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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-04-01 · 7 (1.4.1932) · p. Seite 99

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
7 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 99 Nr. 7 scharfsinnigen dialektischen Sätzen, wie die politische Emanzipation des Juden, die hier Bruno Bauer verficht, eine außerordentlich verderbliche und einseitige Angelegenheit ist, denn sic würde ja nur eine sehr teilweise Emanzipation und Befreiung sein. Worauf es aber ankornme, sei nicht die politische Emanzipation, die Befreiung der ganzen Menschheit von der Last der unterdrückenden Gewalt. Und die beiden wichtigsten unterdrückenden Gewalten sind ihm <L>taat und Religion, die lediglich nur noch Machtinstrumente in der Hand einer ausbcutenden kapitalistischen Herrenschicht seien. Cr findet hierbei Sätze der stärksten Bekämpfung alles dessen, was man Religion nennt. „Die Religion gilt uns nicht mehr als der Grund, sondern nur noch als das Phänomen der weltlichen Beschränktheit. Wir erklären daher die religiöse Befangenheit der freien Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit. Wir behaupten nicht, daß sie ihre religiöse Beschränktheit aufhcben müssen, um ihre weltlichen Schranken aufzuheben. Wir behaupten, daß sie ihre religiöse Beschränktheit aufhebcn, sobald sie ihre weltliche Schranke aufhcben. Wir verwandeln nicht die weltlichen Fragen in theologische. Nachdem die Geschichte lange genug im Aberglauben aufgelöst worden ist, lösen wir den Aberglauben in Geschichte auf. Die Frage von dem Verhältnis der politischen Emanzipation zur Religion wird für uns die Frage von dem Verhältnis der politischen Emanzipation zur menschlichen Emanzipation. Wir kritisieren die religiöse Schwäche des politischen Staates, indem wir den politischen Staat, abgesehen von den religiösen Schwächen, in seiner weltlichen Konstruktion kritisieren. Den Widerspruch des Staates mit einer bestimmten Religion, etwa dem Judentum, vermenschlichen wir in dem Widerspruch des Staates mit bestimmten weltlichen Elementen, den Widerspruch des Staates mit der Religion überhaupt, in den Widerspruch des Staates mit seinen Voraussetzungen überhaupt." In diesen Sätzen scheint uns ein Höhepunkt universalistischen jüdischen Denkens erreicht zu sein; universalistisch muß diese Denkinethode aninuten, die das Gescnntbereich der Wirklichkeit an den Prinzipien der Wahrheit mißt. Wenn Marx in jenen berühmten Thesen über Ludwig Um Palästinas Der Vossischen Zeitung wird in den letzten Tagen aus Jerusalem berichtet: Die geheimnisvollen Vorgänge hinter den Kulissen, die man hier seit Monaten spürt, und die merkwürdigen Palästina-Fahrten prominenter Persönlichkeiten wie AbbaS Hilmi, Lord Reading und Sidky Pascha finden allmählich ihre Aufklärung. Es stellt sich heraus, daß der Exkhedive nach nichts geringerem strebt, als dem Throne Davids. Ob er das tut, weil er sich für den Fall zu sichern wünscht, daß er den Thron der Omajjaden in Damaskus nicht bekommt, oder weil er in Syrien und Palästina zu regieren wünscht, ebenso wie König Feissal Syrien und den Irak unter seiner Krone vereinigen möchte, ist eine Frage für sich. Zum ersten Male jedenfalls sind diese Vorgänge der Öffentlichkeit bekannt geworden. Der Vizepräsident der zionistisch-revisionistischen Union, Großmann, teilte auf einer Pressekonferenz mit, er habe in Erfahrung gebracht, daß arabische Gruppen in enger Fühlung mit englischen Beamten in Palästina und in London Vorschläge für eine arabisch-jüdische Konferenz am runden Tisch ausgearbeitet hätten. Kurz danach wurden die Dokumente, die diese Vorschläge enthalten, im Wortlaut veröffentlicht. Sie sehen die Wiedervereinigung Palästinas und Transjordanienö und die Aufhebung des Mandates vor, das durch einen Vertrag nach dem Muster des Anglo-Irak-Vertrages ersetzt werden soll. In dem vereinigten Gebiet wird ein jüdischer Distrikt geschaffen, der jedoch unter der Kontrolle einer starken Zentralregierung steht. Dieser Distrikt soll das jüdische Nationalheim bilden. Ferner ist eine Volksvertretung auf der Grundlage des Zahlenverhältnisses zwischen Juden und Arabern vorgesehen. Jerusalem, das eine jüdische Bevölkerungsmehrheit von 60% hat, wird aus dem jüdischen Distrikt ausgenommen. Ein Begleitbrief einer ungenannten Persönlichkeit, geschrieben im Feuerbach den Satz prägt: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern," so sollte man nicht vergessen, außer auf den Nachsatz auch auf das „nur" des Vordersatzes zu achten. Gesteht man das zu, so bleibt immer noch die Frage des Marxschen „Antisemitismus" offen. Die jüdische Geschichtsschreibung hat ihn fast immer wörtlich (aber sehr ungenau wörtlich) aufgefaßt, und ihre Anathema über Marx stand fest. Kläglicher — und erfreulicherweise hat die nicht-jüdische Welt ihr Urteil kläglicher und objektiver gefällt. „Marx war Jude", so schreibt der Tübinger Robert Wilbrandt. „Cr war einer jener Großen, den Antisemitismus tief beschämenden Juden, die selbst viel leidenschaftlichere und tiefere Antisemiten sind.. Als ewigen Schacher und Wucher, als ein in unserer Gesellschaft eingefressenes Judenmm, als eine Verjudung unseres Lebens — so empfand und benannte die Prophetennatur dieses edlen Juden die Profitgier unseres kapitalistischen Geschäftslebens, und ich glaube, diese Empfindung entstammte demselben Blute, derselben durch Kontrast gesteigerten Reinheit und Liebe, wie das ganz analoge Empfinden bei den Propheten des Alten Testaments. ." In der Tat weist hier Wilbrandt auf das Ethos jenes jüdischen Antisemitismus hin, der, im 19. Jahrhundert durch Moses Heß inauguriert, von Heine bald pathetisch, bald sarkastisch unterstützt, ihren Höhepunkt in Marx findet: Im Hintergrund seiner Schrift ist der Gedanke: es darf nicht sein, daß Judentum überhaupt Symbol für Gewalt, Entrechtung, Kapitalismus werden kann. Zweierlei bleibt bestehen: einmal der Protest gegen die Tatsache, daß Judentum Symbol der Gewalt sein kann, und zum zweiten die jüdisch-universalistische Art, in der dieser Protest in die Tat umgesetzt wird: „Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen realen Judentum, wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit. Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht." Aber eben auch die Idee des jüdischen Rechts in seinen Prinzipien verwirklicht! Königsthron Namen des Mufti von Jerusalem, spricht davon, daß Abbas Hilmi diese Vorschläge den Arabern unterbreitet hat. Der Vorsitzende der Palästina-Exekutive der Iewish Agency, Dr. Arlosoroff, erklärte auf einer Pressekonferenz die Dokumente für unecht. Die Revisionisten dagegen glauben an die Echtheit der Dokumente, die übrigens keineswegs den Eindruck einer Fälschung, sondern eines vorsichtig aufgesetzten diplomatischen Schriftstückes machen. Sie tragen keine Firma und keine Unterschrift, also nichts, wodurch Fälscher im allgemeinen ihrer Arbeit den Charakter der Echtheit geben wollen. Sie sehen daher ganz wie ein Versuchsballon aus, der aus der Umgebung des Khediven in die Welt gesetzt wurde. Dies ist auch die Privatmeinung in Kreisen, die der Iewish Agency nahestehen. Außerdem ist bemerkenswert, daß weder der Exkhedive noch die englische Regierung, die teils von den Dokumenten, teils von Großmann ausdrücklich als Miturheber der Vorschläge bezeichnet wurden, ein Dementi herausbrachten. Aber ob die Dokumente echt sind oder nicht: Tatsache ist, daß Abbas Hilmi seit nachweisbar etwa einem Jahre Absichten auf Palästina hat. Er hatte teils persönlich, teils durch seinen politischen Sekretär Dr. Machmud Asmi, den früheren Chefredakteur der Kairoer „Siassa", des Organs der liberalen Partei Ägyptens, Besprechungen mit führenden Persönlichkeiten der verschiedenen jüdischen Gruppen in Europa wie hier — in Europa auch mit den Kreisen, aus denen jetzt die Enthüllungen erfolgten. Bei diesen Besprechungen handelte es sich hauptsächlich um die Beilegung dessen, was man üblicherweise, wenn auch sehr oberflächlich, die arabisch-jüdische Frage nennt. In Ägypten hat man diese Bestrebungen des ehemaligen Khediven so ernst genommen, daß der Ministerpräsident Sidky Pascha eigens herkam, um ihnen entgegenzuarbeiten. Jetzt laufen in Kairo sogar

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