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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-03-01 · 5 (1.3.1932) · p. Seite 72

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
5 (1.3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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72 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 festgefügte Familie, der Vater Don Domenico, der trotz aller Wechselfälle seines Schicksals für die sechs Kinder etwas von Gottähnlichkeit behält, und die bunt verschiedenen sechs Menschenköpfe .... alle leben und atmen sie auf dem Hintergründe der paradiesischen Stadt Neapel, man könnte sie zeichnen und fühlt sich auch oft und oft versucht es zu tun... Und dennoch ifts, als ob sie nicht allein da wären, lebten, liebten, litten; als ob hinter ihnen ein Geisterheer stünde, das ihre Worte spräche, ihre Taten ausführte... Hinter allen den manchmal spannenden Vorgängen des Vordergrunds webt der Hauch einerandern Welt: das ist der besondere Reiz und die manchmal fast magische Anziehungskraft des Buches ... Wie aber siebt es in dieser Welt aus? Und welches sind ibre Probleme? Von allem Anfang seines Schaffens an hat Franz Werfel, einer der wenigen überzeitlichen Dichter, die wir haben, e i n Gedanke erregt und immer wieder erregt: das ist das Problem der Eltern und Kinder, mehr noch des Vaters und des Sohnes. Grenzenloses Lieben, das zu kalter Feindschaft werden kann — „Feindschaft der geschiedenen Lebensalter"; und dennoch dann wieder „an des Tisches hauserhabenem Frieden" spürt man die Wallung gleichen Blutes... U n d die leichte Hand zuckt nach der greisen Und in einer wunderbaren leisen R ü b r u n g stürzt der Raum.... Die Worte stehen in Werfels erstem Gedichtband „W i r sind" (1913). Sie könnten ebenso gut als Motto über dem Tore seines neuen Buches stehen. Damit aber ist schon gesagt, daß sie für Werfel ein Lebensthema bedeuten; daß sie in seiner eigenen Iugendentwicklung tief verwurzelt sind — und daß die Familie Pescarella, die hier streng patriarchalisch im katholischen Neapel lebt, wo die Kirchenglocken läuten und dämmrige Altäre aus dem grellen Sonnenlicht zu schweigender Versenkung locken, im Grunde nichts anderes ist als der Typus der altjüdischpatriarchalischen Familie, deren feste jahrhundertealte Bindung und deren Lockerung durch den Umsturz der Zeiten Werfel als ein Mit-Lebender und Mit-Fühlender an sich und seinen Freunden und Genoffen erlebte und erlitt, wohl auch erkämpfte. „Familien-Dämmerung" nennt der Züricher Psychologe C. G. Jung einmal unsere Zeit; und wie recht er mit diesem Worte bat, das wird einem nirgends so deutlich, als wenn man wie in Werfels Buch wieder einmal ins Gefüge einer Familie aus alter Zeit hineinsieht. Solche Familien gab es vielleicht im bürgerftolzen Italien der vor-faschiftischen Epoche; solche Familien gab es sicher im alten bürgerlichen Judentum. „Es ist der Sinn jeder Familienrunde um einen großen Tisch, daß ihre Mitglieder einander zugewandt sind, während sie der Welt den Rücken kehren" — mit der Schilderung eines solchen Familienmahles beginnt das Buch, wo der Vater wie ein König inmitten seines Volkes unter seinen Kindern, „der sechsfachen Vervielfältigung und Erweiterung seiner selbst" sitzt. Und man fragt sich: Ist es nicht ein jüdischer Familientisch — ist es nicht ein Sederabend, der hier beschrieben wird? Nun aber wohnen sie doch in Neapel, die Pescarellas, der Stadt der lachenden Lebensfreude — aber auch der Stadt der hundert Kirchen, der grünumhegten Klöster, der verzückt frommen Schwestern. Sollte dieser neue Zauber, Weihrauch, Kirchengeläut, Klosterfrieden nicht mit der alten Macht in Kampf geraten? — In der Tat ist dies das geheime Thema des Buches. Hier geschieht die Lockerung einer Familie; und sie geschieht im Innersten nicht dadurch, daß Wechselfälle des Geschickes das gottgleiche Oberhaupt treffen — ein betrügerischer Mitarbeiter bringt ihn um sein Vermögen — im Gegenteil: das schmiedet die Familie bei räumlicher Trennung innerlich noch fester aneinander. Sondern die fremde Welt dringt von außen ein und will die Verbundenen trennen: der lockende Ruf der Liebe ertönt der schönen Grazia, der nicht minder lockende Ruf der Kirche erklingt zwei anderen der Geschwister ... und der Vater bleibt allein, erniedrigt, fast geschändet... Da aber tritt die Wendung ein im Schicksal dieser Familie — eine Wendung, die man nicht recht versteht, wenn man nicht der anderen Welt denkt, die im Herzen ihres Schöpfers lebte. Nein, so darf es nicht kommen, sagt die Ewigkeit der Familie. Und da zwingt sie den Retter herbei, einen richtigen Retter aus dem Märchen, wenn er auch Arthur Campbell heißt und ein vermögender und geschäftstüchtiger Engländer ist. Der liebt nicht nur die schöne Grazia, sondern er befreit auch den Vater aus dem Schuldgefängnis und richtet den zerstörten Wohlstand der Familie wieder her. Noch mehr und noch bezeichnender: er nimmt auch den Kampf mit der Verlockung der Kirche auf und gewinnt die opferfrohe Annunziata der tätigen Liebe im Hause des Vaters zurück. Sonnenlicht siegt über das Kirchendämmer. Franz Werfel mag sich noch so tief verbergen, mag die Masken seiner Helden noch so kunstvoll zusammenfügen: Hinter dcr katholischen Familie der Pescarella in Neapel steht nichts anderes als die altjüdische Familie unserer Voreltern. Ihre Gefährdung war unsere Gefährdung; ihr Sieg ist unser Sieg ... Aber auch ihre Wandlung wird unsere Wandlung sein... 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