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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-03-15 · 6 (15.3.1932) · p. Seite 83

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
6 (15.3.1932)
Date
1932-03-15
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 83 Lin Wirtjdjaftsjubiläum von öffentlichem Interesse Die Firma Hermann Tietz 50 Jahre alt Im israelitischen Kalender der Münchener Kultusgemeinde 1951/32 war angesichts des bevorstehenden Jubiläums aus Kurt Zielenzigers vorzüglicher Porträt-Sammlung „Juden in der deutschen Wirtschaft" (Weltverlag, Berlin 1950) ein Auszug aus dem Kapitel „Die Familie Tietz" abgedruckt. Wie aus dem kleinen Laden in Gera, der am 1. März 1882 unter der Firma Hermann Tietz eröffnet wurde, ein Weltkonzern entstand, hat Zielenziger aus besten Quellen zuverlässig und amüsant geschildert. Er hat dabei sachverständig die große volkswirtschaftliche und im besten Sinne volksfreundliche Bedeutung dieses Unternehmens ins Licht gerückt. Am 1. März 1952 blickt somit die weltbekannte Warenhausfirma Hermann Tietz auf ein 5Ojähriges Bestehen zurück. Das Stammhaus wurde am 1. März 1882 in Gera von Hermann und Oskar Tietz gegründet. Es war ein kleiner Laden mit einem Schaufenster. Aber das Prinzip war schon das des modernen Warenhauses: Man verkaufte nur gegen feste Preise und gegen bar und der Leitsatz lautete: Großer Umsatz — kleiner Nutzen. Der 1. März 1882 stellt so einen Merkstein in der Geschichte der deutschen Wirtschaft dar. Nach der Geburt seines Sohnes Georg übersiedelte Oskar Tietz nach München und errichtete dort am Stachus, in den Räumen des früheren Cafe Imperial, das erste deutsche Warenhaus. Erft als sich der Warenhausgedanke durchgesetzt hat, zieht die Firma Hermann Tietz nach Berlin. Am 26. September 1900 wird in der Leipzigerftraße am Dönhofplatz das erste Berliner Warenhaus der Firma Hermann Tietz eröffnet. 1906 wird das Warenhaus am Alexanderplatz eröffnet. Ihm folgt das dritte Warenhaus in der Frankfurter Allee, ein viertes in der Chausseeftraße. Als Hermann Tietz 1907 stirbt, ist der Ruf der Firma fest begründet. Unter Oskar Tietz' Führung wird auch der Schritt zur Eigenfabrikation unternommen. Eine Reihe von Fabrikationsbetrieben, daneben eigene Handels- und Verwaltungsunternehmen, entstehen, die in 22 verschiedenen Gesellschaften zusammengesetzt werden. Heute wird das Haus von Oskar Tietz' Söhnen, Georg und Martin Tietz, sowie seinem Schwiegersohn Dr. Hugo Zwillenberg geleitet. Durch die Angliederung der Warenhäuser der Firma M. Conitzer & Söhne, durch die Übernahme der Iandorffschen Warenhäuser, besonders des Kaufhaus des Westens, wird der Bereich der Firma Hermann Tietz immer größer. Dem Prinzip der Gründer folgend, ist das Haus im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Warenhausunternehmen noch immer Familienbesitz. Judentum, liberaler Staat und Nationalsozialismus von Dr. Hanns R e i s s n c r, Berlin 2n der Schriftenreihe der Jüdischen Rundschau hat Dr. Gustav K r o - janker seinen im November 1931 gehaltenen Vortrag „pum Problem des neuen deutschen Nationalismus" veröffentlicht. Cr nimmt darin aber nicht nur, wie der Titel erwarten läßt, zum Nationalsozialismus Stellung, sondern gibt auch eine Rechenschaft über Wahrheitsgehalt und Wert der l i b e r a le n Staatsidee, die an der Wiege seiner Generation, der heute Vierzigjährigen, stand. Versetzt man sich aus der Gegenwart um vierzehn Jahre zurück in die Zeit der Weimarer Nationalversanrmlung, so erscheint es kaum noch glaubhaft, daß der Entwurf eines liberalen Staatsrechtlers von jüdischem BekennMis ungetarnt als Berfastungsurkunde des Zweiten Reichs vorgelegt und beschlostcn werden konnte. Inzwischen ergriff ein neuer Nationalismus als treibende Kraft unsere Umwelt. Krojankcr bezeichnet es als „kurzsichtig, die äußere Erscheinungsform dieses Prozeffes mit dem Wesen der Sache zu identifizieren". Der Nationalsozialismus sei noch keine konsolidierte Partei, sondern eine Bewegung. Der dünne Schleier eines Prosperitätsoptimismus, der der liberalen Welt das Fremdheitsgefühl der Maste gegenüber den Juden verhüllt habe, ist gefallen. Wie können wir, fragt Krojankcr, auch in der kommenden Zeit als innerlich freie, ungebrochene Menschen wciterleben? Aber wie hat denn, fragt er zuvor, der Jude in den langen Zeiträumen seiner Geschichte gelebt, in denen noch keine liberale Welt ihn zur Teilnahme aufgerufen hatte? „Mit seinen alten Büchern und mit seinen alten Träumen", lautet die Antwort. Was früher nur intellektuelles Studiunr war, wird jetzt wirklich Besitz, — ein tieferer Begriff von der Kontinuität jüdischer Geschichte, ein erlebter Begriff: „Wir erleben das Auf und Ab unseres Geschicks, von dem wir vorher nur wußten." Der Jude, besten Charakter sich in dem Strom der Welt gebildet hat, versenke sich in die alten geistigen Werte, um immer wieder zu wissen, um wessentwillen er die Gestaltung seines eigenen Schicksals betreibt! Macht geht nicht vor Humanität. Die Gedankenwelt der Propheten, von der noch auf das Vernunftbild des Liberalismus im 19. Jahrhundert ein Abglanz fiel, innner wieder verraten und immer wieder als Mäntelchen benutzt, ist rrotzdein eine „Realität von solcher Kraft, daß noch die stärkste reale Macht sich wenigstens mit ihr umkleiden muß, um Macht bleiben zu können." Deshalb lautet für den Nationalsozialismus Krojankers Prognose: wenn er sein nationales Gefühl nicht mit übernationalem Denken zu verbinden wiste, „dann mag er wohl berufen sein, eine vorübergehende Rebellion anzuzetteln, aber niemals dazu, das Leben auch nur seines Volkes auf eine neue dauerhafte Grundlage zu stellen". In Krojankers Schlußwort heißt es: „Und an dieser Wahrheit, die besagt, daß auch Nation nur ein Baustein ist, daß Gewalt verfällt und daß auch jeder politische Akt letzten Endes an dem Maßstab jener göttlichen Ordnung zu mesten ist, um die der Mensch, wenn er sich noch so weit von ihr entfernt, doch immer zuinnerst weiß — an dieser Wahrheit wollen wir auch durch keine Zeitumstände rütteln lasten, damit dem Begriff des jüdischen Volkes die Weihe bleibe, um derentwillen wir zu ihm stehen." — Dieser kurze Bericht kann nicht mehr als Andeutungen über die Fülle der Gedanken geben, die in Krojankers Vortrag zusammengedrängt sind. Man wird an Ernst Tröltschs Rede über „Naturrecht und Humanität in der Weltpolitik" 1923 und Pierre Vienots Essay „Ungewisse Deutschland" 1951 erinnert, die — der Deutsche von innen, der Franzose von außen — eine deutende Selbstbesinnung über die geistigen Kräfte der deutschen Gegenwart versuchten. Krojankcr betrachtet das gleiche Problem von innen und außen zugleich, als deutscher Jude mit seinen besonderen Blickpunkten. Für das Judentum ist der Widerstreit zwischen Idee und Gewalt das politische Urproblem; auch der Mythos vom Juden als dem Bösen schlechthin, mit dem die Hitlerbewcgung die Masten cntflamnrtc, stammt nicht von heute. „Sondern in jeglichem Geschlecht stehen sie wider uns auf, uns zu vernichten", heißt es bereits in der Haggada. Nur uns Kindern des liberalen Bürgertunrs geschieht damit etwas Neues. Aber wenn wir die Probe bestehen, „werden wir aus dem Erschütterungsprozeß, der jetzt durch die Welt geht, i n n e r l i ch mn vieles stärker, unbedingter und gefestigter hervorgchen, als wir es in der ganzen Nachkriegszeit gewesen sind". —

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