen. Fast unbegreiflich, wie zwei Menschenhände in so wenig Wochen eine so märchenhafte Fülle hcrvorzaubern konnten. Aber nicht nur die Zahl, auch die Art dieser Schöpfungen ist ein Wunder. Vieles ist wirklich wie in: Fluge geboren, noch die nachschaffendc Phantasie saust unwillkürlich mit dem gleichen Schwünge über die Blätter, in dem künstlerischer Furor sie geschaffen. Trotzdem ist sieghafte Reife in den Produktionen. Die Pastelle, die die Galerie Hartberg in Berlin zum 60. Geburtstag zeigte, „Jerusalem", „Rahels Grab", „Am Davidstor", „Prozession zu Schimon ha Zaddiks Grab" oder die Ölbilder „Thoralehrer an der Me'ir Bal Ress" und „Safed" gehören zum Schönsten, was wohl überhaupt im Heiligen Lande über das Land hcrvorgcbracht ist. Hoffentlich bringt die Jubiläumsinappc, eine deutschsprachige Neuauflage der seinerzeit von Max Osborn besorgten hebräischen, recht viele dieser Palästinawerke. Judentum und Von Dr. Leo IV. Karl Marx So wie der Schlüssel zu Ferdinand Lassales Theorie sein Leben ist, so ist der Schlüssel zum Leben von Marx seine Theorie; Karl Marx gelingt im Gegensatz zu Lassale der Durchbruch zur universalistischen Weltanschauung. Wenn wir das Leben und das Wirken von Karl Marx nach jüdischen Dokunicntcn untersuchen wollen, so finden wir eigentlich nur jene eine berühmte und berüchtigte Schrift „Zur Judenfrage", die er in den von Arnold Rüge hcrausgegcbcncn deutsch-französischen Jahrbüchern 1843 veröffentlichte. Und wollen wir sonst noch etwas Biographisches für seine Stellung zum Judentunr als bezeichnend ansprechen, so sind cs die Dokumente einer herzlichen, freundschaftlichen Beziehung zu Heinrich Heine: sie offenbaren eine gegenseitige Hochschätzung und Achtung, die cs gar nicht nötig hat, sich jener vorsichtigen Beobachtungstaktik zu befleißigen, die einem Ferdinand Lassale gegenüber am Platz zu sein schien. Mit freundlicher Anteilnahme kümmert sich Marx etwa um Heines literarische Sorgen: er tröstet ihn und schickt ihn zu seiner Frau, die mehr als er von Dichtkunst versiehe, wenn Heine einmal ganz untröstlich über den Angriff irgendeines Literaten aus ihn zu Marx gelaufen kommt. Aber nicht immer, so erzählt Karl Kautsky, kam Heine hilfesuchend, mitunter auch hilfebringend. Cm Fall wurde in der Marrschen Familie besonders gut in Erinnerung gehalten: „Die kleine Jenny Marx, ein Säugling von einigen Monaten, wurde eines Tages von heftigen Krämpfen befallen, die das Kind zu töten drohten. Marx, seine Frau und ihre getreue Gehilfin und Freundin, Helene Demut, standen verzweifelnd und ratlos um die Kleine herum. Da kam Heine, sah sie an und sagte: ,Die Kleine muß in ein Bad.' Mit eigener Hand richtete er das Bad her, legte das Kind hinein und rettete, wie Marx sagte, Jennys Leben." Heine als praktischer Kinderwärter — dies Bild dürfte manchen überraschen. Marx war ein großer Verehrer Heines. Er liebte den Dichter eben- 1 Vgl. die früheren Aufsätze zu diesem Thema; Gem.-Ztg. Jg. 1930, Nr. 14 (Sal. Maimon), Nr. 19 (Sigmund Freud); Jg. 1931, Nr. 16 (F. Lassale). Die Reihe wird fortgesetzt. Als Maler steht Pasternak in zwei Welten: der primitiv-originalen, träumerischen, sattfarbigen Malwelt Rußlands und der herberen, auf strenger Zeichnung aufbauenden und intellektuellen des impressionistischen Deutschlands. Bilder, wie etwa „Moskau, Winterszene" einerseits und die Portraits „Harnack" oder „Corrinth" andererseits scheinen dem ersten Blick unfaßliche Gegensätze. Aber die wundervollen Blumenstücke oder die Landschaft „Nach dem Gewitter" der Jubiläumsausstellung zeigen die verbindende Brücke. Ein dritte Malwelt, wenn auch ohne eigene Malweise, mag ihm auch Palästina bedeutet haben. Uns wenigstens will scheinen, daß die orientalische Leuchtkraft auf die spätere Farbengebung neu intensivierend gewirkt hat. Pasternaks ganzem Lebenswerke gemeinsam ist das Clement der Freude. Man könnte ihn den glücklichen Maler nennen. Alles strahlt, funkelt und glänzt, für den Siebzigjährigen genau so wie für den Jüngling. Die gute Laune scheint an seiner Wiege gestanden zu haben, Gelingen und Sieg ihm zugeflogen. Von der Angst und Qual des werdenden Genialen, vom Zweifel oder gar der Verzweiflung im Kampfe, von der Problematik des sehnsüchtig Beunruhigten auch nur, ist nichts zu finden. Auch das Leid und die Fragwürdigkeit der Kreatur wie die Tragik des jüdischen Rätsels und Schicksals, sind ihm fremd geblieben. Cr ist weder sozialer Künstler noch nationaler. Eher könnte man ihn einen bürgerlichen Künstler nennen. Er lebt im Bestehenden, im Schönen und Starken, fähig und glücklich, es in seiner Kunst zu verdoppeln. Und hier liegt wohl der tiefe Grund, weshalb es ihn nicht in Rußland ließ, als dort das Bestehende in Splitter ging, und weshalb es ihn auch nicht für die Dauer nach Palästina zwang, wo erst das Neue, noch schwankend, dämmert. Er braucht gesicherten Boden und Kultur der Reise. Dieser für einen Juden aus dem Osten merkwürdige Zug unterscheidet Pasternak von fast allen bekannten jüdischen Künstlern des Ostens. Sie sind ghettojüdisch, zumindest seelenjüdisch gebunden. Pasternak ist es nicht. Cr scheint vielmehr einer Zeit vorausgeboren, in welcher die Begriffe Judentum und Leid nicht mehr vermengt oder identisch, sondern Judentum und Daseinsfreudc zusammengewachsen, selbstverständlich eins sein werden. Israel Auerbach. deutscher Seist' Löwenthal sosehr wie seine Werke und urteilte auf das Nachsichtigste über seine politischen Schwächen. Dichter, erklärte er, seien sonderbare Käuze, die man ihre Wege wandeln lassen müsse. Man dürfe sie nicht mit dem Maßstabe gewöhnlicher oder selbst ungewöhnlicher Menschen messen. Und wie äußert sich nun umgekehrt Heinrich Heine über Marx? In einem Brief aus dem Jahre 1851 aus Paris schreibt der Philosoph Carriöre an Varnhagen folgendes: „Marx ist ein höchst geistvoller, aber schroffer Mann, der große Diktatorgelüste hat und von dem Heine sagte: Jndeß ist der Mensch bei alledem wenig, wenn er nichts als ein Scherrmesser ist." Wenn man diese Äußerung von Heine so nimmt, wie sie genommen werden muß, d. h. wenn man daran denkt, daß jenes betont Menschliche bei Heinrich Heine ja nur der Ausdruck seines qualvollen Bedürfnisses nach lebendiger Wirklichkeit ist,, die er niemals ganz erreicht, so ist mit dieser Äußerung schon etwas sehr Tiefes über Karl Marx ausgesagt: eben nämlich die vollkommene Läuterung und Auflösung aller persönlichen Lebcnswünsche und Strebungen in die eine große Idee und in das eine weltumspannende Werk, dem Karl Marx seine Dienste geweiht hat. Und aus jenem Gesichtspunkt der Unerbittlichkeit und Unbestechlichkeit, mit dem Marx an alle Erscheinungen herantritt, aus jenem Gesichtspunkt der prinzipiellen Haltung, die ein Mensch, der von einer Idee diktiert ist, allem gegenüber einnehmcn muß, aus jener wahrhaft maimonidischen Haltung ist nun auch jene Schrift „Zur Judenfragc" von Karl Marx zu begreifen. Diese Schrift ist das klassische Dokument eines Antisemitismus, dessen Geschichte noch nicht geschrieben ist, nämlich des jüdischen Antisemitismus. Diese kleine Schrift, die jeder einmal gelesen haben sollte, enthält Sätze von einer antisemitischen Härte und Pointiertheit, frei von aller Konzession und all jenen widerwärtigen Komplikationen, die nichtjüdische Antisemiten vor dem Juden als Einzelpersönlichkeiten zu machen pflegen. Zu ihr ist Marx veranlaßt worden durch zwei Arbeiten des radikalen Theologen und Junghegelianers Bruno Bauer „Die Judenfrage" und „Die Fähigkeit der Juden und Christen frei zu werden". Von Bauer wird die These verfochten, daß die Juden, um überhaupt von dem nun doch einmal christlichen Staate emanzipiert werden zu können, zunächst ihre Religion und ihren Nationalcharakter preiszugeben hätten. Und hier seht die Kritik von Karl Marx ein. Cr zeigt in sehr

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