Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 7 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 97 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kachrichtenblatt üer Israelitischen KultuSgemeinüen in München/ Augsburg/Hamberg unö ües VerbanüeS Hagerischer Israelitischer Gemeinüen Israelitische Gemeinüezeitung Erscheint am 1. unö if. jeüen Monats. — Verlag: L. heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas plinganserstraße 64, sternruf 7z <5<$4 unö 7J66J/ Postscheck München 5?87, Jahr. Anzeigenpreis: Die 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 ReichSpfenm, vchristleitung: Or. Luöwig Keuchtwanger, München, Grillparzerstraste ZS Kamilienanzeigen, Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 Relchspfennr, Vlll. Jahrgang München, i, April 1§>ZL Bc. 7 Inhalt: Leonid Pasternak, 70 Jahre alt — Judentum und deutscher Geist — Um Palästinas Königsthron — Aus der Gemeinde München — Aus bayerischen Gemeinden — Vereine — Bücherschau — Geschäftsnachrichten — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über Wahlen zur' Tagung — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemcinde München: Bekanntmachung über Verteilung von Präbenden aus der Jakob und Klara Frommschen Familienstiftung — Bekanntmachungen der Jsrraelitischcn Kultusgemeinde Augsburg: Rechnungsabschluß für 1931 — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg: Haushaltplan Leonid Pasternak, 70 Zähre alt Geboren 4. April 1862 in Odessa Wie viele seiner russischen Landsleute hat Pasternak das Schicksal erfahren, auf der Höhe des Lebens aus der Bahn geworfen, der Heimat und Sicherheit entrissen, in die Freinde und ins Ungewisse verschlagen zu werden. Wer indes diesen Künstler nur einen Augenblick sieht, die aufrechte Gestalt dieses Siebzigjährigen, den sieghaften Ausdruck des lebensvollen Gesichts, der versteht sofort, das; es sich in diesem Falle um keine unverwindliche Tragik gehandelt hat, daß dieser Mann auch in der Fremde über seinem Schicksal steht. Pasternak ist nicht verbannt und nicht geflüchtet. Gern hätten wohl die Bolschewiken, so eifrig auf die Kunst ihres Landes bedacht, diesen Professor der Moskauer Kunstakademie, der Pasternak seit 1894 gewesen, auf seinen Platz gehalten. Dennoch ging er. Schied im besten Einvernehmen von den Machthabern, die er oft genug, bei vertraulichen politischen Beratungen sogar, hatte zeichnen dürfen. Auch denkt er nicht daran zurückzukehren. Sicherlich weil das aske-- tische Heroentum Moskaus seinen; Lebensrhythmus widerstrebt. Dann aber auch, weil die Fremde ihm irn Grund gar nicht frernd ist, sondern ihn in die Welt seiner Jugend, seines Werdens und Aufstiegs zurückführt. Denn Pasternak hat zwar in seiner Geburtsstadt Odessa den ersten Zeichenunterricht erhalten und auf der Moskauer Kunstschule die ersten Studien absolviert, aber seine wichtigste Lehrzeit hat er in München durchgemacht. Hier war er dem Impressionismus und damit der ihm innerst verwandten Kunstrichtung begegnet und hatte die dauerndsten Einflüsse erfahren. 1921 nach Deutschland zurückgekehrt, fand er alte Kollegen und Freunde wieder, Lovis Corinth vor allem. Charakteristisch für seine Freundschaft mit Corinth sind die beiden Porträts, in denen sie, jeder den anderen, der Ewigkeit überlieferten. Schon früh hat der Künstler seine Begabung für Menschendarstellung bewiesen. Mit 27 Jahren bringt ihm sein „Brief von Hause" den Erfolg, das Bild wird von der Tertjakoff-Galerie angckauft. Sein Ruf steigt mit der „Gebet in der Blindenschule". Hermann Cohen in Marburg Seine „Studenten vor der Prüfung" erringen sich die Münchener Goldene Medaille und wandern ins Muse de Luxembourg. Noch ist damals aber für Pasternak nicht der Cinzelmcnsch und der isolierte das Wesentliche, vielrnehr seine Gebundenheit im Milieu, im rahmenden Erlebnis. Das zeigen seine Schaliapin- und Tolstoibilder, vor allem die Serie seiner in Rußland sehr bekannten Illustrationen zu Tolstois „Krieg und Frieden" und „Auferstehung". Der Dichter selbst soll beim Anblick des „Gepeitschten" in „Auferstehung" Tränen vergossen haben. Die gleiche Lust an der Darstellung gruppierter Menschen beweist sich in den Bildern seiner Familie, meist Doppel- und Triple-Porträts, zuletzt in einem der Glanzstücke der eben gezeigten Jubiläumsausstellung „Liebermann, eine Ausstellung eröffnend". Wahrscheinlich war es Tolstoi, dessen überragender Typus den Künstler zur Vertiefung in den selbstherrlichen Einzelmenschen brachte. Unzählige Male hat er den Weisen von Jasnaja Poljana skizziert, die Porträts spiegeln ergreifend seine Größe. In die Tiefe zurückgedämmtes Menschenleid, bäuerische Einfalt, kühne turmstarke Kraft und himmelgerichtetes Sehertum sprechen aus den breitpinslig hingeworfenen Zügen. Vergleicht man darnit die Anmut der Schaliapinbilder, die warme Menschcnnähe der viel späteren Skizze „Hermann Cohen auf dem Marktplatz zu Marburg" oder die intime intelligible Feinheit des jetzt ausgestellten „Professor Cisner", so hat man die ganze Spannweite der Cinfühlungsfähigkeit ausgemessen, die diesem Maler eignet. Die gleiche Vertiefung ins Menschliche verraten die Bildnisse jüdischer Persönlichkeiten, die auf der Berliner Ausstellung vor 10 Jahren zu sehen waren, der Frischmann, Bialik, Sokolow, Tschernichowski, des Adolf von Harnack, jetzt des großartigen Gerhart Hauptmann. Ein Gipfel ist aber und bleibt die Vision vom greisen Corinth, wie der, angesichts des Todes, doch unsterbliche Künstlerwille, hingerissen und verbissen den Pinsel führt. Schon die Reihe der eben aufgeführten jüdischen Namen zeigt, daß