Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-03-15 · 6 (15.3.1932) · p. Seite 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
6 (15.3.1932)
Date
1932-03-15
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727950-2727956--08544-2741740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

82 bayerische Israelitische Äemeindezeituttg Nr. 6 Allerdings: Purim hat dennoch den Charakter eines Tages, an dem auch jene andere Verhaltungswcisc, das Ressentiment, ihr Recht will. Ein Buch in der Bibel ist dem Haß freigcgcben: die Esthcrrolle, in der freilich als dem einzigen Gottes Name fehlt und deren Aufnahme in den Kanon ganz besonders umstritten war. Doch nun steht „Esther" im Kanon, und so entspricht diesem einen Haßbuch auch der eine Tag des Hasses: Purim. Wäre dem wirklich ganz so: noch immer brauchten stch Juden nicht zu schämen und dürften sich an die kluge Apologie eines verstorbenen Rabbiners halten: „Ihr habt Blut vergossen, und wir haben Tinte vergossen." Aber es ist nicht eininal so. Denn was ward aus Purim? Der einzige Tag im jüdischen Jahr, der dem sonst verpönten Thcaterspiel geweiht ist: Maskeraden, Verkleidungen. Aus dem Volksfeind Haman wird Kasperle, aus dem Haß harmloser Spott, aus der nüchternen Geschichtsbetrachtung, die zum Rausch des Hasses führen könnte, der Rausch der Freude, die keinen Unterschied mehr bewahrt zwischen dem verfluchten Haman und dem gesegneten Mordechai." — Diese überlegenen Sätze von Ernst Siinon sind wahrhaft versöhnend und aus seinem echt humanistischen und ebenso echt jüdischen Geist geschrieben. Wir denken an Purim und auch an Goethe. Das ist unser Zeitbewußtscin. Das gehört zu unserem sonderbaren Schicksal, dem wir nicht entrinnen können und das wir bejahen müssen, um nicht in die Krankheit des Selbsthasses und Welthasses zu verfallen. Hans Heinrich Schaeder, der bedeutende junge Berliner Orientalist, hat über die Zeitgemäßheit von Goethe-Gedenkstunden jüngst vielleicht das Beste gesagt: „Ob es in unserem Volk ein sicheres gern eins chafts bildendes Erbe des Glaubens und der Menschlichkeit gibt, das sich de in Einzelnen freundlich mittcilt, müssen wir in Tagen wie diesen beunruhigten Herzens fragen. Uns richtet das Gedenken des Einen auf, der die in unsere in Volk lebendigen Kräfte des Glaubens und der Menschlichkeit in seine>n Werk verewigt hat, das Gedenken Goethe s." pater Kartmann 6rifar 5. fl. Gestorben am 25. Februar 1932 Dem Gedächtnis eines bedeutenden Münchener Geschichtsforschers Der Tod dieses feinen Gelehrten, den jeder Dauerbesucher der Münchener Staatsbibliothek, besonders des Handschriftenzimmers kannte, ruft auch dem Außenstehenden die Rolle ins Gedächtnis, die in seinem dreibändigen klassischen Luther-Werk die Behandlung der Juden durch Martin Luther spielt. Pater Grisar schließt sich in der Darstellung dieses wichtigen Abschnittes aus der Reformationögeschichte und in der wissenschaftlichen Würdigung der berüchtigten Pamphlete Luthers gegen die Juden weitgehend den Forschungen von Reinhold Lewin „Luthers Stellung zu den Juden" aus dem Jahr 1911 an. Lewin, der heute als erster Rabbiner in Königsberg i. Pr. wirkt, hat in einer ausnehmend geglückten, streng wissenschaftlichen Forschungsarbeit dieses Thema abschließend geklärt; sein Ergebnis ist von der protestantischen und katholischen Seite anerkannt. Grisar beurteilt Luthers wütende Anwürfe „Von den Juden und ihren Lügen" (1542) und „Vom Schem Hamphoras" (1543) sehr objektiv und ruhig: „Was Luther mit den zwei Schriften auSrichtete, war von. fraglichem Wert"; er hebt besonders „den himmelschreienden Gegensatz" der Sprache und Tonart der großen katholischen frommen Männer in ihren Äußerungen über die Juden „gegen die obigen wüsten Niederungen" eines Luther hervor. In einigen deutschen Territorien könnte damals der treue Iosel von RoSheim — dessen Andenken alle deutschen Juden in Dankbarkeit segnen — ein Verbot jener Luther- Pamphlete, einer wahren Saat des Judenhasses, erwirken. — Pater Grisar folgt in dem gleichen großen Lutherwerk einem anderen jüdischen Schriftsteller und zwar in der Darstellung und Beurteilung der sozialen Taten und der Sozialethik des Luthertums (Grisar, Luther, Bd. III, S. 547 — 567): „Die Änderungen, die seit Luther in der sozialen Fürsorge herbeigeführt wurden, sind ausschließlich negativ." Auch die protestantisch gerichtete führende Forschung (vgl. vor allem Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen; 3. Aufl. S. 587 ff. und Ioachimsen in Borcherdts Luther-Auswahl, Bd. VI. S. 437 f.) hat sich dieser Beurteilung heute genähert: Die katholische und die lutherische Forschung beruft sich dabei ausdrücklich, in immer wiederkehrenden Hinweisen auf die quellenmäßige Darstellung aus den Jahren 1908/09 von Ludwig Feuchtwanger, dem Herausgeber dieser Zeitung und Schreiber dieser Zeilen. So ist es begreiflich, daß der Tod Grisars diese Zusammenhänge wieder in Erinnerung ruft. Pater Hartmann Grisars Gelehrten-Leben und Dienst an der Wahrheit war in jeder Beziehung vorbildlich. Einer der größten neueren katholischen Kirchenhistoriker ist mit ihm dahingegangen. Berühmt und geradezu historisch sein Auftreten auf den: Kongreß katholischer Gelehrten in München im Jahr 1900! Wir lassen darüber einen im Leben und in der Forschung mit ihm eng Verbundenen das Wort: „In programmatischer Rede betonte Grisar (damals auf dem Münchener Kongreß) die Notwendigkeit, auf alte, auch liebgewordene, Legenden, Reliquien, Traditionen und dergleichen die historischen Gesetze mit aller Strenge anzuwenden. Besser sei es, daß wir Katholiken mit dem der Sache angemessenen Ernst der vollen Wahrheit zum Siege verhülfen, als daß die Gegner immer wieder zum Schaden gläubigem Gemüter die kritische Sonde ansetzten. Der Vortrag, der so bestimmt das Gesetz historischer Wahrheit als Gesetz der katholischen Forschung proklamierte, stieß auf Befremden und Widerspruch... Eine genauere Prüfung des Inhalts aber trug ihm die volle Billigung der vorgeordneten kirchlichen Kreise ein und wirkte weithin wie eine Erlösung." Pater Hartman» Grisar gehört zu den Gestalten wie Döllinger, Pastor, Denifle, Paulus, Grauert, die der katholischen Forschung neues Ansehen verliehen. Papst Leo XIII., selbst ein Mann von unbestechlicher Wahrheitsliebe und großer wissenschaftlicher Unbefangenheit, hielt seine Hand über ihn. Später unter Papst Pius X. durfte er den einzigartigen, seit Anfang des 16. Jahrhunderts nicht mehr geöffneten Schrein der mittelalterlichen Papst-Kapelle Sancta-Sanctorum eröffnen, den er in einem umfangreichen Werke 1908 bestimmte und beschrieb. Sein bedeutendstes Werk bleibt seine Frühgeschichte des Papsttums: „Rom beim Ausgang der Antike." Neben der deutschen, französischen und englischen Ausgabe dieses Grundwerkes erschien 1931 die italienische in dritter Auflage. Als am 25. Februar 1932 in einem der kleinen Krankenzimmer des Innsbrucker Iesuitenkollegs das Leben dieses hochbetagten Mannes erlosch, ging mit ihm einer der bescheidensten und edelsten Persönlichkeiten dahin. Von ihm sagte derselbe Gewährsmann, den wir schon oben zitierten: „Das Geheimnis seiner Leistung war: eine überaus glückliche Anlage für historische Forschung, ein unermüdlicher Fleiß und ein brennender Eifer für die Wahrheit... Vitam impenäere Vero. Dienst an der zeitlichen und ewigen Wahrheit, das war fein Leben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.